Hütten

8 skurrile Biwakschachteln der Alpen

• 17. Dezember 2020
von Robert Maruna

Abgesehen von vier Wänden und einem Dach über dem Kopf haben eine Biwakschachtel und ein 5-Sterne-Hotel wenig gemeinsam. Und das ist auch gut so, denn eine Biwakschachtel soll dazu dienen, in Not geratenen Bergsteigern eine wind- und regengeschützte Notunterkunft zu bieten. Oder sie wurde aufgestellt, um die Begehung von extrem langen Touren überhaupt erst möglich zu machen. Einige dieser Biwaks sind nicht nur praktisch, sondern haben auch ganz außergewöhnliche Formen. 

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Foto: DAV Sektion Mainz
UFO oder Biwak? Das Rheinland-Pfalz Biwak auf dem Wassertalkogel (3.252 m), Ötztaler Alpen

1. Rheinland Pfalz Biwak, 3.247 m

Ötztaler Alpen / Tirol / Österreich

Auf den ersten Blick erinnert das Rheinland-Pfalz Biwak an ein futuristisches Flugobjekt aus Stanley Kubricks epochalem Meisterwerk „2001: A Space Odyssey“ und fast möchte man meinen, dass sich die orange Raumkapsel aus der Zukunft in die Ötztaler Alpen verirrt hat. Seit 1973 - vielleicht auch deswegen die Parallelität zu Stanley Kubricks Vorstellung einer fliegende Untertasse - thront die fliegende Biwakschachtel auf dem Gipfel des Wassertalkogels (3.252 m) und bietet Platz für neun wagemutige extraterrestrische Astronauten oder eben bergsteigende Erdbewohner. Die Aussicht auf ferne Galaxien durch die Dachlucke der Biwakschachtel ist auf jeden Fall atemberaubend.

Das Rheinland-Pfalz-Biwak steht auf dem 3.252 Meter hohen Wassertalkogel, einem Gipfel auf dem Geigenkamm in den Ötztaler Alpen in Tirol. Die Notunterkunft befindet sich etwas unterhalb, westlich des Wassertalkogels auf dem Mainzer Höhenweg. Es handelt sich um einen orangefarbenen, weithin sichtbaren, mit Drahtseilen gesicherten Oktaeder. Das Biwak wird von Geigenkamm- und Hochtourengehern, die zwischen Weißmaurachjoch und Braunschweiger Hütte unterwegs sind, angesteuert. Der Mainzer Höhenweg erfordert hochalpine Erfahrung, Trittsicherheit sowie Steigeisen und Eispickel. Der Standort der Notunterkunft bietet einen unvergleichlichen Blick auf die Wildspitze, den zweithöchsten Berg Österreichs und höchsten Berg Nordtirols, die Ötztaler Alpen, die Stubaier Alpen, den Kaunergrat mit der Waze Spitze sowie die Kaunergrathütte. Das Biwak ist ein reines Matratzenlager für in Not geratene Alpinisten – aufgrund seiner lebensrettenden Funktion sollte sorgsam damit umgegangen werden. 
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2. Günther Messner - Hochferner Biwak, 2.510 m

Zillertaler Alpen / Südtirol / Italien

Das nach dem am Nanga Parbat verunglückten Günther Messner, Bruder des gleichnamigen Extrembergsteigers Reinhold, benannte Biwak befindet sich am Wandfuß (2.510 m) der Hochfeiler Nordwand im Zillertal. Die orange-gelbe Biwakschachtel dient einerseits der Bergrettung Sterzinig als Stützpunkt für Rettungseinsätze und andererseit als Ausgangspunkt für die Steileistouren am Hochferner, Griesferner oder der Nordwand des Hochfeiler - ein Klassiker unter den alpinen Steilwandabfahrten. Das oft besuchte und meist überfüllte Biwak bietet neun Abenteurern Platz auf ihrem Weg zum Gipfel.

