16.100 Touren,  1.700 Hütten  und täglich neues aus den Bergen
Das besondere Gestein formt skurrile Erdpyramiden
Foto: Stefan Voitl
Bergportät

Der Latemar in den Südtiroler Dolomiten

• 13. September 2021

Schroffe Zacken, pittoreske Bergseen, einsame Hütten und schiefe Türme: eine Entdeckungsreise durch den Latemar, den vielleicht letzten Geheimtipp in den Südtiroler Dolomiten.

Simon Schöpf für das Bergwelten Magazin Oktober/November 2019

Der Artikel muss mit einem Geständnis beginnen: Auch der Autor, seinerseits über die Jahre ausgedehnt durch die Dolomiten gestreift, musste zuerst einmal seinen Atlas zurate ziehen, wo genau jetzt die Latemargruppe steht.

Ah ja, da ganz im Süden der Dolomiten, bei Bozen links rein ins Eggental, gegenüber dem berühmten Rosengarten, den kennt man dann gleich. Und wenn es Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, nun genauso geht, dann sind wir schon beim ersten großen Trumpf der Gipfel im Latemar: Kennen tun sie nicht viele, deshalb ist auch so wunderbar wenig los zwischen Eggentaler Horn und Col Cornon.

Ein wenig wundern darf einen das aber schon: Der sich im glasklaren Wasser des Karersees spiegelnde Latemarstock ist doch eine der ikonischsten DolomitenAufnahmen, immer schon gewesen. Warum gehen dann so wenige Leute hoch zu den zackigen Türmchen und schroffen Gipfeln?

Die kleine Bergknappenkirche St. Helena, die da schon seit gut 600 Jahren ihr Prachtpanorama genießt, ist der beste Ort für einen Erklärungsversuch. Die Fresken im Inneren datieren auf das Jahr 1410, von außen hat man die superbe vue über die beiden Gebirgsgruppen, die das kleine Eggental seit jeher prägen: linker Hand der berühmte Rosengarten, fein zentriert der Karerpass, rechts der eben recht unbekannte Latemar.

Und Herbert Pichler beginnt aufzuzählen, der Reihe nach: „Kölner Hütte, Paolinahütte, Rotwandhütte, da dahinter wär dann das Rifugio Vajolet … Zwölf Hütten hat der Rosengarten! Und drüben im Latemar eine: die Pisahütt’.“

Die Dolomiten spiegeln sich im mystischen Karersee
Foto: Stefan Voitl
Seit jeher ein klassisches Postkartenidyll der Dolomiten: die unnahbaren Felszacken des Latemar, gespiegelt im glasklaren Karersee.
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Im Land der Türme

Eine Hütte versus zwölf, das Verhältnis spiegelt auch den Bekanntheitsgrad wider. Warum das so ist? Der Historiker Herbert Pichler macht hier die Geografie mitverantwortlich: „Der Rosengarten ist eben ideal zugänglich, es gibt viele Übergänge und Wege. Aber der Latemar hat mit seiner Hufeisenform auch steilere Gipfel und brüchigeres Gestein. Und im großen Kessel in der Mitte, da is überhaupt nix.“

Dann legt Herbert Pichler gleich noch eine kleine Lehrstunde in Geologie nach: „Der Latemar ist wenig dolomitisiert, also arm an Magnesium. Vor vielen Millionen Jahren war bei Predazzo ein großer Vulkan. Irgendwann ist er ausgebrochen, die Lava hat das ganze Gebirge überdeckt. Das weiche Magmagestein ist rasch wegerodiert, und stehen geblieben sind die Türme.“

Willkommen im Land der bizarren Türme. Nach dem aufschlussreichen Theorieunterricht wollen wir Herbert Pichlers Erzählungen auch empirisch überprüfen und gleich mitten rein in den Latemar, uns diese eine Hütte da oben aus der Nähe anschauen.

