Helga Peskoller im Interview

Der Körper geht weiter als die Vorstellung

Gipfel-Gespräche • 2. Mai 2020

Über Zen und Wandern, die Anziehungskraft der Berge und warum es im Leben reichen würde, nur zu gehen. Die Pädagogin und Bergsteigerin Helga Peskoller im Gespräch. Das Interview ist im Bergwelten Magazin (April/ Mai 2016) erschienen.

„Mich reut keine einzige Minute, die ich draußen und oben war. Mich reuen jedoch einige Stunden, Tage, Monate, vielleicht auch Jahre, die ich zu viel herunten war.“
Foto: Sebastian Stiphout
„Mich reut keine einzige Minute, die ich draußen und oben war. Mich reuen jedoch einige Stunden, Tage, Monate, vielleicht auch Jahre, die ich zu viel herunten war.“

Interview: Markus Honsig

Bergwelten: Das Klettern und Bergsteigen beschäftigt Sie schon Ihr ganzes Leben, als Sportlerin und als Erziehungswissenschaftlerin. Was ist denn schwieriger: das Hinaufsteigen oder das Nachdenken darüber? Das Tun oder das Schreiben darüber?

Helga Peskoller: Eindeutig das Schreiben. Und das Denken, das dem Schreiben ein Stück weit vorausgehen und es begleiten sollte. Ich würde sagen: In erster Linie bin ich Bergsteigerin, ich bin am Berg groß geworden. Erst in zweiter Linie bin ich Wissenschaftlerin. Ich wäre nicht Wissenschaftlerin geworden, wenn der Berg nicht so viele Probleme und Fragen aufgeworfen hätte.

Welche Probleme macht denn der Berg?

Berge sind schon historisch zwiespältig, sie sind Hindernis und Übergang zugleich. Auch beim Klettern sind sie eigenartige Partner. Sie rühren sich nicht, nicht sehr. Sie stehen einfach da und kümmern sich nicht um einen. Das macht vielleicht ihre Anziehungskraft aus.

Ist das mit der Natur nicht immer so?

Das kann schon sein. Das Meer kümmert sich auch nicht um einen, da haben Sie schon recht. Deswegen gehe ich auch gern dorthin – wo man sich selber um die Dinge kümmern muss, wo man Respekt haben muss, wo man wissen muss, dass man immer der Schwächere ist.

„Bergsteiger versuchen, die Vorstellung durch die Realität zu ersetzen...“
Foto: Sebastian Stiphout
„Bergsteiger versuchen, die Vorstellung durch die Realität zu ersetzen...“

Sie haben einmal geschrieben, dass Sie sich oben nicht mehr selbst im Weg stehen. Ist es oben besser als unten?

Anders natürlich. Oben ist es auch nicht immer gut. Und herunten kann es auch ganz schön sein. Ich bin nun in einem Alter, in dem man schon ein Stück zurück schauen darf. Und mich reut keine einzige Minute, die ich draußen und oben war. Mich reuen jedoch einige Stunden, Tage, Monate, vielleicht auch Jahre, die ich zu viel herunten war. Da kann man manchmal schon ein bisschen wehmütig und traurig werden, wen man darüber nachdenkt, dass man zu wenig draußen war, zu wenig lang oben war.

Der französische Philosoph Blaise Pascal meinte einmal, alles Unglück der Welt komme daher, dass die Leute nicht daheim bleiben.

Was Pascal damit meint, ist schon interessant. Er geht dem Phänomen der Langeweile nach und sagt, den Menschen sei sofort langweilig, wenn sie nicht beschäftigt sind. Die große Aufgabe wäre es daher, auch ohne Beschäftigung zur Ruhe zu kommen. Das könnte auch heute noch gelten.

Kann man im Gehen zur Ruhe kommen?

Da gibt man keine Ruhe, da ist man ja in Bewegung. Sie sollten Zen versuchen: Ich bin einmal drei Wochen jeden Tag neun Stunden schweigend am Boden gehockt. Das ist wesentlich härter als Gehen oder Weitwandern.