Hütte • Trentino-Südtirol

G. Messner-Hochferner Biwak (2.510 m)

Im hintersten Pfitschertal steht am Wandfuß der Hochferner-Nordwand das 1972 errichtete Biwak (2.510 m). Es ist nach dem am 29. Juni 1970 am Nanga Parbat verunglückten Günther Messner, dem Bruder von Reinhold Messner, benannt. Das Biwak ist der Ausgangspunkt für Steileis-Touren am Hochferner, Griesferner und Hochfeiler, die höchsten Gipfel der Zillertaler Alpen.  Unmittelbar hinter der Notunterkunft beginnt die Hochferner-Nordwestwand, die als klassische Eistour des Alpinismus gilt. Das Gebiet hinter und oberhalb des Biwaks sollten erfahrenen Bergsteigern, Hochtourengehern und Kletterern vorbehalten bleiben. Die gelbe Biwak-Schachtel dient der Bergrettung Sterzing als Stützpunkt bei Rettungseinsätzen und hat oberhalb einen Hubschrauber-Landeplatz eingerichtet. Das Biwak ist ein reines Matratzenlager für in Not geratene Alpinisten – aufgrund seiner lebensrettenden Funktion sollte sorgsam damit umgegangen werden. 
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3. Großglockner Biwakschachtel, 3.205 m

Glocknergruppe / Kärnten / Österreich

Der Großglockner, der höchste Berg Österreichs und das Wahrzeichen der Alpenrepublik, beherbergt neben der Erzherzog-Johann-, der Stüdl- und Lucknerhütte auch eine der bekanntesten Biwakschachtel der Ostalpen. Die an der Nordseite gelegene Großglockner Biwakschachtel befindet sich in 3.205 m Höhe, auf einem Höhenrücken nordöstlich der Hofmannspitze. Das baufällige metallene Iglu hat im September 2020 aber einen würdigen Nachfolger erhalten, der direkt dahinter aufgestellt wurde. Das neue, modern designte Biwak ist nun Ausgangspunkt für jegliche Routen in der Nordwand des großen Glockners. Während das alte Biwak lediglich 8 Personen Platz bot, können im neuen 15 Bergsteiger in Schlafkojen mit Matratze, Polster und Decken übernachten.

Früher klebte das Grossglockner-Biwak wie ein Iglu aus Metall an den steilen Abhängen des höchsten Bergs Österreichs (auf Kärntner Seite) und wurde auch Glocknerwandcamp genannt. Seit Oktober 2020 steht an der selben Stelle das neue Glockner-Biwak, das nun Platz für 15 Personen bietet, die den Großglockner über die Nordseite erklimmen wollen. Gleich geblieben ist der fantastischen Ausblick über die Hohen Tauern. Das Biwak ist ein reines Matratzenlager für in Not geratene Alpinisten – aufgrund seiner lebensrettenden Funktion sollte sorgsam damit umgegangen werden. 
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4. Lalidererspitzen-Biwak, 2.500m

Karwendel /  Tirol / Österreich

Rein optisch wäre es wenig überraschend, wenn das Lalidererspitzen- oder auch als Karl-Schuster-Biwak bezeichnete Feldlager als Raumbasis auf der dunklen Seite des Mondes und nicht oberhalb der Laliderer Wände auf 2.495 m mitten im Karwendel liegen würde. Das alte Polybiwak auf der Mero-Plattform musste 1997 einer silbergrauen, aus Aluminium- und Holzkonstruktion gefertigten Behausung weichen. Das Dach besteht aus einer 2 mal 2 Meter großen Plexiglaskuppel, die tagsüber Licht und in klaren Nächten ein Einschlafen unter einem Meer aus Sternen ermöglicht. Fast wie ein Biwak im Freien; nur mit Strom aus Solarpanelen, einem Kochplatz und einer direkten Telefonverbindung zur Tiroler Bergrettung. Portier oder Bellboy gibt es keinen, dafür 12 Schlafplätze im vielleicht modernsten Biwak der Alpen.

