Rota Vicentina – Weitwandern an der wilden Atlantik-Küste Portugals
Foto: Gerald Valentin
Reise

Weitwandern an der wilden Atlantik-Küste Portugals

Reise • 3. April 2019
von Gerald Valentin

Steile Felsklippen, einsame Sandstrände und eine vielfältige Tier- und Pflanzenwelt: Die Rota Vicentina im Südwesten Portugals zählt zu den schönsten Wanderwegen Europas. Gerald Valentin ist sie abgewandert und hat ein raues Paradies entdeckt.

Die Rota Vicentina, ein 450 km langes Netz von Wanderwegen im äußersten Südwesten der Iberischen Halbinsel, wurde erst vor wenigen Jahren markiert. Schon jetzt ist sie mit dem Qualitäts-Label „Leading Quality Trails – Best of Europe“ƒ ausgezeichnet – und das mit gutem Grund. Innerhalb eines ausgedehnten Naturparks gelegen, erschließt der Weg ein besonders authentisches Stück Portugals. Die Rota Vicentina unterteilt sich in den Camino Histórico (Historischer Weg), der durch das Hinterland der Küste führt, dem „Trilho dos Pescadores“ (Fischerweg) entlang der Küste und mehreren Rundwegen, die durch besonders schöne Landschaftsteile verlaufen.

Sand zwischen den Zehen

Rund 160 Kilometer lang ist die Strecke vom oberen Ende der Vicentinischen Küste bis nach Sagres. Hier, am südwestlichsten Punkt des europäischen Festlands, hat Heinrich der Seefahrer im 15. Jahrhundert die kühnen Fahrten der portugiesischen Flotte geplant. Die ersten zwei Etappen der fünftägigen Küstenwanderung folgen dem Fischerweg. Ausgangspunkt ist Porto Covo, ein wenig charmantes Fischerdorf, das außerhalb der Sommersaison im Tiefschlaf zu liegen scheint. Gleich nach den letzten Häusern schlängelt sich die Rota Vicentina der Küste entlang und man meint die 20 Kilometer nach Vila Nova de Milfontes rasch hinter sich gebracht zu haben. Doch schwer getäuscht. Der weiche Untergrund schluckt den Schritt und anstatt wasserdichter Schuhe wünscht man sich welche, in die kein Sand dringen kann.

Sandiger Pfad durch die Macchie

In Vila Nova de Milfontes endet die erste Etappe im A Choupana, einem urigen Fischlokal direkt über der Brandung des Atlantiks. Als Vorspeise werden gruselig anzusehende Klauen mit weißen Krallen und infolge skeptischer Blicke auch gleich die Erklärung dazu angeboten: Entenmuscheln sind eigentlich Krebse – den Stiel bricht man mit den Händen ab, die Füße werden abgedreht und das Fleisch herausgezogen. Der Geschmack: Ozean pur! Dazu gibt es Vinho Verde und den ersten von mehreren, unbeschreiblich schönen Sonnenuntergängen.

Mit einem kleinen Fährschiff geht es am nächsten Morgen über den Rio Mira und entlang des vorbildlich markierten Weges 37 Kilometer nach Zambujeira do Mar. Der Fischerweg folgt stets der Uferlinie. Doch das Meer hier hat nichts mit der Algarve, der massentouristischen Südküste Portugals, gemein. Hier offenbart sich die elementare Kraft des Atlantiks. Zum Soundtrack der tosenden Brandung mischen sich die Schreie der Möwen. Trotz rauer Umweltbedingungen sind die zerfurchten Klippen Nistplatz vieler Vogelarten. Am Cabo Sardão lassen sich kühn angelegte Storchennester aus unmittelbarer Nähe beobachten.

Im malerischen Zambujeira angekommen, blickt man vom Dorfplatz aus in die Bucht wie von der Loge auf die Bühne eines Theaters. Und die Surfer scheinen die Blicke zu spüren und vollführen im Licht der untergehenden Sonne spektakuläre Ritte über die Wellen.

Die malerische Bucht von Zambujeira

Kräuteraromen und Salz in der Nase

Die Kleinstadt Aljezur mit ihrer eintausend Jahre alten maurischen Burgruine ist das Ziel der nächsten Etappe. 38 Kilometer gilt es zu marschieren und wieder begeistern die Ausblicke. Steil abfallende Klippen, aber auch Dünen und Kiefern prägen das Landschaftsbild. Die Artenvielfalt in den Dünen ist bemerkenswert und zeigt sich speziell im Frühjahr mit einer überwältigenden Fülle an Farben und Aromen. Auch die Gesteine scheinen den Wanderer beeindrucken zu wollen. Wie Blätterteig gefaltete Schiefer lassen die gewaltigen Kräfte erahnen, die vor Millionen Jahren bei der Verschiebung der Erdplatten freigesetzt worden sind.

