16.100 Touren,  1.700 Hütten  und täglich neues aus den Bergen
Anna Milazzi und ihr Hund Finn auf der Loipe
Foto: Sam Strauss
Langlaufen

Skijöring in den Nockbergen

• 13. September 2021

Der Hund läuft, und der Mensch lässt sich durch die Landschaft ziehen: Ganz so gemütlich ist Skijöring dann doch nicht – Langläuferin Anna Milazzi und Hund Finn zeigen, wie es geht.

Katharina Lehner für das Bergweltenmagazin Juni 2020

Gute Gesellschaft verändert die Wahrnehmung, wie man die Zeit erlebt. Das gilt generell für alle Tage und Stunden. Und es gilt speziell in den Bergen. Je nachdem, mit wem wir unterwegs sind, wandelt sich unser Fokus. Was nehmen wir wahr? Was sehen und hören wir? Wie anstrengend ist die Tour? Wie schön glitzert der Schnee?

Der Wunsch nach guter Gesellschaft verbindet Menschen. Aber nicht nur: Hinausgehen, auch wenn man keine Lust hat, weil es stürmt und schneit; sich sicher fühlen, weil man nicht allein im nächtlichen Wald unterwegs ist – auch die Gesellschaft eines Hundes verändert das Erleben.

„Ich komme aus dem Leistungssport und habe sehr viel allein trainiert – Langlauf ist eben kein Teamsport. Die Trainings werden deshalb irgendwann langweilig. Auch als ich mit dem Leis­tungssport aufgehört habe, habe ich mir beim Wandern oder Laufen immer gedacht: Es wäre so schön, einen Kum­pan zu haben, jemanden, mit dem ich das alles teilen kann.“

 

Anna und Finn beim Spielen im Schnee
Foto: Sam Strauss
Für Anna Milazzi und Finn zählt nicht nur der Sport – auch gerauft werden darf im Schnee.
Anzeige
Anzeige

Die 28-jährige Kärntnerin Anna Milazzi ist mit dem Langlaufsport aufgewachsen – in ihrer Jugend war sie Profi-Langläuferin, hat nach dem Ende ihrer Karriere weiterhin an Volkslanglauf-Rennen teilgenommen und ist heute einfach zum Spaß unterwegs. Aber nicht nur das Langlauf-Gen hat sie von zu Hause mitbekommen, sondern auch die Veranlagung zur Rudelbildung. Sechsundvierzig Hunde hatten die Eltern, begeisterte Schlittenhundesportler, in ihren Hochzeiten. Heute, zwanzig Jahre später, führt Anna die Familientradition in minimalistischer Form weiter: beim Skijöring mit Weimaraner-Mischling Finn.

„Skijöring ist Langlaufen mit Hund. Das kommt aus den skandinavischen Ländern und ist dort ein Traditions­sport. Der Hund zieht dich, und du skatest hinterher. Ich wollte das un­bedingt machen, und deshalb habe ich mir extra einen Hund genommen, der das kann und selbst Freude daran hat.“

Anna wird von ihrem Hund Finn beim Langlaufen gezogen
Foto: Sam Strauss
Finn zieht gekonnt – Anna Milazzi hält hinten auf Skiern das Gleichgewicht. Dass es einen Zug an der Hüfte gibt, daran muss man sich beim Langlaufen erst gewöhnen. Dann geht es aber gleich rasant dahin.

Für die Langläufer, Skitourengeher und Winterwanderer, die rund um die Höhenloipe Schönfeld auf einer See­höhe zwischen 1.700 und 2.100 Metern unterwegs sind, ist das Duo jedenfalls eine Attraktion. Das kleine Salzburger Wintersportgebiet gleich an der Grenze zu Kärnten ist frisch angezuckert. Eine dicke Schneedecke liegt in der Ebene und rastet an den Hängen.

Der Hütten­wirt des Almstüberls – eines der weni­gen Häuschen hier oben – hat die Loipe gerade gespurt. Man hört einen Hund bellen, dann hört man eine Frauen­stimme rufen: „Heja! Heja!“ Und schon flitz­en ­die ­beiden­ an ­den ­Zuschauerin­nen­ und­ Zuschauern­ vorbei:­ Vorn­ Finn­ im Laufgeschirr, dann Anna mit Hüft­gurt, Langlaufskiern und Stöcken. Eine Bungee­leine­ verbindet­ das­ Gespann.
 

„Das erste Mal, als Finn und ich unterwegs waren, war ein Highlight. Finn war gerade einmal 12 Monate alt, und schon als Welpe war er sehr zugfreudig – was beim normalen Spazierengehen etwas anstrengend sein kann. Jetzt hat er aber gewusst: Er darf ziehen. Und was macht er? Er zieht an – mit voller Kraft. Ich falle. Er zieht weiter, schleppt mich hinter sich her. Ich rufe, dass er stehen bleiben soll, aber wir sind auf einer harten, eisigen Spur, also rutsche ich leicht und falle ihm nicht zur Last. Bis er verstanden hat, was los ist, wa­ren wir dreißig Meter weiter. Das war unsere erste Erfahrung mit Skijöring.

