der junge Sommer ins Gebirge steigt,
doch sehen wir sein Sprechen nur:
sein Atem quillt wie eines Wandersmanns
Es geben Eisgebirg' und Tann' und Quell
doch sehen wir die Antwort nur.
Denn schneller springt vom Fels herab
der Sturzbach wie zum Gruß
und steht, als weiße Säule zitternd da.
Und dunkler noch und treuer blickt die Tanne
Und zwischen Eis und totem Graugestein
bricht plötzlich Leuchten aus –
wird's wohl noch einmal Licht:
sein Kind umschlingt ihn harmvoll
Da sagt des Auges Leuchten:
Und Schneegebirg und Bach und Tann'
Und er – er küsst sie harmvoll,
er bläst sein Wort wie Schleier nur
da überläuft es schaudernd, wie
ein Glitzern, das Gebirg,
Sie denkt und schweigt. –
Friedrich Nietzsche
Friedrich Nietzsche, 1844 in Röcken (Sachsen-Anhalt) geboren, zählt zu den bekanntesten deutschsprachigen Philosophen überhaupt. Nach seinem Studium in Leipzig wurde er als außerordentlicher Professor für klassische Philologie an die Universität Basel berufen. Mit Verschlechterung seines Gesundheitszustands legte Nietzsche die Professur 1879 wieder nieder.
Fortan widmete sich der Philosoph diversen Reisen nach Frankreich, Italien und in die Schweiz. Insbesondere das Oberengadin hat es Nietzsche angetan: „St. Moritz (ist) der einzige Ort der Erde (...), der mir entschieden wohltut, bei gutem und schlechtem Wetter“, liest man in einem Schreiben an seine Mutter. In Sils-Maria im Engadin fand Nietzsche schließlich „den lieblichsten Winkel der Erde“.
Er sollte dort mehrere Sommer verbringen und – nicht zuletzt von der Kulisse des Hochgebirges inspiriert – eine seiner bedeutendsten Werke verfassen, darunter etwa „Jenseits von Gut und Böse“, „Zur Genealogie der Moral“ und „Götzendämmerung“. In den letzten Jahren seines Lebens verfiel Nietzsche zusehends dem Wahnsinn, ehe er 1900 an den Folgen dieser geistigen Umnachtung in Weimar verstarb.