Nach jedem Mittagessen, dieses Mal im malerischen Odeceixe, steht Pasteis de Nata am Speisezettel. Die kleinen Puddingtörtchen sind die typische Süßspeise und werden mit Bica, der portugiesische Variante des Espresso genossen. In Odeceixe verlässt man den Fischerweg und folgt von nun an dem Historischen Weg. Über das Küstenplateau geht es durch Wiesen, Felder, Pinienhaine und entlang von Bewässerungskanälen zum Etappenziel.

Der Weg von Aljezur nach Süden verläuft durch eine Hügellandschaft mit Monokulturen von Eukalyptus. Auf den ersten Blick gefallen diese Wälder, in Wirklichkeit gefährdet der australische Baum das sensible Ökosystem Portugals und ist für die verheerenden Waldbrände der letzten Jahre mitverantwortlich. Sobald sich das Meer am Horizont zeigt, verändert sich die Landschaft und das Aroma der Macchie steigt wieder in die Nase. Zur Dünenvegetation zählen Büsche wie Thymian, Rosmarin, Myrte und Lavendel. Etwas abseits des Weges, aber mit spektakulärer Aussicht über die Bucht von Arrifana, verzaubert die Slow Food-Küche im Restaurant O Paulo die Geschmacksnerven.

Die restliche Etappe nach Carrapateira stellt die Synthese der Rota Vicentina dar: Das kraftvolle Meer, die aromatische Macchie, beschauliche Korkeichenwälder und landwirtschaftlich genutzte Flussebenen. Kurz vor dem Ziel der Strand von Borderia: Sonne, Sand und kristallklares Wasser – eigentlich zu schön um wahr zu sein.

Aussichtspunkt hoch über den Klippen

Wind um die Ohren

Südlich von Carrapateira nimmt die Klippenlandschaft andere Formen an. Kalkgestein tritt in den Vordergrund und nimmt durch die Verkarstung bizarre Formen an. Die Wellen bearbeiten die Klippen von unten und in beständiger Auflösung formt das Wasser Höhlen, Bögen und Felssäulen. Doch der Historische Weg bevorzugt das trockene Hinterland, wo Korkeichen, Ginster, Kiefer und Schirmpinien sowie wilde Oliven die Vegetation bestimmen.

Ein paar Kilometer nach Vila do Bispo empfiehlt es sich das etwas eintönige Küstenplateau zu verlassen und entlang der Klippen zum Cabo de São Vicente zu marschieren. Hier bläst zwar wieder der Wind um die Ohren, doch der Strand Telheiro ist den Abstecher wert. Hier treten spektakuläre Gesteinsformationen mit tollen Farbunterschieden zu Tage. Im warmen Licht des Nachmittages ergibt das schwer zu übertreffende Fotomotive.

Rota Vicentina, Weitwandern in Portugals
Foto: Gerald Valentin
Sandsteinformation am Strand Telheiro

Der Leuchtturm Cabo de São Vicente stellt nach 36 Tageskilometern das südliche Ende der Rota Vicentina dar. Auf der Habenseite stehen fünf anstrengende, aber höchst eindrucksvolle Wandertage. Und die Dankbarkeit eine zu tiefst ursprüngliche Landschaft und eine der schönsten Küsten unserer Erde mit allen Sinnen gespürt zu haben.


Infos und Adressen: Rota Vicentina, Portugal

Anreise: Mit dem Flugzeug nach Lissabon oder Faro. Weiter mit dem Mietwagen und/oder Bus.

Beste Reisezeit: März bis Juni und September bis November.

Unterkünfte: Hotels oder Pensionen können in der Regel über das Internet gebucht werden.

Essen und Trinken: Die Restaurants setzen auf nationale Gerichte. Es werden Fisch und Meeresfrüchte, aber auch schmackhafte Fleischgerichte angeboten. Beim Trinken führt an den portugiesischen Weinen kein Weg vorbei. Vom schweren Portwein bis zum leichten Vinho Verde findet jeder den passenden Schluck. Restaurant-Tipps:

Weitwandern: Informationen zur Rota Vicentina inklusive virtueller Landkarte: www.rotavicentina.com

Wander-Tipp: In der Regel wird die Rota Vicentina von Norden nach Süden begangen. Wählt man die umgekehrte Richtung, steht die Sonne im Rücken und die Landschaft wird einer Bühne ähnlich von hinten beleuchtet.

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