Am nächsten Tag treffen wir uns schon zeitig mit Hansjörg Welscher, seit 25 Jahren ist er Bergführer in der Gegend. „Da Welscher aus Welschnofen mit de Tschurrelen is da“, ruft er uns entgegen. Soll heißen: Der Südtiroler Lockenkopf aus Welschnofen wartet schon, der Tag wird lang, reden können wir am Weg auch noch.

Vorgenommen haben wir uns nämlich nichts Geringeres als den Torre Diamantidi, oder: den Großen Latemarturm, mit 2.842 Metern der höchste von allen hier. Von Obereggen – im Winter ein kleines, aber feines Skigebiet – bringt uns der Lift schon mal auf gute 2.000 Meter, ab hier geht’s zügig bergwärts.

Mit jedem Höhenmeter kommen wir mehr auf Touren, bald verrät uns Hansjörg noch einen weiteren Grund, warum der Latemar so wenig erschlossen ist: „Man findet hier fast nirgends a Wasserle.“ Das merkt man auch an der Vegetation: Kargheit pur ist hier angesagt, und wenn doch irgendwo ein zähes Pflänzchen dem Mangel trotzt, dann ist Hansjörg schnell mit dem Benennen: Dolomiten-Fingerkraut, Felsen-Leimkraut, Schusternägele.

Nach einer guten Stunde Gehzeit tauchen wir fast unbemerkt ein in die mystische Welt der Türme – „I geh immer am liebsten bei Nebel da rauf, da schauen die Türme alle aus, als ob sie komplett frei stehen würden“, schwärmt Hansjörg. „Passts halt auf, dass euch koa Türml aufn Kopf fallt!“, hat uns Herbert Pichler noch vom Tal aus mit auf den Weg gegeben. Gänzlich ironisch war der Kommentar eben doch nicht, wie Hansjörg bestätigt:

Großartiges Panorama soweit das Auge reicht

„Einige der Gipfelchen, die i in den 90ern fotografiert hab, die stehen heut gar nicht mehr.“ Und zeigt zur Verdeutlichung auf ein Felsloch am Wegesrand. „Letztes Jahr hat da grad mal eine Faust durchgepasst, jetzt könntest scho fast durchschlupfen.“

Der Latemar lebt. Das ist auch der Grund, warum es hier – im Gegensatz zu den restlichen Dolomiten – nur sehr wenige etablierte Kletterrouten gibt. „Einfach zu brüchig. Des is nur was für die, die so was suchen.“ Die Gipfel hier sind also den Wanderern vorbehalten – vorausgesetzt, man verläuft sich nicht im überdimensionalen Felslabyrinth hin zur Gamsstallscharte. 

Aber wer den Weg findet, wird oben mit einem grande panorama belohnt. Der Blick öffnet sich hinein in den riesigen Kessel, den Herbert Pichler mit „da is echt nix“ beschrieben hat – nix bis auf endlose Weiten, schroffe Gipfel und überall Felstürmchen. Das ganz große Nichts, wie es schöner nicht sein könnte.

Durch dieses Nichts zieht sich aber doch eine fast unsichtbare Lebenslinie: die abenteuerliche „Via Ferrata dei Campanili“, der Latemartürme-Klettersteig. Der durchquert so ziemlich die gesamte von Herbert Pichler beschriebene Geologie: Vom braunen Basalt in den Scharten steigen wir zurück auf den grauen Kalk der Flanken. 

Über große Schotterbänder queren wir exponiert in Richtung Große Latemarscharte, weiter über den steilen Aufschwung Richtung Gipfel. Hier holt uns dann Hansjörgs Lieblingswetter unverhofft ein – trotz sonniger Vorhersage stecken wir bald im dichten Nebel, der versprochene Ausblick auf Marmolata und Rosengarten bleibt uns vorerst leider verwehrt. Den Hansjörg aber freut’s: „Mia taugt des, so a mystische Stimmung!“ 

Zwischen einzigartigen Gesteinsformen können auch Klettersteige begangen werden
Foto: Stefan Voitl
Am Latemartürme-Klettersteig kann man in den Scharten ganze geologische Epochen überschreiten.

