Sicherheitscheck

Der erste Schnee: Worauf man achten muss

Wissenswertes • 29. November 2017
von Riki Daurer

Wenig Schnee = geringe Lawinengefahr? Stimmt nicht. Auch wenn da und dort noch Gras durch den Schnee blitzen mag: Die Lawinengefahr muss man stets im Hinterkopf behalten. Doch gerade zu Saisonbeginn bedeutet wenig Schnee für den Skitourengeher nicht nur eine Gefahr von Lawinen. Riki Daurer verrät gemeinsam mit Sicherheitsexperte Peter Plattner, worauf man zum Winterbeginn sonst noch achten muss.

Winterbeginn: Tragepassage im ersten Schnee
Foto: argonaut.pro
Winterbeginn: Da und dort warten noch Tragepassagen

Der Winter 2017 fängt gut an. Bleib nur zu hoffen, dass es mit dem Schneefall so weiter geht. Überdeckt eine fette Schneedecke die Landschaft, sind die Gräben aufgefüllt und schneit es regelmäßig, ist den Tourengehern bewusst, dass auch Lawinen abgehen können. Wer kennt nicht dieses Gefühl in der Magengrube, wenn man einen tief eingeschneiten, großen, steilen Hang anspurt: Auch wenn Lagebericht und eigenes Wissen sagen, dass es heute „passt“, dass der Schneedeckenaufbau super ist, ohne Schwachschichten und Spannungen – ja, auch dann werden alle Sinne angespannt sein.

Bevor man über einen solchen Hang aufsteigt oder ihn abfährt, gilt es das Gelände genau zu beurteilen, es auf Geländefallen und gute Sammelpunkte zu scannen und zu überlegen, ob das Ganze wirklich eine gute Idee ist oder nicht. Denn: Sollte der Hang mit der ganzen Schneemasse abgehen, dann war's das – so viel ist klar. Selber Hang, wenig Schnee: Vor allem in den Mulden liegt bereits eine durchgehende Schneedecke, die Rücken sind aber teilweise noch aper. An eine Lawine denkt man unter diesen Umständen nicht wirklich, eher stellt sich die Frage, wie man mit den Fellen am besten ohne Bodenberührung aufsteigt.

Hinzu kommt, dass zum Winterbeginn in einigen Gebieten noch keine Lawinenlageberichte ausgegeben werden. Das heißt: Man ist für die Ermittlung der regionalen und lokalen Lawinensituation selbst verantwortlich. Denn: Das Fehlen eines offiziellen Lageberichts heißt selbstverständlich nicht, dass keine Lawinengefahr besteht.

Wenig Schnee: Skitourengeher bei einer Tragepassage
Foto: argonaut.pro
Tragepassage: Skitourengeher bei wenig Schnee im aperen Bereich

Folgende Punkte sollte man auf Skitouren mit wenig Schnee berücksichtigen:


Sharks


Als Sharks, also „Haie“, bezeichnen Freerider jene Steine, die wie eine Rückenflosse aus dem Schnee herausstehen oder knapp darunter versteckt liegen. Beim Skitourengehen sind Lawinen für die meisten Todesfälle verantwortlich, Unfall- und Verletzungsursache Nummer Eins ist aber der Sturz. Bei einer geringen Schneedecke steigt diese Sturzgefahr. Die Konsequenzen sind zugleich fataler, weil statt einer weichen Schneedecke ein harter, steiniger Untergrund und/oder Baumstümpfe warten.

In schneearmen Wintern ist ein defensives und kontrolliertes Abfahren daher umso wichtiger. Wer einen Helm hat, kann ihn bei herausstehenden Steinen & Co. am Sinnvollsten einsetzen.


Gletscherspalten


Wer die ersten Schwünge schon nicht mehr erwarten kann, wird zu Saisonbeginn vermehrt in Gletscherskigebieten unterwegs sein. Hier warten bereits nach den ersten Schneefällen optimale Pisten und auch das Gelände lockt mit unberührtem Pulver. Wenig überraschend gibt es abseits der markierten Pisten aber auch Gletscherspalten. Nach den ersten Neuschneefällen sind diese leicht zugedeckt, sodass man sie nicht mehr erkennen kann.

