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Alpiner Notfall: Basic-Ablauf in 5 Punkten

Tipps & Tricks • 14. Februar 2021

Bergsteigen ist ein Risikosport: Egal, ob blutiger Anfänger oder erfahrener Profi – jeder kann mit einer Notfall in den Bergen konfrontiert werden. Und auf solch eine Notsituation sollte man vorbereitet sein, denn im Ernstfall zählt jede Sekunde! Bergwelten stellt einen grundlegenden Ablauf in 5 Schritten vor, an dem man sich in alpiner Notlage orientieren kann.

Alpiner Notfall: Eintreffen der Einsatzkräfte im Helikopter in den Schweizer Alpen
Foto: mauritius images / Aurora Photos / Menno Boermans
Alpiner Notfall: Eintreffen der Einsatzkräfte im Helikopter in den Schweizer Alpen

1. Überblick verschaffen - kurzen Notruf absetzen

Ist man mit einem Unfall oder einer Notsituation konfrontiert, gilt es vor allem eines zu tun: Die Ruhe zu bewahren und sich einmal einen Überblick über die Situation zu verschaffen. „10 Seconds für 10 Minutes“ ist dabei ein Grundsatz, der verdeutlichen soll, dass zu Anfangs investierte Sekunden helfen, später wertvolle Minuten zu sparen. Je nach Situation sollten z.B. folgende Fragen geklärt sein, bevor die ersten Handlungen gesetzt werden:

  • Sind der Unfallort und seine Umgebung für mich sicher oder drohen weitere Gefahren?
  • Befindet sich der Verunfallte oder die Betroffene noch in einer Gefahrenzone?

Hat man eine weitere Gefährdung ausgeschlossen, kann je nach Notsituation die verunfallte Person aufgesucht und angesprochen werden bzw. mit der Lawinenverschütteten-Suche, Spaltenbergung, etc. begonnen werden.

Möchte man für verschiedenste Notfallszenarien eine möglichst allgemeingültige Reihenfolge angeben, dann erfolgt spätestens hier, d.h. BEVOR mit Berge- oder Suchmaßnahmen begonnen wird, ein „kurzer Notruf“. Wenn es ohne Zeitverlust möglich ist – also vor Ort eine Mobilfunkabdeckung besteht – wird die entsprechende Notrufnummer gewählt:

Alpin-Notrufnummern:

  • EU/Deutschland/Frankreich: 112
  • Österreich: 140
  • Schweiz: 1414
  • Italien: 118

Und die Leitstelle über Folgendes informiert wird:

  • Was ist passiert?
  • Wo ist es passiert? (Unfallort via Karte und/oder GPS bestimmen)
  • Wieviele Personen sind am Unfall beteiligt?
  • Wer ruft an? (inklusive Angabe der Telefonnummer und weiteren Erreichbarkeit)

Besteht die Gruppe aus mehreren Personen, übernimmt eine davon den Notruf. Der Anrufende folgt einfach den Anweisungen der Leitstelle. Wenn man als Ersthelfer vor Ort allein ist oder wenn alle verfügbaren Personen dringend für die Suche oder Bergung benötigt werden, dann steckt der Anrufende am besten sein Mobiltelefon in die Tasche und behält ein Headset am Ohr.

2. Verletzten bergen - Erste Hilfe

Je nach Notfallsituation im Gelände, ist es mehr oder weniger schwierig zum Verunfallten zu gelangen, um Erste Hilfe leisten zu können: Während die verunfallte Person in manchen Fällen schnell erreichbar ist, kann es in anderen Fällen nötig sein, dass man sie erst orten und bergen bzw. ausgraben (Lawinenverschüttung) oder sich zu ihr abseilen muss (Spaltensturz).

Hat man den Verunfallten erreicht, arbeitet man ein Erste-Hilfe-Schema ab:

  • Ansprechen & Anfassen
  • ABCDE-Schema
  • entsprechende Lagerung (stabile Seitenlage) und Wärmeschutz
  • Schockbekämpfung
  • Versorgung von Verletzungen mittels Erste Hilfe-Set

Das Ziel dieser Erste-Hilfe-Maßnahmen ist es, den Zustand des Verunfallten/Betroffenen bis zum Eintreffen der Rettungskräfte so stabil als möglich zu halten.

Dabei kann der Punkt „Wärmehaushalt“ nicht stark genug betont werden: Selbst im Sommer und bei vermeintlichen Bagatellverletzungen kühlen Patienten extrem schnell aus – davor gilt es sie mit allen Mitteln (Bekleidung, Biwaksack …) zu schützen.