Abfahrt in der Schotterrinne 

Einen großen Joker hält das brüchige Gestein aber für Wanderer mit festem Schuhwerk bereit: Über die breiten Schotterrinnen lässt es sich wunderbar knieschonend „abfahren“, flugs sind wir wieder am Wanderweg Richtung Hütte. Zu dem dichten Nebel gesellt sich bald ein Nieselregen, die Schritte werden schneller, der Ruf der Hütte lauter. Nach einer Stunde sind wir am Rifugio Torre di Pisa – selbst die einzige Hütte hier ist nach den Türmen benannt, unweit der Sonnenterrasse steht einer, in seiner Neigung ungefähr so schief wie der bekannte Bruder zu Pisa.

Auf Deutsch nennt man sie Pisahütte oder manchmal auch einfach Latemarhütte – sie ist ja ohnehin die einzige im ganzen Gebirge, Verwechslungsgefahr ausgeschlossen. Freundlich wartet schon Antonio in der Tür und scheucht uns herein – „Ciao ragazzi, ciao!“ –, ein Vollblutitaliener, die Hütte steht immerhin ein paar Meter hinter der Grenze.

Hier sind wir nicht mehr in Südtirol, sondern im Trentino. Auf der Speisekarte existiert diese Grenze aber nicht, es gibt vielmehr ganz pragmatisch das Beste aus beiden Provinzen: Südtiroler Speckknödel und Polenta con Formaggio, die Gerstlsuppe mit Bohnen heißt auch Minestra d’Orzo.

Bei Nieselregen ist nicht viel los hier oben, Antonio setzt sich auf ein Birra mit an den Tisch und erzählt uns die bewegte Geschichte der Hütte. „Täglich schaute mein Vater Camillo von unserem Haus in Predazzo in den Latemar herauf. Aber da war einfach keine Infrastruktur, das konnte er als leidenschaftlicher Bergsteiger nicht ertragen.“

Camillo Gabrielle hatte eine Vision: Er wollte eine Hütte hier oben errichten – per Hand und mit den Steinen, die das Gebirge freigab. „Am Anfang, in den 60er-Jahren, hat er den Zement noch zu Fuß heraufgeschleppt. Für das Seil der Materialseilbahn hat ihm dann die Guardia di Finanza geholfen, ab da ging’s dann leichter“, erinnert sich Antonio.

Camillo arbeitete im Sägewerk im Tal, die Wochenenden gehörten ganz seinem Traum von einem Rifugio. „Als er damals das kleine Grundstück am Berg gekauft hat, haben sie ihn deswegen alle ausgelacht. ‚Was will denn der da oben‘, haben sie gerufen, Tourismus kannte man noch nicht in der Gegend.“

Aber Camillo hat erkannt, dass dem Tourismus die Zukunft gehört und nicht dem Sägewerk – das war bald geschlossen, aber die Hütte stand, aussichtsreich thronend, auf 2.671 Metern. Anfangs nur ein kleiner Unterschlupf für frühe Alpinisten, wurde sie nach und nach vergrößert – natürlich per Handarbeit – und bald zu einem beliebten Wochenendziel für Wanderer.

Die Berghütte Oberholz

Als dann Anfang der 1970er-Jahre in Obereggen die ersten Lifte eröffnet wurden, ging sein Plan vollends auf – und seit bald 40 Jahren ist auch Antonio auf der Hütte. Er ist hier aufgewachsen und führt die Vision seines Vaters weiter, mittlerweile mit seiner Frau und den zwei Kindern – „der Ältere ist nun 15 anni und hilft schon fleißig mit“, erzählt er stolz.

