Schweizer Pioniere

Melchior Anderegg auf der Parrotspitze (4.436 m)

Historisches • 4. September 2018

Der Bauernsohn aus dem Haslital erhielt als erster das Schweizer Bergführerpatent und galt schon zu Lebzeiten als Legende. Zu seiner Klientel zählten besonders viele englische Bergsteiger – vier davon führte er 1863 erstmals auf den Gipfel der Parrotspitze in den Walliser Alpen.

Die Schweizer Bergführer-Legende Melchior Anderegg im Jahr 1896
Foto: Mauritius Images
Die Schweizer Bergführer-Legende Melchior Anderegg im Jahr 1896

Das Bergführer-Business brummte schon Mitte des 19. Jahrhunderts. In der Schweiz erfreuten sich Führer aus dem Haslital zwischen Meiringen und Grimselpass besonders großer Beliebtheit bei abenteuerlustigen Kunden, von denen viele aus Großbritannien in die Alpen reisten. Sie galten als kundige und verlässliche Begleiter auf Hoch- und Gipfeltouren – ein Ruf, den sie zu einem großen Teil dem Einflussreichsten ihrer Zunft zu verdanken hatten: Melchior Anderegg, dem „König der Führer“.

Vom Bauernsohn zum „König der Führer“

Der spätere Erstbesteiger von rund ein Dutzend Westalpen-Gipfeln, von denen die Parrotspitze mit 4.436 m die höchste war, wurde 1828 in Zaun oberhalb von Meiringen im Berner Oberland als Sohn eines Bauers geboren. Er erlernte das Handwerk des Schnitzens und lebte zunächst vom Verkauf von Holzsouvenirs. Doch schon bald unternahm er mit Gästen auch diverse Touren zu umliegenden Zielen, etwa Gletscherwanderungen vom Grimselhospiz und vom Gemmipass aus. Kontakt zu bergaffinen Touristen zu knüpfen fiel ihm nicht schwer, schließlich führte er zusammen mit seinen Brüdern eine Zeitlang das Berghotel Schwarenbach bei Kandersteg.

Das Haslital von der Aareschlucht aus gesehen

Einige seiner Bergkameraden blieben Melchior viele Jahre als Stammkunden verbunden. Was sie an ihm neben seinen hervorragenden alpinistischen Fähigkeiten schätzten, war vor allem sein solider Charakter. Eine Mischung aus nachdrücklicher Bestimmtheit und herzlicher Führsorge. In gefährlichen Situationen behielt er stets die Umsicht, zudem wusste er bei aller Kühnheit immer genau, wo die Grenze zwischen Risikobereitschaft und Leichtsinnigkeit zu ziehen sei. „Man könnte schon gehen. Aber ich gehe nicht“, lautet ein bekannter Ausspruch Andereggs. Er gebrauchte ihn einst als Antwort auf die Frage, ob der Zmutt-Grat am Matterhorn erklommen werden könne.

4 Engländer auf der Parrotspitze

Eine andere gewagte alpinistische Herausforderung hingegen nahm er am 16. August 1863 an. An diesem Tag machte sich der damals 36-jährige gemeinsam mit seinem Kollegen Peter Perren auf, um die Kunden Reginald S. Macdonald, Montagu Woodmass, William Edward Hall und Florence Crauford Grove, der 1874 auch an der Erstbesteigung des 5.642 m hohen Elbrus beteiligt sein sollte, auf den Gipfel der 4.432 m hohen Parrotspitze zu führen. Im Jahr davor waren ebenfalls britische Kunden unter der Leitung der heimischen Bergführer Christian Almer und Matthias Zumtaugwald über die schwierige Ostwand 100 Meter vor dem Gipfel gescheitert. Anderegg wählte die Route über den Westgrat, die heute als Normalweg auf den Gipfel gilt, und schaffte damit die Erstbesteigung.

Die Parrotspitze (4.432 m) vom Lyskamm aus gesehen
Foto: Wikipedia/ Kubajzz
Die Parrotspitze (4.432 m) vom Lyskamm aus gesehen

Dem an der Parrotspitze gescheiterten Christian Almer aus Grindelwald – er konnte dafür legendäre Berge wie Eiger und Mönch auf sein Konto verbuchen – wurde 1856 die Ehre zuteil, gemeinsam mit Melchior Anderegg als Erster das Schweizer Bergführerpatent zu erhalten. Dennoch ist es Anderegg, der als „König der Führer“ in Erinnerung blieb, als Prototyp des Schweizer Bergführers der mit seinem Spürsinn und seiner Eleganz vielen nachfolgenden Generationen seinen Stempel aufdrückte.

Gentleman mit Geschick

Als Andereggs bekanntester englischer Kunde gilt übrigens Leslie Stephen, Vater der Schriftstellerin Virginia Woolf und Mitbegründer des Londoner Alpine Club, des ältesten Bergsteigerverbands der Welt. Ihm gelangen bis 1871 mehrere Erstbesteigungen in den Westalpen (Wildstrubel, Rimpfischhorn, Blümlisalp etc.), wobei ihn dabei in den meisten Fällen Melchior Anderegg begleitete.

Nicht die einzige Verbindung nach England, die Andereggs Werdegang stark beeinflussen sollte. Bereits 1857 publizierte er in London eine Schilderung seiner alpinistischen Fähigkeiten – die den berggewandten Gentlemen aus der Schweiz weit über die Gipfeln der Heimat bekanntmachte.

Leslie Stephen mit Bergführer Melchior Anderegg, circa 1870

Melchior Anderegg

  • Geboren: 28. März 1828 in Meiringen
  • Leben: Bauernsohn, Schnitzer, Erstbesteiger mehrerer Westalpen-Gipfel (darunter Wildstrubel, Rimpfischhorn, Blümlisalp und Dent d’Hérens), erster Schweizer Bergführer mit Patent.
  • Zitat: „Man könnte schon gehen. Aber ich, Melchior Anderegg, gehe nicht.“

Parrotspitze

  • Höhe: 4.432 m
  • Erstbesteigung: 16. August 1863
  • Gebirge: Walliser Alpen (Schweiz/Italien)

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