Ausflug nach Tirol
„Kann man das Jodeln wohl
Ich derart nah den Sternen.
Leute aufs Totenkirchl kraxeln,
Aber kühn und schön war es doch.
Was ich um Hochwürden dann
Sang, lebte und sprach in der 'Post',
Schmeckte wie Herz am Rost
Nach ausgegangener Hochtouristenkost.
Alm und Kuhstall, fette Weiden,
Wo ich durchgegangen bin,
Schien mir alles zum Beneiden.
Und den Appetit verleiden,
Wäre ich eine Mutter mit Kind,
Ich nährte mein Kind mit Terlaner.
Das ist des Nachts der Sekt so kühel.
So vornehm tanzen und schweigen,
Um ja nicht mehr zu zeigen
Als ihre hochmodernen Garderoben.
Ich möchte ein wilder Gebirgsbach sein,
Klar, schäumend, rauschend und blinkend,
Unaufhaltsam kämpfend von Stein zu Stein
Mich an mir selber betrinkend.
Daß ich ein Kragenknöpfchen verlor,
Kommt schließlich auch einmal anderwärts vor.
Joachim Ringelnatz wurde 1883 in Wurzen bei Sachsen geboren und hat sich mit seinem stark humoristisch geprägten Werk verdient gemacht. Sein Leben aber war von vielen Durststrecken und Niederschlägen gekennzeichnet: Sein großer Traum vom Seefahren endete zunächst hoffnungslos verloren im Urwald in Britisch-Honduras. Es folgten Jahre des Hungerns, mit über 30 verschiedenen Nebenberufen hielt sich Ringelnatz mehr schlecht als recht über Wasser.
Immer wieder heuerte er auf Schiffen an, verdiente sich ein Zubrot als Sänger, Bibliothekar und Buchhalter. Nebenbei widmete sich Ringelnatz dem Schreiben. Mit Kriegsbeginn 1914 meldete er sich freiwillig zur Marine, ab 1920 konnte er endlich erste Erfolge mit seinen Auftritten in einem Berliner Kabarett verzeichnen. Als Vortragskünstler reiste er bis nach Paris und London. Doch die Glückssträhne währte nicht lange: Ab 1933 sprachen die Nationalsozialisten ein Auftrittsverbot für Ringelnatz aus. Verarmt und an Tuberkulose erkrankt verstarb Ringelnatz 1934 in Berlin.