Das Lalidererspitzen-Biwak (2.500 m), auch Karl-Schuster-Biwak genannt, zählt zu den modernsten Biwakschachteln in den Alpen. Gelegen oberhalb der Laliderer Wände und der Laliderer Spitze im Naturpark Karwendel, ist das Biwak ein Notfall-Stützpunkt im Falle eines Schlechtwettereinbruchs oder einer Verletzung. Maximal dient es noch Bergsteigern, die in die Dunkelheit geraten als Schlafmöglichkeit. Das Biwak ist keine Ausflugshütte und kein Ort für private Feiern. Es muss primär für in Not geratene Bergsteiger und Bergsteigerinnen frei bleiben. Es gibt kein Wasser, 6 Personen finden Unterschlupf.
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5. Gruberscharten Biwak, 3.100m

Glocknergruppe / Salzburg / Österreich

Nicht unweit des Großglockners entfernt findet sich eine weitere alpine Raumkapsel, die auf den Namen Gruberscharten-Biwak hört. Das in leuchtend orange gehaltene Poly-Biwak besteht aus glasfaserverstärktem Kunststoff und befindet sich auf 3.100 m Seehöhe zwischen Klockerin und dem Großen Bärenkopf in den Hohen Tauern. Es wurde 1970 errichtet, 2014 einer Renovierung unterzogen und sieht aus, als ob es jederzeit startklar wäre, um neun neugierige Raumfahrer in ferne Galaxien zu schicken oder eben als Notunterkunft zu dienen. Je nach Vorhaben und Unterfangen.

Das Gruberscharten-Biwak liegt auf 3.100 m an der Gruberscharte zwischen Großem Bärenkopf (3.406 m), Hoher Dock (3.348 m) und Klockerin (3.422 m) in der Glockner-Gruppe (Salzburg). Es handelt sich um ein Not-Lager für hochalpine Bergwanderer und Skitourengeher, die auf Grund der Witterung Probleme haben. Die Biwak-Schachtel vom Typ „Poly-Biwak“ besteht aus glasfaserverstärkten Kunststoffplatten und bietet rund 9 Personen Unterschlupf.  
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6. Toni Adam-Dr. Obersteiner Biwak, 2.300m

Dachsteingebirge / Steiermark / Österreich

Das Toni Adam Biwak steht 50 Meter unterhalb des Gipfels des größten freistehenden Bergs Europas, dem Grimming (2.351 m). Es sieht aus wie eine Miniaturausgabe einer klassischen Märchenhütte der Gebrüder Grimm. Soweit so schön, weniger erfreulich ist der Grund für die Errichtung des Biwaks mit dem markanten Doppelnamen. 1948 kamen zwei der damals erfahrensten und versiertesten Alpinisten des Ausseerlandes, Franz Meier und Karl Resch, bei einer Rettungsaktion am Grimming ums Leben. Ironie des Schicksals: der vermeintlich verlorengegangene Linzer Bergsteiger Eduard Kargl konnte am Morgen des Rettungsversuches von anderen Bergsteigern geborgen werden und saß bereits im Zug nach Hause, während die beiden Ausseer Bergführer auf der Suche nach dem Vermissten ihr Leben am Berg lassen mussten.

Das Toni Adam-Dr. Obersteiner-Biwak liegt auf dem Gemeindegebiet Tauplitz im Dachstein-Gebirge, zirka 50 Meter unter dem Gipfel des Grimming. Die einfache Biwak-Schachtel, die bis zu vier Personen Unterschlupf bietet, existiert in dieser Form seit 1992. Der Unterstand in der Steiermark wurde nach dem 2. Weltkrieg gebaut, da zwei Bergführer in der Nähe ums Leben gekommen waren. Der Aufstieg zum Biwak, das lediglich mit Bänken ausgestattet ist, ist nur erfahrenen Wanderern zu empfehlen.Das Biwak ist ein reines Matratzenlager für in Not geratene Alpinisten – aufgrund seiner lebensrettenden Funktion sollte sorgsam damit umgegangen werden. 
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7. Linderhütte, 2.683m

