Architekt Florian Lüftenegger im Interview

Das Einfache ist immer schwierig

Gipfel-Gespräche • 19. Dezember 2018

Was Schwammerlsuchen mit Architektur zu tun hat,
 über Kirchtürme, Tellerränder und Probleme mit den Nachbarn auf 2.000 Meter Höhe. Der Salzburger Florian Lüftenegger, Architekt der Franz-Fischer-Hütte, über das Bauen in den Bergen. Das Interview ist im Bergwelten Magazin (August/ September 2016) erschienen.

„Beim Bauen in den Bergen gilt das Prinzip: Ich nehme nur das, was ich unbedingt brauche.“
Foto: Roland Vorlaufer
„Beim Bauen in den Bergen gilt das Prinzip: Ich nehme nur das, was ich unbedingt brauche.“

Interview: Maik Novotny

Bergwelten: Sie sind zur Gründung Ihres eigenen Büros in Ihr Heimatdorf im Lungau zurückgekehrt und arbeiten auf 1.200 Meter Seehöhe. Wie kam es dazu?

Florian Lüftenegger: Nach der Schule ging ich an die Uni in Innsbruck, nach Praktikum und Projektleitung in anderen Büros kam dann der Zeitpunkt, an dem man es selber machen will. Da habe ich mir gesagt: Im Lungau gibt’s niemanden, da ziehen alle Jungen weg. Da werde ich gebraucht.

Wie lebt es sich als Dorfarchitekt? Muss man im Wirtshaus täglich Beratung bei Häuslbauer-Problemen leisten?


Man ist mit vielen banalen Dingen konfrontiert, ja. Außerdem gilt hier auch das Sprichwort vom Prophet im eigenen Lande, der nichts wert ist. In unserer Gegend ist es besonders schwierig, es ist wirklich das „Land vor unserer Zeit“. Es gibt einen Witz, der besagt, wenn die Welt untergeht, merkt man das im Lungau erst 100 Jahre später. Es ist zwar wunderschön, aber die abgelegene Lage erzeugt eben auch eine gewisse Eigensinnigkeit in der Geisteshaltung, die das Bauen hier nicht unbedingt einfacher macht.

Ist Vorarlberg mit seinem Ruf der hervorragenden handwerklichen Qualität also ein österreichischer Sonderfall?


Die baukulturelle Entwicklung in Vorarlberg entstand aus einer Not heraus: Junge Akademiker, die sich wieder in der Heimat niedergelassen und sich mit ansässigen Firmen etwas Neues überlegt haben. Bei uns im Lungau ist der Leidensdruck noch nicht groß genug. Es baut halt jeder, solange er Geld von der Bank bekommt. Und oft wird über den eigenen Kirchturm nicht hinausgedacht. Was vielleicht auch an den Tälern liegt, die meisten sind Sackgassen. Darf ich kurz auf Ihrem Block zeichnen?

Bitte!

Ich denke oft mit den Händen. Es gibt diese schöne Skizze zum Thema des Horizonts: Im Flachland hat man einen Horizont von 180 Grad und blickt in die Ferne. Die Menschen in den Bergen haben einen eingeschränkten Horizont. Aber wir hätten das Potenzial, auf die Berggipfel zu gehen und unseren Horizont wesentlich zu vergrößern. Nur erkennt das nicht jeder.

Der Berg hat also Erkenntnispotenzial?

Absolut! Man spürt das, wenn man in die Berge geht. Man wird ruhiger. Die eigene Aura reduziert sich auf die Wechselwirkung mit der Natur. Man ist den existenziellen Dingen ausgesetzt. Da gibt es nicht das nächste Café ums Eck. Ich muss den Weg planen und den Proviant einteilen. Ich bin mit mir selbst konfrontiert. Dadurch erreicht man, wenn man so will, eine Erleuchtung. Könnte man diese Erleuchtung speichern und dann im Tal wieder abrufen, bekäme der Begriff „zurück zu den Wurzeln“ wieder eine Bedeutung. Das Problem ist: Wir sind nicht in einer Sein‐, sondern in einer Haben‐Gesellschaft. Wenn hinten im Tal das Handy nicht geht oder ich am Berg keine Pommes bekomme, ist das schon ein Skandal. Wie schwierig es ist, die Pommes auf den Berg zu bekommen, interessiert keinen.

Hat man als Architekt eine Vorbildwirkung, was das richtige Maß des Eingriffs in die Natur angeht?


Wir reden oft vom „naturgebundenen Bauen“. Aber jedes Bauen ist ein Eingriff in die Natur. Man verändert etwas. Dessen muss man sich bewusst sein. Beim Bauen in den Bergen gilt das Prinzip: Ich nehme nur das, was ich unbedingt brauche. Wie man das formal ausdrückt, ist Sache des Architekten.

Erfordert das Bauen im Hochalpinen besonders intelligente, maßgeschneiderte Lösungen?