 

Finn hat sich sein Futter beim Training verdient
Foto: Sam Strauss
Langlaufski, Stöcke, zwei Gurte, eine Leine – das ist alles, was man an Ausrüstung braucht. Und: Futter für die richtige Motivation natürlich.

Heute sind die beiden ein eingespieltes Team. Das liegt unter anderem daran, dass nicht nur im Winter gemeinsam gesportelt wird. Matthias Stonig, einer der besten Enduro-Biker Österreichs, ist das dritte Mitglied des Rudels und mit Finn vor allem im Sommer unterwegs. Auch das eine oder andere Bikejöring-Rennen haben die beiden schon gewonnen. Der Unterschied zum Skijöring? Die Leine wird nicht am Radler selbst befestigt, sondern am Rahmen des Bikes. Und die Gemeinsamkeit? Der Hund zieht.

„Als wir letztes Jahr bei der österrei­chischen Meisterschaft waren, hat uns Newcomer natürlich noch niemand ge­kannt – ein paar Leute haben geschaut, weil der Finn nicht gerade aussieht wie ein schneller Hund. Dann haben wir das Ding aber mit respektablem Vor­sprung gewonnen, und alle wollten wissen: Was ist das für eine Zucht? Wer sind seine Vorfahren? Ich habe ge­antwortet: Der Finn ist aus einer Inter­net-­Kleinanzeige, er hat 250 Euro ge­kostet und ist ein Bauernhofhund. Alle waren überrascht. Und nachdem ich im Interview gesagt habe, dass auch der beste Hund einem schlechten Rad­fahrer nichts bringt, haben sie auch ein bisschen blöd geschaut.“

Matthias Stoning hält Finn am Arm
Foto: Sam Strauss
Verkehrte Rollen: Im Sommer zieht Finn das Gewicht von Matthias Stonig auf dem Enduro-Bike – jetzt wird er für ein Porträt auf den Arm genommen.

Beim Beobachten wirkt das Langlaufen mit Hund sehr gemütlich – das Tier macht die Arbeit, die Läuferin/der Läufer lässt sich durch die Landschaft ziehen. Doch wer Skijöring selbst ausprobieren möchte, sollte gut auf den Skatingskiern stehen und zumindest so weit mitarbeiten, dass der Hund nicht die Lust an der Aktivität verliert.

Auch an den mitunter recht ruckartigen Zug an der Hüfte, wo das Seil befestigt ist, muss man sich gewöhnen. Nur nicht das Gleichgewicht verlieren. Und dann sind da noch die Kommandos – die wollen von klein auf trainiert sein, erklärt Matthias Stonig:

„Wenn man mit dem Hund spazieren geht, sagt man vor sich hin, was man tut. Zum Beispiel ‚links‘ beim Links­abbiegen oder ‚rechts‘ beim Rechts­abbiegen, ‚gerade‘, ‚schneller‘, ‚lang­samer‘ oder ‚stopp‘. Und irgendwann merkt sich das der Hund.“

Anna, Matthias und Finn beim Essen im Schönfelder Almstüberl
Foto: Sam Strauss
Nach der Anstrengung soll man sich stärken: Im Schönfelder Almstüberl direkt an der Loipe isst und sitzt es sich gut. Und auch Finn darf naschen.

Wenn Finn „Heja!“ hört, dann weiß er: Jetzt wird Gas gegeben. In den Bewerben – ob auf Langlaufskiern oder mit Enduro-Bike – funktioniert das meist gut. Doch Finn ist für Anna und Matthias mehr Familienmitglied als Sportpartner, und so wird ihm ein eigener Wille zugestanden. Wenn er keine Lust hat, dann ist das halt so – umstimmen lässt er sich nicht. Ein Charakterhund vom Bauernhof eben und kein Zuchthund mit Stammbaum. Genau das macht ihn für Anna zum guten Kumpan, mit dem sie die Zeit in den Bergen ein bisschen anders wahrnimmt:

„Der Blick ändert sich. Man nimmt alles viel bewusster wahr, weil der Hund das auch tut. Manchmal sitzen wir gemein­sam auf dem Gipfel, und ich beobachte ihn dabei, wie er sich minutenlang einfach die Umgebung anschaut. Dann machen wir das zusammen.“

Abo-Angebot

Wenn die Wildnis ruft

  • 8 Ausgaben jährlich
  • Praktischer Wanderrucksack von Gregory als Geschenk
  • Wunsch-Startdatum wählen
  • Über 10% Ersparnis
  • Kostenlose Lieferung nach Hause
Jetzt Abo sichern

Bergwelten entdecken