Gailtaler Alpen / Osttirol / Österreich

Die Linderhütte (2.683 m) auf dem Spitzkofelgrat in den Lienzer Dolomiten zählt zu den ältesten Biwakschachteln der Alpen. Errichtet wurde die Hütte im Jahre 1884, vom örtlichen Bäckermeister und Bergpionier Ignaz Linder. Seitdem hat sich dort oben wenig verändert. Der Spitzkofel (2.718 m) steht noch immer und der gusseiserne Ofen von damals, den Linder auf seinen Schultern 2.000 Höhenmeter den Berg hinauf schleppte, ebenso. Wer sich gerne im romantischen Anblick des Sonnenauf- und untergangs verliert, dem sei die Linderhütte wärmstens empfohlen.

Hütte • Tirol

Linderhütte (2.683 m)

Die Linderhütte des ÖTK ist eine einfache Biwakschachtel auf 2.683 m in den Lienzer Dolomiten, hoch über Stadt Lienz. Ihr exponierter Platz am Spitzkofelgrat, östlich der des Spitzkofels (2.718 m) macht besonders bei Bewunderern des Sonnenauf- und untergangs beliebt. Zudem ist diese einfache Notunterkunft die älteste Hütte in den Lienzer Dolomiten. Erbaut wurde sie zwischen 1883 und 1884 von Ignaz Linder, einem bedeutenden Erschließer der Lienzer Dolomiten. Im Jahre 1958/59 wurde sie nochmals neu aufgebaut und in den letzten Jahren immer wieder erneuert. Das Biwak ist ein reines Matratzenlager für in Not geratene Alpinisten – aufgrund seiner lebensrettenden Funktion sollte sorgsam damit umgegangen werden. 
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8. Solvay Hütte, 4.003m

Walliser Alpen / Wallis / Schweiz

Die Schutzhütte Solvay liegt auf 4.003 m am Hörnligrat, dem Nordostgrat des Matterhorns. Sie wurde 1915 errichtet und zählt aufgrund ihrer exponierten Lage zu den bekanntesten und gleichzeitig am seltensten benutzten Hütten der Schweizer Alpen. Viel mehr gibt es über dieses schön gelegene Prachtexemplar von Notunterkunft nicht zu sagen, wenn da nicht die wundervolle Aussicht wäre...

Hütte • Wallis

Solvayhütte (4.003 m)

Die Solvayhütte ist eine Schutzhütte am Matterhorn bei Zermatt in den Walliser Alpen im Kanton Wallis. Sie ist ein Kuriosum unter den Schweizer Hütten: Auf keiner Hütten wird so selten übernachtet und dennoch sind nur wenige so bekannt wie sie. Warum? Weil die Hütte eine unbewartete Biwakschachtel ist. Eine Notunterkunft, die einzig und allein die Aufgabe hat, Bergsteigern, die am Matterhorn (4.478 m) in eine Notlage gekommen sind, Schutz zu bieten. Und damit ist auch ihr Bekanntheitsgrad erklärt: Sie liegt äußerst exponiert auf halber Strecke am Hörnligrat. Und der Hörnligrat ist der meist begangene Anstiegsweg auf das Matterhorn, einem der bekanntesten und anspruchsvollsten Berge der Welt. Die 1915 erbaute Hütte hat außer einem Dach über dem Kopf eigentlich nichts zu bieten,aber genau das ist für eine Notunterkunft das Wichtigste. Da ist ein Hüttenwart, der eine warme Mahlzeit oder ein Bier bringt, zweitrangig. Dafür hat man von hier aus eine herrliche Aussicht auf die atemberaubende Walliser Bergwelt. Das Biwak ist ein reines Matratzenlager für in Not geratene Alpinisten – aufgrund seiner lebensrettenden Funktion sollte sorgsam damit umgegangen werden. 
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