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Paragleiter über dem Wolfgangsee
Foto: Philipp Forstner
Luftige Überraschungen

Paragleiten über dem Wolfgangsee

• 20. Oktober 2021

Paragleiten im Duett über dem glitzernden Wolfgangsee: Wir erleben drei luftige Überraschungen und einen Augenblick für die Ewigkeit.

Autor: Markus für das Bergwelten Magazin März/April 2015

Als Fluggast von Karin Limbach braucht man zwar keine besonderen Sicherheitschecks zu absolvieren. Einem kurzen, prüfenden Blick der Paragleiterin, mit der wir zu einem Tandemflug am Zwölferhorn in St. Gilgen verabredet sind, sollte man freilich schon standhalten. Eine Art Unfallversicherung für alle Beteiligten: Passt das Gewicht? Ist die nötige Laufbereitschaft vorhanden?

Die Anforderungen sind ohnehin nicht sehr hoch: Man sollte maximal hundert Kilogramm haben. Und man sollte ein paar Schritte trittsicher und flink einen Hang abwärtslaufen können. Eine gewisse Schwindelfreiheit mitzubringen kann auch nicht schaden. Eine Stunde später werden wir dank schöner Windverhältnisse gut tausend Meter über dem Wolfgangsee hängen und den sensationellen Ausblick kaum fassen können: Gefühlt sieht man alle Seen des Salzkammerguts – tatsächlich sind es bei guten Verhältnissen sieben – und alle Gipfel des Alpenbogens, jedenfalls aber Bischofsmütze, Dachstein, Rinnkogel und einige mehr.

Seilbahn
Foto: Philipp Forstner
Bergfahrt in der alten Zwölferhorn-Seilbahn.
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Der Beginn einer Leidenschaft

Wenn Karin dann den Schirm über dem Wolfgangsee für einen Moment zum Stehen bringt, ist der Augenblick gekommen, den man für immer festhalten möchte. Mindestens solange man nicht zwischen den eigenen Beinen nach unten schaut. Zurück zur Talstation der Zwölferhornbahn: Mit Karin, ihrem Chef Harti Gföllner, dem Leiter der Flugschule Salzkammergut, und ihrem Kollegen Tamás Kreisz gondeln wir mit einer der ältesten Seilbahnen Europas den Berg hinauf.

Exakt 16 Minuten und 20 Sekunden dauert die Auffahrt in den viersitzigen, abwechselnd rot und gelb lackierten Kabinen. Der Flug zurück ins Tal wird ungefähr ebenso lang dauern. „Das Zwölferhorn ist der ideale Schulungsberg“, sagt Harti, der in den letzten 25 Jahren gut dreitausend Gleitschirmpiloten ausgebildet hat.

„Selbst für weniger Geübte ist es relativ einfach, relativ lang in der Luft zu bleiben.“ Profis können von hier zu ausgedehnten Langstreckenflügen über sechs, sieben Stunden starten – vorbei an Schafberg, Loser, Grimming, Dachstein. Worauf man am Zwölferhorn aber achten sollte: „Bei Westwind kann das Lee turbulent und gefährlich werden.“ Ungünstige Wind- und Wetterbedingungen ernst zu nehmen – und im Zweifel eben nicht zu starten – gehört zu den wichtigsten Vorsichtsmaßnahmen, will man die Risiken des Paragleitens reduzieren. Auch wenn es ziemlich schmerzen kann, den Schirm wieder hinunterzutragen. Wir haben aber Ostwind, und zwar „perfekten Ostwind, über 20 km/h, nicht böig“, meint Karin, während sie den Schirm auspackt. „Viel laufen werden wir nicht müssen.“

Kontrolle des Schirms ist das Um und Auf

Das Spiel mit dem Wind beginnt

Wie eine Puppenspielerin mit dutzenden Fäden in der Hand breitet die Pilotin den Schirm am Hang aus, sortiert die Leinen: Liegt er richtig im Wind? Sind die Eintrittskanten für die Luft offen, die Leinen frei? Wohin bewegt sich der Schirm? Das Spiel mit dem Wind kann beginnen.

