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Bergberuf: Glaziologe

Wissenswertes • 24. Mai 2018

Glaziologie bezeichnet die Wissenschaft von Eis und Schnee, beschäftigt sich also mit Gletschern im weitesten Sinne. Wir haben mit Glaziologin Andrea Fischer vom Institut für interdisziplinäre Gebirgsforschung gesprochen und sie um eine Vorstellung ihres Berufs gebeten.

Glaziologin Andrea Fischer bei der Arbeit am Gletscher
Foto: Andrea Fischer
Glaziologin Andrea Fischer bei der Arbeit am Gletscher

Was machen Glaziologen?

Glaziologen sind im Wissenschaftsbetrieb im Bereich der Geowissenschaften tätig, meist im Rahmen einer Universität oder einer sogenannten außeruniversitären Forschungseinrichtung. Es gibt nur sehr wenige freiberufliche Glaziologen. Je nach Art der Anstellung variiert auch die Tätigkeit: Freiberufler sind eher in Ingenieurbüros angestellt. Unter den Forschenden selbst gibt es vom Professor bis zum Doktorand große Unterschiede im Tätigkeitsbereich.

Professoren sind teils Indoor in den universitären Lehr- und Forschungsbetrieben eingebunden, teils auf Tagungen und Expeditionen weltweit unterwegs. Bei den Doktoranden gibt es große thematische Unterschiede: Wer Satellitenfernerkundung macht, sieht wenig von den Gletschern. Wer hingegen ein Thema mit Feldarbeiten bearbeitet, kommt durchaus oft in die Natur hinaus.

Wie darf man sich die alltägliche Arbeit von Glaziologen vorstellen?

Alltag in dem Sinn gibt es eigentlich nicht, bestenfalls Unterschiede zwischen den Jahreszeiten. Wer im Alpenraum Feldarbeiten durchführt, ist in der Schmelzperiode – also von Anfang Mai bis Ende September – viel draußen unterwegs, im Winter finden nur einzelne Messungen statt. Glaziologen in der Antarktis haben allerdings gegenläufige Terminkalender und sind zwischen Dezember und März schwer erreichbar. Die Expeditionen richten sich also nach der jeweiligen Jahreszeit auf den Gletschern.

Wie wird man Glaziologin?

Durch ein meist geowissenschaftliches Grundstudium, zum Beispiel ein Studium der Geographie, Geologie, Meteorologie oder Geophysik. Nachfolgend geht es an die Spezialisierung an der Universität. Es gibt auch Kunsthistoriker, Historiker, Chemiker und Physiker, die in der Gletscherforschung tätig sind.


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Über welche Kompetenzen verfügen Glaziologen?

Feldglaziologen müssen nebst wissenschaftlicher Qualifikationen zu allen Jahreszeiten sicher im Gelände unterwegs sein können. Hier sind also durchaus alpinistische Qualitäten vonnöten. Es gibt dafür aber keinen speziellen staatlichen Ausbildungslehrgang, jede Institution muss im Rahmen der normalen Arbeitssicherheit selbstständig die erforderlichen Kurse anbieten – in unserem Fall etwa zur Spaltenbergung.

Welche Tätigkeitsbereiche gibt es für Glaziologen?

Es gibt weltweit Tätigkeitsbereiche für Glaziologen. Nicht zwingend bedarf es dafür Gletscher: Quartärglaziologen untersuchen auch Landschaftsformen, die bei früheren Vereisungen entstanden sind, etwa Drumlins in Schottland oder den Moränenwall am Südende des Gardasees.

Welche Rolle spielen andere Disziplinen im Rahmen der Glaziologie?

Die Glaziologie ist ein schönes Beispiel für interdisziplinäre Forschungstätigkeit. Man braucht etwa Grundkenntnisse aus der Hochgebirgs- und Mikrometeorologie, muss aber auch Landschaftsformen erkennen und interpretieren können. Um eine Altersbestimmung durchzuführen und die Vereisungsgeschichte zu erfassen bedarf es auch einiger Kenntnisse aus den Bereichen Geologie, Chemie und Physik. Daher gilt es das Wissensspektrum nach dem Grundstudium noch beträchtlich zu erweitern.

Glaziologen bei der Feldarbeit am Gletscher
Foto: Andrea Fischer
Glaziologen bei der Feldarbeit am Gletscher

Welchen Bereichen hat sich das Institut für interdisziplinäre Gebirgsforschung verschrieben?

Das Institut für interdisziplinäre Gebirgsforschung untersucht die Mensch-Umwelt-Beziehung im Gebirge. Da gibt es viele verschiedene Facetten zu berücksichtigen: von Schutzgebieten und deren Management, Ressourcennutzung (zum Beispiel von Wasser) bis zum Naturraum und dessen Veränderungen. Die Gletscher sind hier interessant, weil sie zum einen das spezielle Bild des Alpenraums prägen, Nutzungen – von Tourismus bis Wasserkraft – unterliegen und Naturgefahren darstellen können. Zum anderen beeinflusst das Klima, dessen Vergangenheit unter anderem in Gletschern archiviert ist, das Leben im Alpenraum.

Wie kann man den aktuellen Zustand der Gletscher beschreiben?

Das kommt ganz auf den Maßstab an. Wenn ein Kletterer den 6. Schwierigkeitsgrad beherrscht, wird ein Anfänger finden, dass es sich hier um einen Meister der Kletterkunst handelt. Bei der Weltmeisterschaft wird dieser Kletterer vermutlich trotzdem nicht abheben. So verhält es sich auch mit den Gletschern: Sie sind heute deutlich kleiner als zum Hochstand von 1850. Und: Sie gehen weiterhin rasant zurück. Allerdings war die Kleine Eiszeit, die zum Hochstand von 1850 führte, erheblich kälter als das nacheiszeitliche Mittel. Wir wissen derzeit noch nicht, wie klein die Alpengletscher im nacheiszeitlichen „Normalzustand“ waren, da wir deutlich besser über die Maximalausdehnung der Kaltzeiten Bescheid wissen. Diese hinterlassen einfach deutlich mehr Spuren in der Landschaft.

Abgesehen von den Ursachen für die Klimaänderung gibt es noch genug zu forschen, ehe wir wissen wie einzigartig unsere Welt heute ist – oder eben nicht ist. Kaum ein Landschaftselement kann mit derart großen Änderungen aufwarten wie Gletscher, der vom tiefen Sumpf bis zum blanken, schuttbedeckten Eis über Spalten alles bereithält.

Wie steht es um die erwartete weitere Entwicklung der Gletscher?

Es gibt aktuell ziemliche Diskussionen in der Fachwelt, ob die durch den Menschen verursachte Klimaänderung eine weitere Eiszeit zulässt oder nicht. Eine der Zukunftsszenarien sieht eine Abkühlung schon in etwa 1.500 Jahren anbrechen. Bis dahin wäre zu erwarten, dass die Alpengletscher auch bei einer Reduktion der Treibhausgase noch weiter zurückgehen werden, allerdings sind „kleine“ und „kurzfristige“ Anomalien, also Abweichungen auf alpenweiter und dekadischer Skala, nie ganz auszuschließen.


Zur Person

Andrea Fischer hat Physik und Umweltwissenschaften an der Universität Graz studiert und arbeitet als Wissenschaftlerin für das Institut für interdisziplinäre Gebirgsforschung in Innsbruck. Darüber hinaus ist sie als nationale Korrespondentin für das World Glacier Monitoring Service tätig.

Glaziologin Andrea Fischer
Foto: Andrea Fischer
Glaziologin Andrea Fischer

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