3. Notruf absetzen oder Hilfe holen

Wenn es bislang nicht möglich war, einen kurzen Notruf abzusetzen, muss spätestens jetzt – nach der Erstversorgung bzw. Stabilisierung des Patienten – ein Notruf abgesetzt werden, um die Rettungskräfte zu alarmieren. Hier gilt es den Anweisungen der Leitstelle Folge zu leisten (hat man dies bereits getan und herrscht Flugwetter, wird man vermutlich schon den Helikopter knattern hören).

Sofern man über kein Netz verfügt, hat man keine andere Wahl als den Unfallort zu verlassen und entweder einen Punkt mit Empfang zu suchen (Tipp: Richtung Erhebung aufsteigen) oder schlimmstenfalls ins Tal bzw. zur nächsten Hütte abzusteigen. Besteht die Gruppe aus mehreren Personen, ist das meist kein Problem, ist man allerdings allein mit dem Verlezten, ist das eine schwierige Situation.

Wer unabhängig von der Netzabdeckung einen Notruf absetzen möchte, kann den Erwerb eines Satellitentelefons in Erwägung ziehen. Viele Bergsteiger und -Führer im Alpenraum verwenden das Thuraya-System, das erstaunlich günstig ist.

Alpiner Notfall: Bergung und Stabilisierung des Opfers
Foto: mauritius images / BSIP / AMELIE-BENOIST
Alpiner Notfall: Bergung und Stabilisierung des Opfers

4. Auf sich aufmerksam machen 

Nähern sich die Rettungskräfte mit dem Hubschrauber, Auto oder zu Fuß, gilt es mit allen verfügbaren Mitteln auf sich aufmerksam zu machen: vom bewährten Yes-Zeichen für den Helikopter über das Winken mit Signalfarben oder lautes Rufen bis zum neuerlichen Anruf bei der Leitstelle zur genauen Anweisung. Wichtig ist, dass die Rettungskräfte möglichst schnell zum genauen Unfallort gelangen!

Das Gegenteil gilt für alle Gruppen und Personen, die in keiner Notsituation sind: Werden sie langsam und suchend von einem Rettungshubschrauber überflogen, bitte nicht winken und auf sich aufmerksam machen, sondern maximal mit dem No-Zeichen signalisieren, dass man keine Hilfe benötigt.

5. Sicher absteigen - Angehörige informieren

Sind die Rettungskräfte vor Ort, übernehmen sie alle weiteren Maßnahmen, bei denen man sie entsprechend unterstützt. Sobald der Verunfallte professionell versorgt und abtransportiert worden ist, sollte man sich selbst ein paar Minuten Zeit geben, um sich zu sammeln und das Erlebte zu verdauen. Denn: Man selbst muss auch noch sicher ins Tal kommen und manchmal noch länger konzentriert absteigen können. Wer sich das – aus welchen Gründen auch immer – nicht mehr zutraut, sollte das Angebot der Rettungskräfte, gemeinsam mit ihnen abzusteigen bzw. sich mit dem Helikopter ausfliegen zu lassen, ohne Zögern annehmen.

Was einem noch bevorsteht, wenn der Verunfallte aus der eigenen Gruppe kommt: Auch die Angehörigen müssen darüber informiert werden, was passiert ist. Bei leichten Verletzungen geht es meist um logistische Dinge, d.h. wo kann der Verunfallte abgeholt werden, in welchem Krankenhaus befindet sich die Person oder wer kümmert sich um das verbliebene Fahrzeug am Parkplatz. Bei schweren Unfällen sieht die Situation leider anders aus: Die Nachricht vom schweren Unfall eines Freundes an dessen Familie zu überbringen ist etwas, das man niemandem wünscht und selbst nicht erleben möchte. Die Rettungskräfte und Alpinpolizisten vermitteln hier aber die Unterstützung von Kriseninterventionsteams und stehen mit Rat und Tat zur Seite.

Alpiner Notfall: Notruf absetzen und Angehörige informieren
Foto: mauritius images / Aurora Photos / Adam Kokot
Alpiner Notfall: Notruf absetzen und Angehörige informieren

Tipp

Das Was-Wäre-Wenn-Spiel hilft, sich auf mögliche Notsituationen – zumindest mental – vorzubereiten. Fragt euch im Rahmen eurer nächsten alpinen Unternehmung, wie ihr konkret mit einem auftretenden Notfall umgehen würdet.

Spielt man solche Notfallszenarien regelmäßig im Kopf durch, reagiert man erwiesenermaßen gelassener und effizienter in richtigen Notfällen.

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