Sie haben es anfangs schon erwähnt: Sie sind am Berg groß geworden. Ihre Eltern haben die Bettelwurfhütte im Karwendel bewirtschaftet, Sie haben viele Sommer am Berg verbracht. Was haben Sie von oben mitgenommen, was haben Sie gelernt in den Bergen?

Vieles, Kochen zum Beispiel. Ich kann für viele Leute kochen. Oder mit ganz wenigen Mitteln etwas machen. Meine Lieblingsbeschäftigung als Kind war, im Geißstall hinter der Hütte an meinem kleinen Berggarten zu arbeiten, die Berge ringsum mit Steinen immer genauer nachzubauen. Ich konnte dann im Kleinen das Große sehen, mir vorstellen, wo man sich anhalten, wo man raufkommen kann. 

„Der Körper geht weiter als die Vorstellung“
Foto: Sebastian Stiphout
„Der Körper geht weiter als die Vorstellung“

Sie haben den schönen Satz geschrieben: Der Körper kommt weiter als die Vorstellungskraft. Eine überraschende Aussage für eine Geisteswissenschaftlerin.

Schön, dass Sie den gefunden haben. Das geht auf das Jahr 2002 zurück. In der Kunsthalle in Hall wurde eine Ausstellung eröffnet, die hieß „Going to the Extremes“. Ich durfte damals eine Podiumsdiskussion gemeinsam mit Bergsteigern und Künstlern moderieren. Es war aufregend, die haben ganz viel miteinander geredet, die Kletterer haben nachgefragt, die Künstler haben nachgefragt, alles war wunderbar. Bis es zum Bruch kam. Die Künstler und die Kletterer haben sich so sehr angenähert, dass sie letztendlich gedacht haben, sie machen ziemlich das Gleiche.

Aber dann gab es doch einen Unterschied, und den hat einer der Bergsteiger relativ locker erklärt: Der Unterschied ist, sagte er, wenn ich hinunterfalle, bin ich unter Umständen wirklich tot. Wenn ihr mit eurer Fantasie bruchlandet, steht ihr vielleicht sozial schlechter da, aber ihr lebt immer noch. Das war der Punkt. Und den wollten die Künstler nicht gelten lassen. Dass es ein Unterschied ist, ob man seelisch am Boden ist oder auch physisch stirbt. Das haben sie als Anmaßung der Bergsteiger gesehen, die pathetisch sind, überheblich, die sich zu etwas Überbesonderem machen. Aus dieser Situation heraus entstand dieser Satz.

Sie haben sich auf die Seite der Bergsteiger gestellt?

Der Gedanke ist der: Wir wissen alle, dass wir irgendwann sterben müssen. Würden wir aber immer daran denken, könnten wir überhaupt nichts mehr tun. Wir könnten nicht mehr leben, nicht mehr lieben, gar nichts mehr. Also versuchen wir so zu tun, als würden wir nicht gleich sterben. Und öffnen damit einen Raum, wir stellen Kultur her. Die Kunst macht den größten Raum aus. Künstler öffnen einen Raum der Vorstellung, der Imagination, wo nicht nur sie, sondern auch möglichst viele andere Menschen hineingehen können.

Was tun Kletterer? Was tun Extremsportler? Sie schieben den Raum wieder zusammen, es ist eine extreme Verdichtung. Sie setzen sich aus, berühren unter Umständen den Tod. Bergsteiger versuchen, die Vorstellung durch die Realität zu ersetzen, setzen ihren Körper voll ein, weil sie es ganz genau wissen wollen, wie es wirklich ist. Das ist ihr riskantes Geschäft. Bergsteiger machen wahr, was sie sich vorstellen. Das ist der Hauptunterschied, um den es damals ging: Der Körper geht weiter als die Vorstellung.

Zur Person

Helga Peskoller, Jahrgang 1956, ist Professorin für Erziehungswissenschaften an der Universität Innsbruck. Als Bergsteigerin hat Peskoller Mitte der 1970er-Jahre einige Frauen Erstbegehungen gemacht, als Wissenschaftlerin hat sie zahlreiche Beiträge rund um das Thema Alpinismus verfasst, unter anderem auch die Bü̈cher „Extrem“ (Verlag Böhlau) und „Bergdenken“ (Eichbauer Verlag).

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