Es erfordert unübliche Synapsen im Kopf. Man muss querdenken können, man muss über den Tellerrand hinausblicken können. Und man muss sich die richtigen Partner suchen. Mit mehr Querdenkern erzielt man spannendere Lösungen.

Wenn man oben am Gipfel ist, hat man den ganzen Horizont zum Querdenken.

Es ist ja so: Einen ersten Schritt zu tun ist die Herausforderung. Man begibt sich aus einem statischen Gleichgewicht in eine unsichere Situation. Sobald man aber merkt, dass danach wieder ein sicherer Tritt kommt, kann man sich auf die nächsten Schritte verlassen. Fortschritt passiert nur aus der Überwindung der Unsicherheit. Man muss den Leuten die Angst vor Veränderung nehmen und die Freude an der Entwicklung schüren.

War der Bau der ersten Berghütte für Sie auch ein Schritt ins Ungewisse?


Auf jeden Fall. Diese Art des Bauens war mir zwar vertraut, aber nicht in dieser Komplexität. Mein Vater war 40 Jahre lang Baumeister, mein Großvater und Onkel waren Fassbinder und haben intensiv mit Holz gearbeitet. Die haben wunderschöne Holzsilos gebaut. Ich habe also mit den Themen Holz und Bauen schon sehr früh zu tun gehabt. Das schnelle Improvisieren am Bau habe ich wohl von meinem Vater gelernt, und die Vehemenz, den eigenen Weg zu gehen, habe ich sicher von meinem Großvater mitbekommen, der mit seiner Weltoffenheit im Dorf oft angeeckt ist.

Apropos anecken: Die von Ihnen gebaute Franz-Fischer-Hütte ist ein schlichtes Holzhaus mit Satteldach, ist aber an einem Eck wie mit dem Messer diagonal abgeschnitten. Warum?

Das hat einen banalen Grund. Der Besitzer des Nachbargrundstücks hat auf die Einhaltung des Mindestabstands bestanden. Also haben wir das Haus abgeschnitten und die Schnittfläche verglast. Jetzt ist da ein schönes Panoramafenster.

Auf dieser Höhe gibt es Nachbarn?

Ja, sogar sehr nahe Nachbarn!

Man baut nicht jeden Tag auf 2.020 Metern. Worauf kommt es an?


Dass man auch das Selbstverständliche neu denken muss. Ein Beispiel: Bei der Franz-Fischer-Hütte ist uns ständig die Brandmeldeanlage ausgefallen. Weil sie nur auf das Funktionieren in dicht bebauten Gegenden ausgelegt ist, wo es konkrete Spannungen im Stromnetz gibt. Ein Einsatz am Berg ist von der Industrie nicht vorgesehen. Das heißt, du musst zu basteln anfangen. Und beim Basteln muss man wissen, was man macht.

Eine Berghütte ist also nicht einfach nur ein Haus am Berg ...


Grundsätzlich schon. Aber der Begriff „Haus“ impliziert schon viel. Es ist komplex genug, ein Einfamilienhaus am Berg herzustellen. Eine Hütte für 30 oder 40 Personen ist, wenn man die Ver- und Entsorgung berücksichtigt, ein Hightech-Bau. Außerdem soll er nachhaltig sein, soll lange halten und einfach sein. Und das Einfache ist immer schwierig. Die Dinge, die uns wegen ihrer Schlichtheit gefallen, sind viel komplexer in der Formfindung als etwas opulent Dekoriertes. Reduktion erfordert sehr viel Arbeit. Der Berg macht das nicht leichter.

Eine Berghütte muss einfach sein?

Das ist sie aus Prinzip. Eine Schutzhütte hat eine Schutzfunktion. Sie muss nicht viel mehr bieten als Unterschlupf und einfache Speisen. Man braucht keinen Luxus, und sie ist auch nicht dazu da, sich mit Proviant einzudecken. Die Hütte entbindet mich nicht der Pflicht, mich mit dem Berg, meiner Tour auseinanderzusetzen.

Wie oft sind Sie am Berg unterwegs?

30 Meter hinter meinem Büro beginnt der Wald, da bin ich schon fast am Berg. Ich habe also einen ständigen Bezug. Im Sommer bin ich fast jeden Tag oben, zumindest zum Nahrungserwerb: in gebückter Haltung beim Schwammerlsuchen. Früher habe ich wie mein Vater alles abgeräumt, aber heute gilt, genau wie beim Bauen in den Bergen: Ich nehme nur das, was ich unbedingt brauche.

Zur Person

Florian Lüftenegger, geboren 1980 in Tamsweg, aufgewachsen im Lungau als Sohn eines Baumeisters, Studium an der Universität Innsbruck. 2011 geht er als Architekt nach Mauterndorf im Lungau, wo er schon seit 1992 Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr ist. Zu seinen wichtigsten Bauten gehören neben dem Neubau der Franz-Fischer-Hütte (2013 für den Alpenverein) der Umbau der Volksschule in Werfenweng (2013) und des Annaberger Hauses (2016, ebenfalls für den Alpenverein).

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