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Aus dem Leben eines Alpinisten

Simon Messner: Weiter, immer weiter


3 Min. Lesezeit
von Simon Messner

In der Bergwelten-Kolumne erzählt Simon Messner von seinem Leben als Alpinist. Diesmal: Wird sich die eigene Rastlosigkeit irgendwann in Zufriedenheit verwandeln?

Simon Messner beim Bergsteigen am Gipfelgrat des Eiger
Foto: Simon Messner
Am Gipfelgrat des Eiger nach einer zweitägigen Besteigung im Winter (inklusive angefrorener Zehen)
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Lange Zeit war ich der Meinung, dass man als Bergsteiger irgendwann so viel erlebt haben würde, dass man sich gerne und zufrieden zurücklehnen kann. Ganz ohne jenen Drang zu verspüren, immer wieder immer weiter gehen zu wollen, ja zu müssen! Bereichert und gewachsen an unzähligen im Gebirge verbrachten Stunden und Tagen.

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  • Außerdem demütig geworden durch Anstrengungen und Erfahrungen, die einst unvorstellbar schienen, bis man sie eines Tages selbst erlebt hat. So in etwa stellte ich mir lange Zeit vor, würde es irgendwann kommen. Ich als alter Bergsteiger: bescheiden und zufrieden mit mir und der Welt. Vielleicht mit einer Tasse Tee in der Hand und gänzlich befreit von jenem inneren Drang etwas leisten zu wollen.

    Simon Messner bei einer Skitour auf den Fußstein
    Foto: Simon Messner
    Am frühen Morgen geht es zum 3.380 Meter hohen Fußstein in Tirol

    Beliebt auf Bergwelten

    Wie bei den meisten Alpinisten war auch meine frühe Vorstellung vom Klettern und Bergsteigen ein klein wenig blauäugig. Ich wusste anfangs, dass ich klettern wollte und dafür trainierte ich mehrmals die Woche. Ich wollte besser werden, meine Fähigkeiten ausbauen und diese danach im Freien erproben. Nach dem sommerlichen Klettern in den Dolomiten folgte für gewöhnlich eine Wintersaison im Eis.

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  • Bei guten Schneebedingungen ging ich auf Skitour und kletterte in der Halle. Dann folgte wieder eine Saison in den Dolomiten. Meine Motivation schien lange Zeit grenzenlos. Gab es doch so unvorstellbar viel zu entdecken: Ich wollte möglichst viele Routen wiederholen und viele Berge besteigen. Ich wollte also mehr, musste weiter, immer weiter.

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    Simon Messner beim Klettern in den Dolomiten
    Foto: Simon Messner
    Mit meinem Freund und Kletterpartner Philipp Prünster unterwegs am Heiligkreuzkofel in den Dolomiten

    Die Frage, ob das Bergsteigen eines Tages nicht mehr den Stellenwert einnehmen würde wie bisher, stellte sich mir nicht. Ich lebte im Jetzt und im Jetzt war kein Platz für ein Danach. Das Klettern war mir zu wichtig geworden, als dass ich darauf verzichten wollte. Allein der Gedanke an ein Leben ohne mein Klettern schien mir unvernünftig und keinesfalls erstrebenswert.

    Simon Messner beim Klettern in den Dolomiten
    Foto: Simon Messner
    In unserer neu erschlossenen Route „Lebe im Jetzt” auf den Cadinspitzen – im Hintergrund sind die Drei Zinnen zu sehen

    Und doch begann ich mich eines Tages zu fragen, wann jener Punkt erreicht sein würde, an dem sich Rastlosigkeit in Zufriedenheit verwandelt. Und ich wollte wissen, ob es einen solchen Punkt überhaupt gibt. Mit den Jahren und dem damit verbundenen Erwachsenwerden stellte sich mir diese Frage immer öfter, aber stets ohne eine Antwort darauf zu finden.

    Simon Messner auf Hochtour
    Foto: Simon Messner
    Hoch über dem Südtiroler Antholz sind wir schon bei Sonnenaufgang unterwegs. Im Hintergrund zeigen sich die Dolomiten
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    Heute sehe ich das alles relativ gelassen, denn meine Motivation ist – mit den allbekannten Aufs und Abs – noch immer ungebrochen. Es ist gut möglich, dass man im Alter milder wird, womöglich auch zufrieden ist mit dem, was man im Leben gesehen und erlebt hat. Möglicherweise braucht es das Klettern dann irgendwann gar nicht mehr. Genauso ist es möglich, dass das Klettern und Bergsteigen über die Jahre bestimmend bleibt. Beispiele dafür gibt es zur Genüge: Der Alpinist und Höhenmediziner Professor Dr. Oswald Oelz sagte noch im höheren Alter: „Ich habe unerhörte Lust auf noch viel mehr vom Gleichen.“

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  • Damit meint Dr. Oelz das intensive Leben, auf das er zurückblicken kann und das allem Anschein nach unbändige Verlangen nach noch mehr vom Gleichen. Somit bestätigt er meine Erkenntnis, dass Bergsteigen mit dem Alter nicht zwingend an Bedeutung verlieren muss. Zwar werden die Zustiege über die Jahre länger und die Wände zusehends steiler. Auch die kleinen Griffe scheinen dann nochmals zu schrumpfen. So will es der Lauf der Zeit. Das Gute dabei ist: Es kann uns vollkommen egal sein! Es kann uns egal sein, ob wir den zehnten oder den fünften Schwierigkeitsgrad klettern. Hauptsache, wir bleiben gefordert und halten jene faszinierende Motivation in uns aufrecht, die uns tagtäglich ermahnt: „Weiter, du musst immer weiter!“

    Simon Messner beim Klettern auf einer Hochtour
    Foto: Simon Messner
    Unbekanntes zu entdecken ist immer äußerst spannend – hier in den Zillertaler Alpen

    Und was gibt es denn Schöneres als ein „unnützes Tun“, das man sich persönlich zur wichtigsten Sache auf diesem Planeten gemacht hat? Nichts, gar nichts! Somit lebt das Bergsteigen auch weiterhin von dieser zum Teil überschwänglichen Motivation in uns, die schwer zu beschreiben, aber umso faszinierender ist.

    Mit Simon Messner auf einen 4.000er

    Du willst den Alpinisten persönlich kennenlernen und dabei gleich zwei Viertausender – das Breithorn (4.164 m) und den Alphubel (4.206 m) – erklimmen? Dann sei von 18. bis 21. August 2024 beim Bergwelten-Event in der Region Zermatt dabei!

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