Gerade im Frühwinter sind diese Schneebrücken fragil und geben nach, wenn ein Skifahrer drüberfährt. Die Folgen eines Spaltensturzes sind fatal. Zu Saisonbeginn bei wenig Schnee am Gletscher gilt darum: Die Pisten sollte nur verlassen, wer das Gelände und die Situation der Spaltenüberdeckung wirklich gut kennt.


Altschneeproblem


Sieht man sich die Statistik der Lawinentoten der letzten Jahrzehnte an, ist man mit starken Schwankungen konfrontiert. Wenig Schnee ist allerdings oft ein Grund für Saisonen mit überdurchschnittlich vielen Toten. Schneit es zu Winterbeginn ein wenig und bleibt weiterer Neuschnee dann aus, können sich aufgrund der tiefen Lufttemperaturen vor allem schattseitig Oberflächenreif, Tiefenreif und weitere kantige Kristallformen bilden. Werden diese in weiterer Folge eingeschneit, ergeben sich die perfekten Schwachschichten – nebst Steilheit und gebundener Schneeschicht eine der drei Grundvoraussetzungen für Schneebretter.

Diese Schwachschichten können als „Altschneeproblem“ den ganzen Winter über problematisch bleiben, so sie nicht durch genügend Niederschlag mindestens einen Meter zugedeckt werden. Nur dann können sie von Skifahrern nicht mehr gestört werden. Werden kritische Schwachschichten in schneearmen Wintern nicht tief genug eingeschneit, bleiben sie für Tourengeher lange als Altschneeproblem relevant. Der Lawinenlagebericht erwähnt dies aber zum Glück in seiner Prognose – mit freiem Auge kann man das Problem nämlich nicht sehen.

Wintersport: Abfahrt im freien Gelände
Foto: argonaut.pro
Wintersport: Abfahrt im freien Gelände – auch in schneearmen Wintern gilt es die Lawinengefahr berücksichtigen

Übergang von viel zu wenig Schnee


Bleiben wir bei den Schwachschichten: Auch wenn diese tief eingeschneit sind, wandern sie bei Übergängen von viel zu wenig Schnee näher an die Oberfläche – und können dort von Skifahrern gestört werden. Solche Übergänge gibt es immer, wenn eine Mulde in einen Rücken übergeht oder wenn der felsige Gipfelaufbau beginnt. Auch bei viel Schnee sind an solchen Übergängen besondere Achtsamkeit sowie eine gute Routenwahl und entsprechende Sammelpunkte geboten.

Gut zu wissen: Mit zunehmender Schneemenge steigen freilich die Lawinengrößen, für den Skitourengeher ist das aber nicht wirklich relevant. Bereits ein „Rutsch“ – laut Definition die kleinste Lawinengröße – reicht aus, um eine Person mitzureißen, zu verschütten oder über einen Steilabbruch mitzunehmen.


Triebschnee


Bei wenig Schnee fahren wir selbstverständlich dort ab, wo am wenigsten Untergrund aus dem Schnee herauslugt. Zumeist ist das bei Mulden und Rinnen der Fall. Noch besser eignen sich diese zum Skifahren, wenn sie mit Triebschnee, also vom Wind verfrachteten Schnee, gefüllt sind. Es handelt sich dabei aber um gebundenen Schnee und damit um das eigentliche „Schneebrett“. Und ein Schneebrett kann man bekanntlich auslösen – die Folge: Ein Lawinenabgang.

Also auch – oder vor allem – bei geringen Schneehöhen gilt es einen kühlen Kopf zu bewahren und sich von herausstehenden Grasbüscheln nicht täuschen zu lassen. Die Lawinengefahr ist bei wenig Schnee keineswegs geringer als bei mächtigen Schneehöhen – die Verletzungsgefahr nach einem Sturz allerdings höher.

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