Bergwelten Hüttenwoche Alpbachtal, Tag 2

Unser längster Tag – Sonnenaufgang auf der Gratlspitze

• 16. Juni 2021
von Martin Foszczynski

Beginnt man den Tag im Alpbachtal noch mitten in der Nacht, kann er ganz schön lang werden. Und das ist auch gut so, wenn er so prächtig und mit besonderen Erlebnissen vollgepackt ist wie der heutige. Vor allem den Sonnenaufgang am Aussichtsberg Gratlspitze werden wir so schnell nicht vergessen.

Alpbachtal Gratlspitze Sonnenaufgang
Foto: Martin Foszczynski
Der große Moment auf der Gratlspitze: Kurz nach 5 Uhr geht die Sonne auf

Wenn der Tag um 2 Uhr 25, also in dunkelster Nacht, beginnt, gibt es noch nicht viel zu sehen – umso besser muss man hinhören.
Das erste, was ich von meinen Kolleg*innen in der Küche unserer Unterkunft, dem urigen Ferienhaus Weberhof, zu hören bekomme, ist die Frage, warum ich denn Tags davor nur grauslichen Löskaffee statt eines „Gscheiten“ im Supermarkt gekauft habe. Ich kann ihnen ihre leichte Unzufriedenheit nicht verübeln – die Nachtruhe, die die meisten von uns erst nach der letzten EM-Spiel-Übertragung angetreten sind, war wirklich lächerlich kurz. Aber eine Sonnenaufgangswanderung auf die Gratlspitze (1.899 m) muss man eben rechtzeitig starten.

Als nächstes hören wir den Fahrer unseres Taxis, das uns – immer noch mitten in der Nacht – über steile und ziemlich schmale Schotterpisten zum Ausgangspunkt unterhalb der Holzalm in Zimmermoos bringt, einen Witz erzählen. Er ist wohl der Meinung, dass er uns vorm neuerlichen Einschlafen abhalten muss – und das gelingt ihm auch: „Was ist der Unterschied zwischen einem Pfarrer und einem Taxler? Der Pfarrer bringt die Leute zum Einschlafen, der Taxler zum Beten“. Bei ihm sind Stoßgebete aber nicht nötig – er setzt uns heil am Ziel ab, wo er uns in die Obhut eines anderen erfahrenen Locals gibt.

Schritt für Schritt zum Morgen

Mit Berg-Wanderführer Peter Schonner geht es ab jetzt im Schein unserer Stirnlampen stetig bergauf in Richtung Gipfel. Zuerst über steindurchsetzte Wanderpfade im Wald, später über felsige, teils mit Stahlseilen versehene Passagen zwischen Latschen. Am Horizont erkennt man jetzt einen ersten Dämmerungsstreif. Wir gehen ganz schweigsam und gleichmäßig, auf lose Steine und Wurzeln achtend – was etwas unglaublich Beruhigendes, fast Meditatives hat. Wieder horche ich: Lange bevor sich die ersten Vögel melden, hört man Kuhglocken in der Ferne. Dann brüllt irgendein Viech in die Stille – womöglich ein Reh.

Bei einem Rastbankerl etwa bei der Hälfte des Anstiegs erheben nun auch die ersten Vögel ihren Gesang – ein sicheres Zeichen, dass langsam der Tag anbricht. Das Licht meißelt feine Konturen von Felsen und Vegetation in die Dämmerung. Es ist wieder Zeit zum Zuhören, dieses Mal aber den Ausführungen von Wanderführer Peter, der Interessantes über die Gegend zu erzählen beginnt. Am Horizont entblößen sich die Konturen von verschiedenen Bergketten: Da ist der Wilde Kaiser, dort geht es Richtung Tegernsee. Man erkennt die noch schneebedeckten Berge des Rofans ebenso wie das Inntal, durch das sich quecksilbern schimmernd der namengebende Fluss schlängelt.

Aufstieg in der Morgendämmerung

Kupfer und Gold

Spannend ist aber auch der Berg, auf dem wir gerade stehen. Die Gratlspitze – heute einer der beliebtesten Aussichtsberge der Region – galt früher als „Kupferberg“. Ab dem frühen 15. Jahrhundert bis etwa 1850 wurden hier Kupfererze abgebaut, wovon heute noch Stolleneingänge und Halden zeugen. In den Erzen befand sich aber auch das für die Münzprägung bedeutende Silber, was Tirol einst sogar zu einem der weltweit größten Silberproduzenten machte. In jedem Fall war, wie uns Peter erzählt, der vorwiegend von jungen Burschen, Sommer wie Winter, betrieben Bergbau ein echter Knochenjob und führte dazu, dass der Berg heute von kilometerlangen Stollen und Schächten durchsetzt ist.

Am Gipfel, den wir rechtzeitig vor dem Sonnenaufgang um 5 Uhr 15 erreichen, interessiert uns aber nicht das Innere der Gratlspitze, sondern deren Aussicht. Und die ist – mit der goldenen Morgenglut, die zwischen Bergzacken aufsteigt – schlicht atemberaubend schön und lässt uns auch den kühlen Gipfelwind vergessen.

Hier kommt die Sonne: Auf dem Gipfel der Gratlspitze (1.899 m)

Auf dem Weg zurück wärmen uns bereits die Sonnenstrahlen und die Landschaft ist in ein samtenes Licht getaucht – die vielleicht schönste Zeit, um auf den Beinen zu sein. Als wir an der Holzalm ankommen ist es gerade mal 6 Uhr 30 – trotzdem erhalten wir im gemütlichen Berggasthof Einlass und werden mit einem ausgiebigen Frühstück aufgepäppelt.

Und dann? Was macht man mit einem Tag, der zur gewohnten Aufstehzeit schon einige Stunden alt ist? Man genießt ihn einfach weiter und macht neue Entdeckungen – was bei dem Prachtwetter, das uns unsere Hüttenwoche beschert, wahrlich nicht schwerfällt. Peter wandert mit uns noch ein Stück in Richtung Wildschönau, wo sich neben einer Traumaussicht weitere Spuren des Erzabbaus finden. Am Kaiserbründl bewundern wir grünlich schimmernde Steine, die vor Urzeiten von den Kupfersuchern ausgesiebt wurden. Am sogenannter Scheidstein, der heute noch hier steht, wurde das Erz zerkleinert und vom wertlosen Gestein getrennt.

Abstieg zur Holzalm

Carpe Diem!

Auf dem Weg zurück nach Reith im Alpbachtal machen wir noch am Hof von Familie Unterberger in Zimmermoos Halt. Auch hier gibt es etwas zu entdecken – Florian ist leidenschaftlicher Imker und führt uns in die faszinierende Welt der Bienen ein. Wer hätte gedacht, dass in einem einzigen Stock rund 80.000 Bienen werken und für 30 Kilo köstlichen Honig sorgen? Oder dass Bienenschwärme einfach den Besitzer wechseln? Bis September können Kinder und Erwachsene all das nach Voranmeldung aus nächster Nähe erleben und selbstgemachte Honigbrote kosten.

Einblick in die Welt der Bienen bei Familie Unterberger

Morgen wird’s auf unserer Hüttenwoche rasant – auf dem Programm steht Schlauchreiten auf der Brandenberger Ache. Wie wir uns als Neopren-Helden gemacht haben, könnt ihr hier demnächst lesen.

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