Kajakfahrer am Ufer der Lech
Foto: Rudi Wyhlidal
Wassersport

Wildwasserfahren am Lech

• 10. August 2021

Wildwasserfahren ist die Achterbahn-Variante des Ruderns. Dauernd geht es die Wellen rauf und runter. Der Unterschied: Boot läuft nicht auf Schienen. Eine Lehrstunde am Lech, einem der letzten unverbauten Flüsse der Alpen.

Markus Huber für das Bergweltenmagazin März 2018

Es rumpelt und rüttelt, überall spritzt das Wasser, und auf einmal ist da eine Strömung, die vorher nicht da war. Sie kommt von rechts, spült erst unter das Boot und drückt es dann gegen einen Stein, der plötzlich mitten in der Fahrrinne aufgetaucht ist und sich gefühlt zwei Meter hoch aus dem Wasser erhebt. Okay, wahrscheinlich ist er deutlich niedriger, aber für einen Anfänger werden aus der Perspektive eines Kajaks selbst Kieselsteine zu gewaltigen Klippenspringer-Felsen, vor allem wenn die Strömung das Boot in ihre Richtung spült und es so wackelt wie jetzt. 

„Keine Angst haben!“, hatte Ute davor gesagt, Ute, die Kajaklehrerin, „wenn du zu nah an den Felsen kommst, dann lehn dich einfach auf ihn drauf, ja nicht von ihm weg.“ Was leichter gesagt ist als getan: Warum soll man sich zu etwas hinlehnen, von dem man eigentlich nur dringend wegwill? 

Jetzt muss der Felsen irgendwo da sein, links vom Boot, das Paddel berührt ihn bereits. Tatsächlich hinlehnen? Okay. Plötzlich greift eine andere Strömung, sie drückt das Boot nach rechts, über eine kleine Geländestufe nach unten, weg vom Felsen, der Bug taucht ins Wasser. 

Es spritzt wieder gewaltig, ein ganzer Schwall landet im Mund, weil das mit der Nasenatmung nicht so richtig klappt. „Geschwindigkeit stabilisiert das Boot“, hatte Ute noch erklärt – also paddeln, mit voller Kraft, auch wenn nicht wirklich klar ist, wo es hingeht. Dann wird es endlich ruhiger. Der Lech. Von seinem Ursprung in Vorarlberg fließt er knapp 260 Kilometer durch Tirol und Bayern, bis er bei Donauwörth in die Donau mündet. 

In Österreich ist er noch weitestgehend naturbelassen und einer der letzten unverbauten Flüsse des Landes. Seit Jahren schon ist die Gegend ein Natura-2000-Schutzgebiet, als Naturpark Tiroler Lech ist die Gegend für ihren Artenreichtum bekannt. Das macht den Fluss für Biologen und Naturliebhaber interessant, die am und im Lech seltene Fische, Vögel und Orchideen beobachten können.

Es macht ihn aber auch für eine andere Gattung von Naturfreunden interessant, und deshalb stehen wir jetzt in Steeg am Oberlauf des Lech und prüfen ein letztes Mal die Ausrüstung. Wir, das sind Ute, die 40-jährige Kajaklehrerin, ihre beiden Freundinnen Sabine und Romana und ich, und unsere Ausrüstung, vier Kajaks.

Ausblick auf den naturbelassenen Lech flussabwärts von Stockach
Foto: Rudi Wyhlidal
Der Lech, flussabwärts von Stockach. Im Hintergrund die Peischelspitze (2.424 m).

Schwimmen oder Rollen

Es rumpelt und rüttelt, überall spritzt das Wasser, und auf einmal ist da eine Strömung, die vorher nicht da war. Sie kommt von rechts, spült erst unter das Boot und drückt es dann gegen einen Stein, der plötzlich mitten in der Fahrrinne aufgetaucht ist und sich gefühlt zwei Meter hoch aus dem Wasser erhebt. 

Okay, wahrscheinlich ist er deutlich niedriger, aber für einen Anfänger werden aus der Perspektive eines Kajaks selbst Kieselsteine zu gewaltigen Klippenspringer-Felsen, vor allem wenn die Strömung das Boot in ihre Richtung spült und es so wackelt wie jetzt. 