Der Start gehört zu den heiklen Phasen, ob man nun solo oder Tandem fliegt. Die spezielle Herausforderung des Tandemfliegens ist, dass man mit dem Gurtzeug fest aneinander geschnallt die ersten Schritte zu zweit machen muss – und dass der Vorgang grundsätzlich ein bissl ruppig werden kann. Drei, vier schnelle Schritte nach vor, um den Schirm in die Luft zu bringen.

Wanderer auf einer Wiese
Foto: Philipp Forstner
Der Marsch zum Startplatz beginnt.

Je nach Wind ein paar Schritte nach hinten, um ihn zu stabilisieren. Ein letzter Blick auf den Schirm, ob alles passt. Und jetzt vorwärtslaufen und besser nicht stolpern, bis man sicher abgehoben hat. Erste Überraschung: wie schnell man in der Luft ist. Zweite Überraschung: wie ruhig es in der Luft ist. Spätestens jetzt sollten sich mögliche Flugängste verflüchtigen – da gibt es wirklich nichts zum Fürchten. Dritte Überraschung: wie bequem man im Schirm hängt, genauer gesagt: sitzt.

Das perfekte Aussichtsbankerl, nur ohne Boden unter den Füßen. Der ist ein paar hundert Meter unterhalb. Karin ist eine angenehme Pilotin. Die 35 Jahre junge Frau lenkt den Schirm mit ruhiger und kundiger Hand, der Schirm folgt direkt und sanft jedem Zug an der Steuerleine. Ob sie mit Gast oder alleine fliegt, macht für sie keinen großen Unterschied, Fliegen ist immer schön.

„Ich mag das, wenn ich Menschen, die den ganzen Tag vor dem Rechner sitzen, die Welt aus einer anderen Perspektive zeige.“ Sie selbst hat das Paragleiten vor zehn Jahren in Neuseeland gelernt, seither haben sich die Prioritäten in ihrem Leben geändert. Im Jahr 2000 ist sie wegen des Paragleitens nach St. Gilgen gezogen: „Ein Berg und ein Gleitschirm – damit bin ich glücklich. Auf einen Berg hinaufgehen und hinunterfliegen, das ist die Königsdisziplin. Das ist so schön, da brauchst du nichts anderes auf der Welt.“ 

Ja, auch Männer spielen eine Rolle, aber im Zweifel eine eher nachrangige.

Harti Gföllner, 54. Chef der Flugschule Salzkammergut, 1985 Staatsmeister im Drachenfliegen. Hob mit Gleitschirmen unter anderem in Nepal von den Gipfeln der Ama Dablam (6.856 Meter) und des Tilicho Peak (7.134 Meter) ab. Tipp für Anfänger: „Man sollte seine Freunde nicht jedes Wochenende anrufen, um sich von irgendwo abholen zu lassen.“

Abflug aus 7.134 Meter

Ein Tandemschirm ist immerhin eine gute Möglichkeit, sich in dieser Frage nicht entscheiden zu müssen, weiß Harti Gföllner. Im Herbst 2000 etwa flog er in Nepal gemeinsam mit seiner Frau mit einem eigens angefertigten Tandemschirm vom 7.134 Meter hohen Tilicho Peak in das 4.300 Meter tiefer gelegene Jomsom-Tal.

Nie zuvor war ein Mensch von einem höheren Punkt der Erde mit dem Gleitschirm gestartet. Der Flug dauerte eine gute Stunde, der Fußweg hätte vier Tage in Anspruch genommen. Allein das ist ein guter Grund, darüber nachzudenken, den viertägigen Grundkurs fürs Paragleiten zu buchen: Man erspart sich den bekanntermaßen oft weniger beliebten Teil des Berggehens: das Absteigen. 

