Berg-Philosophie

Eine kleine Geschichte des Wanderns

Philosophie • 9. November 2017
von Christina Geyer

Wir wandern, um den Kopf frei zu bekommen. Um zur Ruhe zu kommen. Um einen Ausgleich zur Hektik des Arbeitsalltags zu schaffen. Wir wandern freiwillig. Unsere Vorfahren hätten sich ungläubig an den Kopf gegriffen.

Wanderer im Stora Sjöfallets Nationalpark in Schweden
Foto: mauritius images / Bernd Römmelt
Wanderer im Stora Sjöfallets Nationalpark in Schweden

Das gemeine Fußvolk wanderte einst nicht aus freien Stücken. Die Fortbewegung per Pferd, Sänfte und später per Kutsche blieb der privilegierten Klasse vorbehalten. Das Zufußgehen kennzeichnete den Pöbel, die Unterschicht, all jene, die sich den Luxus des Getragenwerdens nicht leisten konnten. Die Trennlinie zwischen Arm und Reich wurde über den Einsatz der Beine definiert. Mit der Industriellen Revolution und dem Anbrechen des Eisenbahnzeitalters erfasste nun auch den Pöbel die Zäsur: Tod der Selbstbewegung! Die Not ist vorüber! In Teilen Amerikas wirkt der Zeitgeist des 19. Jahrhunderts noch heute nach.

Wer reisen will, der muss zu Fuß gehen

Aber auch damals schon hat es kluge Köpfe gegeben, die sich gegen die Bequemlichkeit der Transportmittel aussprachen. Jean-Jacques Rousseau etwa, der gegen die altmodische Version des Autofahrens wetterte: „Wir sperren uns nicht gegen die freie Luft ab“, heißt es mit Blick auf die Fahrt mit der Postkutsche in seinem Hauptwerk „Émile“. Und weiter: „Wer reisen will, der muss zu Fuß gehen“. Auch Immanuel Kant wollte im Zufußgehen weniger Not als Tugend sehen und brach täglich um exakt 19:00 Uhr zu einem Spaziergang durch seine Heimatstadt Königsberg auf.

Wanderer an der Breitgrieskarspitze im Karwendel
Foto: mauritius images / Martin Kriner
Wanderer an der Breitgrieskarspitze im Karwendel

Eine weitere Lanze für die Selbstbewegung brach schließlich Friedrich Nietzsche, der das „Sitzfleisch“ in seiner Schrift „Ecce Homo“ zur „eigentlichen Sünde“ erklärte. Und weiter liest man: „So wenig als möglich sitzen; keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung, in dem nicht auch die Muskeln ein Fest feiern.“ Streng genommen sind also alle überzeugten Wanderer der Gegenwart Nietzscheaner. Der Geisteswissenschaftler Gerhard Fitzthum verortet in der Rückbesinnung auf die einst so verhasste Art der Fortbewegung gar einen therapeutischen Effekt als Reaktion auf „eine Gesellschaft, in der alles auf Leistung und Tempo abzielt“.

Die bewusste Rückkehr zur Langsamkeit, zum Flanieren ohne Grund schwingt im Begriff des Wanderns schon mit. Das „Wandeln“ steckt darin ebenso wie das „Umherstreifen“. Und wieder treffen wir die Philosophie an – diesmal sogar ihren Anbeginn. Niemand Geringerer als Aristoteles begründete den „Peripatos“. Hier unterrichtete der Philosoph – in einer Wandelhalle. Knapp 2.500 Jahre später wandeln wir wieder. Und überschreiten Berge in mehreren Stunden, obwohl wir diese auch auf direktem Weg in nur wenigen Minuten mit dem Auto durchstechen könnten.

Und das ist nun vielleicht der große Unterschied zum „Fußvolk“ von damals. Das Gehen ist kein Mittel zum Zweck mehr, keine Maßnahme, um von einem Punkt A zu einem Punkt B zu gelangen. Es ist im Grunde ein komplett sinnentleertes Unterfangen geworden, das ausschließlich dazu dient, ohne Ziel umherzustreifen. Das Gehen ist zum Selbstzweck geworden. In anderen, populäreren Worten: Der Weg ist das Ziel.  

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