Wir wollen von Steeg aus den Lech befahren, rund zwanzig Kilometer flussabwärts. Diese Strecke gehört zu den beliebtesten Kajaktouren Österreichs, weil es einerseits klassisches Wildwasserfahren ist, mit Stromschnellen und Wirbeln, mit unterschiedlichen Strömungen und Gegenströmungen. Andererseits ist der Lech aber von Steeg abwärts als Wildwasser der Klasse II–III kategorisiert, das ist die zweitniedrigste von sechs Stufen und nur unwesentlich schwieriger als eine Tour durch das Wellenbecken im örtlichen Freibad. 

Laut Ute kann das jeder, der sich ein oder zwei Tage auf einem See mit der Grundtechnik des Paddelns vertraut gemacht hat. Wildwasserfahren ist ein wenig wie die Achterbahn-Variante des Ruderns. Dauernd geht es die Wellen rauf und runter. Die Wellen bremsen manchmal, dann beschleunigen sie wieder wie aus heiterem Himmel. Immer wieder kommen, selbst wenn man aufpasst, von irgendwoher unvorhergesehene Schupser, die einen aus dem Gleichgewicht bringen können. 

Manchmal liegt man so in der Kurve, dass einen die Fliehkräfte fast raustragen, und dann legen sie einen überfallsartig in die Gegenrichtung. Der kleine Unterschied zur Achterbahn: Das Boot läuft nicht auf Schienen. Wenn man glaubt, dass das Boot umkippt, dann kann es durchaus sein, dass es wirklich umkippt. Auch am Lech. 

Menschen, die schon länger paddeln, würden in so einem Fall einfach eine sogenannte Eskimorolle machen, also einmal das Boot um die eigene Längsachse drehen und dann das Boot mit einem Hüftknick samt gut getimtem Paddelschlag wieder aufrichten. Wer das nicht kann, geht schwimmen – und muss dann das Wasser aus dem Boot ausleeren. „Als ich zum ersten Mal im Boot saß, bin ich, glaub ich, vier- oder fünfmal schwimmen gegangen“, sagt Ute, „aber irgendwie hat es mich richtig süchtig gemacht.“

Die Vierzigjährige ist 1999 zum ersten Mal in einem Boot gesessen und seit damals nicht wieder davon losgekommen. Seit nicht ganz zehn Jahren betreibt sie mit ihrem Partner eine Kajakschule in Pettneu am Arlberg, im Sommer ist sie, soweit es geht, jeden Tag im Wasser. Im Herbst übersiedelt sie nach Indien, fährt dort mit Freunden und Bekannten die Flüsse in der Grenzregion zu Nepal ab. Und wenn es dort mit den Wasserständen nicht mehr passt, geht es nach Chile. Auf allen drei Kontinenten hat Ute mittlerweile Kajaks liegen.

Wildwasserfahren am Lech

Mehr Vögel gibt's nirgendwo

Langsam schlängelt sich der Lech durch die pittoresken Gemeinden des Außerfern, sanft und ohne übertrieben hohe Fließgeschwindigkeit, und sobald wir das Geradeauspaddeln besser verstanden haben, bleibt auch genug Zeit, rechts und links vom Boot zu schauen. Auf beiden Seiten des Lech ziehen sich die Lechtaler Alpen nach oben, diese Bergriesen, die so charakteristisch sind für ihre saftige Grasnarbe, die sich bis rauf zu den Gipfeln zieht, und deswegen auch vom Fluss ganz intensiv grün ausschauen. 

Während man paddelt, merkt man wirklich, dass man sich in einem Naturschutzgebiet befindet – es gibt hier mehr Vögel als sonst wo in Österreich, von den 150 in Tirol lebenden Arten kommen 110 hier vor, selbst seltene wie der Weißrückenspecht oder der Flussuferläufer, hin und wieder hört man Frösche quaken.

Nirgendwo bilden sich Engstellen oder gar Schluchten, der Fluss hat überall genug Platz. Immer wieder erheben sich in der Mitte des Flusses kleine Sandbänke, wie Inseln liegen sie da, und an schönen Sommertagen kann man das Kajak an Land manövrieren und ein bisschen sonnenbaden.

Um tatsächlich zu baden, könnte es im Sommer allerdings manchmal etwas eng werden. Auch in Elbigenalp ist der Wasserstand dann kaum höher als 1,50 Meter.
Schwimmen wäre da eine Herausforderung. Vielleicht sogar eine größere als Paddeln.

Kajakfahrer tragen das Boot
Foto: Rudi Wyhlidal
Manchmal trägt man das Kajak auch gern zurück, um einen Flussabschnitt ein zweites Mal zu befahren
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