All die Jahre Hochgebirgsklima haben der Bausubstanz Marke Eigenbau aber doch merklich zugesetzt, 2016 wurde die Hütte dann neu erbaut und dabei auch ein gutes Stück vergrößert. Doch Papa Camillos Einstellung wurde vererbt: „Alles was geht, mache ich selber, deshalb dauert es halt ein wenig länger … sempre con la pace!“ Immer mit der Ruhe – ein Vollblutitaliener, der Antonio.

Eine Menge genialer Trails

Im Latemar hat man das Gefühl, seine Ausläufer wollen die Kargheit der Gipfelregion mit besonders saftigen Almwiesen wettmachen. Ein ausgedehntes Netz an Forstwegen, mal bergauf, mal bergab, den Rosengarten als prachtvolles Hintergrundbild installiert – es lohnt sich, ein Bike im Eggental dabeizuhaben. Oder eines auszuleihen und einen ortskundigen Guide gleich mit dazu.

„Die Königsrunde bei uns herinnen is eindeutig die Latemar-Umrundung – viel mehr Panorama geht dann nimma“, schwärmt Maximilian Vieider, der uns heute auf seine Lieblingstrails mitnehmen wird. Und er kennt sich aus mit den Radwegen im Eggental: Bis letztes Jahr war er als Profi bei Cross-Country-Mountainbikerennen dabei, Italienmeister und Vize-Europameister stehen auf der Erfolgsliste des Bozners.

Wandern im Latemar

Seinem Onkel gehört in Obereggen ein Bikeverleih, und Maximilian jobbt sommers als Guide. Für das Tourenprogramm musste er allerdings erst mal selbst auf Erkundungstour gehen, denn ein etabliertes Radl-Eldorado ist das Eggental nicht, die Routen wollen erst entdeckt werden. 

„Letztes Jahr hab i im Frühling ganz, ganz viele Kilometer um den Latemar g’macht, bin jedes Wegerl ausgefahren. Ein’ Hauf’n genialer Trails hab i g’funden!“ Am häufigsten fährt Maximilian aber immer noch die Latemar-Umrundung.

„Du kannst die einfach in so vielen Varianten machen, entweder alles Asphalt, alles Forstweg oder alles Trail – je nachdem, was du halt suchst.“ Für die insgesamt 3.000 Höhenmeter darf man sich dann schon einmal auch Liftunterstützung gewähren – oder, wie ein Italienmeister das ausdrückt, „sonst musst halt brutal gut trainiert sein“.

Sind wir leider gerade nicht – dafür umso abfahrtsmotivierter. Zuerst geht’s am Karersee vorbei in einer langen Schussfahrt nach Moena, von Südtirol runter ins Trentino, und eine nettere Piazza für eine erste Cappuccino-Pause findet man wohl in der ganzen Provinz nicht.

Weiter südlich, in Predazzo, ist uns dann die Kabinenbahn auf die Gardonè-Hütte ganz recht, hier ist im Winter VIP-Zone, im Sommer allerdings recht wenig los. Von hier wird wieder gestrampelt, oben am Feudopass sind wir auf 2.170 Metern, am höchsten Punkt unserer Tour. 

Der Latemar hat sich uns am Ende dieser Reise von allen erdenklichen Seiten präsentiert, von jeder Himmelsrichtung scheint dieser unbekannte Gebirgsstock gleich spektakulär. In der Rifugio Passo Feudo gibt es noch eine Pizza Diavolo zur Belohnung. Maximilian verrät uns gleich, warum die hier so besonders gut schmeckt: „Das liegt an der Höhenlage, das Wasser ist oben einfach anders, da geht der Teig viel besser auf. Die beste Pizza im ganzen Eggental.“

Jedenfalls wissen wir nach der ausgedehnten Mountainbikerunde und den ausgesetzten Kraxeleien über seine zackigen Türme ein für alle Mal, wo der sagenumwobene Latemar nun genau liegt. Ob am Beginn oder am Ende der Dolomiten, das ist reine Ansichtssache – herfinden werden wir bald wieder.

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