Das Surfen von Aufwind zu Aufwind hält die wahren Könner stundenlang in der Luft. „Thermikfliegen, das ist die große Kunst“, weiß Karin. Tricks gibt es keine, allein die Erfahrung macht den Meister. „Es kommt auf die Lufttemperatur, den Sonnenwinkel, den Wind an.“ Sie steuert unseren Schirm zur Ostflanke, einem der einschlägigen Plätze auf der Suche nach dem schnellen Lift nach oben.

Ein Lift, der an den besten Tagen mit fünf oder zehn Metern pro Sekunde aufwärtsfährt, „da reicht ein Vollkreis, und wir haben hundert Höhenmeter gewonnen“. An guten Tagen erreicht man auf diese Weise Höhen von über 4.000 Metern – genauer gesagt: konnte man früher erreichen. Zum unüberhörbaren Missfallen der Paragleiter wurde ihre erlaubte Flughöhe in diesem Jahr in manchen Gebieten auf deutlich unter 3.000 Meter eingeschränkt.

Zwei Paragleiter in luftigen Höhen
Foto: Philipp Forstner
Die Könner in der Luft surfen von Aufwind zu Aufwind und gleiten mit ihren Schirmen stundenlang von Berg zu Berg.

Auf der Suche nach dem nächsten Aufwind kann es übrigens zwischendurch vorkommen, dass Gleichgesinnte neben dem Schirm auftauchen, die ähnliche Interessen haben. Adler zum Beispiel. Diese Begegnungen gehören zu den besten Momenten, die ein Gleitschirmpilot erleben kann. „Sie schauen dich richtig an, betrachten dich als Freund und kommen dir ganz nah“, erzählt Harti. „Solange kein Horst mit jungen Vögeln in der Nähe ist“, ergänzt Karin, die auch schon unfreundlichere Adler erlebt hat. 

Fliegen wie ein Adler: Die Analogie mag jetzt nicht besonders originell sein, trifft aber das Gefühl in der Luft schon ziemlich genau. Direkter, unmittelbarer, intensiver lässt sich Fliegen nicht erleben. Schwer vorstellbar, dass dem uralten Traum vom Fliegen irgendetwas näherkommt (nur Drachenfliegen könnte vielleicht noch schöner sein, ist aber auch wesentlich umständlicher, was den Transport des Fluggeräts betrifft).

Und wer nicht vor Freude kreischen möchte, wenn Karin die Steuerleine etwas schärfer zur Hand nimmt und den Schirm in engen, schnellen Kreisen nach unten zieht, hatte als Kind am Kettenkarussell wahrscheinlich auch keinen Spaß. Solche Manöver kosten leider Höhe – das ewige Dilemma des Paragleitens: Mehr Action kann die Zeit in der Luft dramatisch verkürzen.

 

Karin Limbach mit ihrem Schirm zum Start unterwegs
Foto: Philipp Forstner
Tandempilotin Karin Limbach auf dem Weg zum Start. Gut 40 Quadratmeter Schirm müssen zusammengehalten werden.

Bitte noch einmal

Landung auf der Laimerwiese, unweit des Ortszentrums von St. Gilgen, sanft und sicher wie der gesamte Flug. Erster Gedanke: „Bitte noch einmal.“ Neben uns landet Tamás Kreisz mit einer Hamburgerin, Renate Cuneo, die von ihren Kindern den Tandemflug zum 60. Geburtstag geschenkt bekommen hat und offenbar den gleichen Gedanken hegt. „Echt genial, ich könnte das immer wieder machen.“ 

Obwohl sie am Start ziemlich aufgeregt war. Auch ihr zukünftiger Schwiegersohn, Lennart Maschmann, war das erste Mal mit einem Gleitschirm unterwegs und ist nicht weniger begeistert: „Wunderbar, sehr entspannt und ruhig. Kein Vergleich zu dem, was ich sonst kenne.“ Der Mann ist Fallschirmjäger bei der deutschen Bundeswehr und normalerweise kaum länger als eine Minute in der Luft.

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