Berggedicht

Joachim Ringelnatz: „Ausflug nach Tirol“

Historisches • 2. Juli 2018

Wir geben euch wieder ein Berggedicht mit in die Woche. Diesmal: „Ausflug nach Tirol“ vom Schriftsteller und Kabarettist Joachim Ringelnatz (1883-1934).

Der Wilde Kaiser in Tirol im Morgenlicht
Foto: mauritius images / Ludwig Mallaun
Der Wilde Kaiser in Tirol im Morgenlicht

Ausflug nach Tirol

„Kann man das Jodeln wohl

In meinem Alter lernen?

Nie war, wie in Tirol,

Ich derart nah den Sternen.

Ich sah vom Stripsenjoch

Drüben an steiler Wand

Leute aufs Totenkirchl kraxeln,

Wahrscheinlich Sachseln

Aus Hosenträgerland.

Aber kühn und schön war es doch.

Was ich um Hochwürden dann

Später in Sankt Johann

Sang, lebte und sprach in der 'Post',

Schmeckte wie Herz am Rost

Nach ausgegangener Hochtouristenkost.

Alm und Kuhstall, fette Weiden,

Bärenwirt und Sennerin –

Wo ich durchgegangen bin,

Schien mir alles zum Beneiden.

Nur die Wandervögel, die

Einem jede Poesie

Und den Appetit verleiden,

Mocht ich meiden.

Alle Tiroler sind

Keine Amerikaner.

Wäre ich eine Mutter mit Kind,

Ich nährte mein Kind mit Terlaner.

Im Kursalon in Kitzbühel

Das ist des Nachts der Sekt so kühel.

Ich muß die Gäste loben,

Die zur Musik dort oben

So vornehm tanzen und schweigen,

Um ja nicht mehr zu zeigen

Als ihre hochmodernen Garderoben.

Ich möchte ein wilder Gebirgsbach sein,

Klar, schäumend, rauschend und blinkend,

Unaufhaltsam kämpfend von Stein zu Stein

Mich an mir selber betrinkend.

Daß ich ein Kragenknöpfchen verlor,

Kommt schließlich auch einmal anderwärts vor.

Du, mein einziges Tirol,

Lebe wohl! Lebe wohl!“

Schriftsteller und Kabarettist Joachim Ringelnatz
Foto: Wikimedia Commons/kl833x9
Der deutsche Schriftsteller und Kabarettist Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Joachim Ringelnatz wurde 1883 in Wurzen bei Sachsen geboren und hat sich mit seinem stark humoristisch geprägten Werk verdient gemacht. Sein Leben aber war von vielen Durststrecken und Niederschlägen gekennzeichnet: Sein großer Traum vom Seefahren endete zunächst hoffnungslos verloren im Urwald in Britisch-Honduras. Es folgten Jahre des Hungerns, mit über 30 verschiedenen Nebenberufen hielt sich Ringelnatz mehr schlecht als recht über Wasser.

Immer wieder heuerte er auf Schiffen an, verdiente sich ein Zubrot als Sänger, Bibliothekar und Buchhalter. Nebenbei widmete sich Ringelnatz dem Schreiben. Mit Kriegsbeginn 1914 meldete er sich freiwillig zur Marine, ab 1920 konnte er endlich erste Erfolge mit seinen Auftritten in einem Berliner Kabarett verzeichnen. Als Vortragskünstler reiste er bis nach Paris und London. Doch die Glückssträhne währte nicht lange: Ab 1933 sprachen die Nationalsozialisten ein Auftrittsverbot für Ringelnatz aus. Verarmt und an Tuberkulose erkrankt verstarb Ringelnatz 1934 in Berlin.

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