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Interview

„Man sollte das Scheitern immer mitplanen“

Dossier • 15. Januar 2022
6 Min. Lesezeit

von Dominik Stelzig

Gerade zum Jahreswechsel werden großzügig Ziele gesteckt. Die meisten bleiben jedoch auf der Strecke. Was man tun kann, um die Erfolgschancen zu vergrößern, verrät Ziel-Guru Heinrich Lechner.  

Ziele helfen unser Leben auszurichten. Sie navigieren uns und geben an, wohin wir unsere Aufmerksamkeit und Energie lenken. Sie sind Antrieb und Motivation – und Grund für Enttäuschungen, wenn es doch nicht klappt. Bergführer und Mentalcoach Heinrich „Heini“ Lechner hilft Menschen dabei, persönliche Ziele zu definieren und zu erreichen – am Berg und im Alltag.  

Bergwelten: Gleich einmal vorweg: Ist der Weg oder das Ziel das Ziel? 

Heinrich Lechner: Für mich persönlich steht der Weg im Vordergrund, nämlich die Performance, das Handeln und die Entscheidungen darauf, aber auch das intensive Erleben des Weges. Das Ziel ist ein Orientierungspunkt, den ich mehr oder weniger immer im Auge behalte. Der Hauptfokus liegt aber im Hier und Jetzt, auf dem erfolgreichen, zügigen Meistern des Weges in Richtung Ziel, Schritt für Schritt. 

Wie wichtig sind Ziele im Leben und im Sport?  

Ziele im Leben sind Einstellungssache – eine Frage meiner Werte. Nicht immer muss es konkrete Ziele geben, um ein glückliches Leben zu leben. Vielleicht steht für manche Menschen im Vordergrund gemeinsame Zeit mit der Familie zu verbringen, einen Dienst an der Gesellschaft zu leisten und freie Zeit für Hobbys und Leidenschaften zu haben. Demgegenüber stehen gerade in der Arbeitswelt und im Sport ehrgeizige, quantitativ messbare Ziele. Hat man eines erreicht, ergeben sich oft zwangsläufig immer noch attraktivere, noch herausforderndere Ziele. 

Ich beobachte bei meinen Klientinnen und Klienten, dass häufig nur quantitative Ziele gesetzt werden, ohne dass sie sich Gedanken darüber machen, welche qualitativen Ziele die Voraussetzung dafür sind. Die müssten ebenfalls definiert werden. 

Quantitative und qualitative Ziele? Das müssen Sie bitte genauer erklären.  

Oft dient ein messbares Ziel lediglich als fixer Orientierungspunkt, zum Beispiel „Ich will Olympiasieger im Riesentorlauf werden“. Auf dem Weg dorthin steht ein qualitatives Ziel im Vordergrund – etwa „der ideale Schwung, perfekt ausgeführt“ – wie auch immer dieses in allen Einzelheiten definiert wird. 

Ziele werden oft über eine gewisse Zeitspanne definiert – also dort ist der Gipfel, den es bis zum Tag X zu besteigen gilt. Äußere Faktoren, wie das Wetter, die richtigen Partner, der günstigste Zeitpunkt oder bestimmte Lebensphasen werden oft nicht in der Zieldefinition berücksichtigt und festgehalten. 

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Aufstieg zum Gipfel
Foto: Julian Rohn/Bergwelten
Der Weg zum Ziel will gut geplant werden

Man sollte also nicht nur das messbare „Was“ im Auge zu behalten, sondern auch das nicht so offensichtliche „Wie“. Wie kann das gelingen? 

Am besten werden Ziele schriftlich definiert. Ein Ziel erhält dadurch eine gewisse Verbindlichkeit und auch Kraft. Du kannst diese Verschriftlichung zelebrieren und so dem Ziel einen würdigen Rahmen geben.  

Eine gute Technik ist die „Zielcollage“. Dazu fertigt man eine Collage aus Bildern an und ergänzt sie mit Elementen aus einem Mindmapping, persönlichen Notizen und so weiter. Auch hier sollte man sowohl auf die quantitativen als auch die qualitativen Merkmale des Ziels Wert legen. 

Gibt es auch schlechte Ziele?  

Eine Einteilung in Gut und Schlecht finde ich schwierig. Ich unterscheide nach realistischen und unrealistischen Ziele. Gerade im Bergsport bin ich immer wieder mit unrealistischen Bildern konfrontiert. Zum Beispiel wollen viele den höchsten Berg Österreichs besteigen – den Großglockner. Dieses Ziel nehmen sie jedoch in Angriff, ohne sich kritisch mit den Voraussetzungen auseinander zu setzen, die gelten müssen, damit man überhaupt eine realistische Chance hat. 

Das heißt, ich soll im Vorhinein schon überlegen, ob ich das schaffe? Besteht da nicht die Gefahr, dass ich mich vielleicht selbst belüge?  

Nein, gar nicht. Es geht ja genau darum, zu hinterfragen, ob das Ziel machbar ist. Ich empfehle eine möglichst realistische Visualisierung des Ziels – und dass man sich das Gefühl vorstellt, wenn dieses erreicht wird. Ist es unter den gegebenen Voraussetzungen überhaupt möglich? Was müsste ich dafür aufgeben? Ist es das wert, möchte ich es wirklich und traue ich mir das tatsächlich zu? Die Balance ist entscheidend.  

Einerseits müssen Ziele realistisch genug sein, um uns nicht zu entmutigen oder zu stressen. Und andererseits sollten sie gerade groß genug sein, um das Feuer in uns zu entfachen, um uns auch in dunklen Stunden, wenn der Gipfel in einer dicken Nebelschicht aus Selbstzweifeln versinkt, Licht zu spenden und uns anzutreiben.

Ein guter Weg zu einem ehrgeizigen Ziel sind Teilziele. Im Bergsteigen wäre das etwa, sich also erst einmal an kleinere Gipfel heranzuwagen. Und dann: reflektieren, neu visualisieren, das nächsthöhere Ziel definieren und sich auf dessen Erreichung vorbereiten.  

Visualisieren, planen und dann Schritt für Schritt realisieren – das klingt einfach. Mehr braucht es nicht? 

Dir bildhaft vorzustellen, wie du das Ziel erreichst, kann unglaubliche Kräfte freisetzen. Visualisiere jedes Detail deiner Tour: wie du auf dem Weg zu deinem Ziel bist – von der konsequenten Vorbereitung bis zur Umsetzung – am Weg über den Gipfelgrat bis hin zu diesem erhabenen Moment auf dem Gipfel.  

Das gibt einerseits die Möglichkeit, das Ziel auf seine Umsetzbarkeit zu überprüfen. Man kann Anpassungen vornehmen, fehlende Fähigkeiten identifizieren und sich um deren Entwicklung kümmern. Andererseits bekommt das Ziel so eine ungemein starke Anziehungskraft. Eine Kraft, die hilft, bei Durchhängern oder fehlender Motivation immer wieder nach vorne zu schauen, sich aufzuraffen und auf das Ziel hinzuarbeiten.

Gipfelblick
Foto: Julian Rohn/Bergwelten
Als Lohn wartet der Blick vom Gipfel

Angekommen am Gipfel – wenn ich also ein Ziel erreicht habe –, was tue ich dann?  

Auf alle Fälle den Erfolg gebührend feiern, genießen und verinnerlichen. Und dann geht es darum, sich schnell wieder zu sammeln und darauf zu fokussieren, heil vom Gipfel zu kommen. Ob auf anspruchsvollen Routen wie am Matterhorn oder auch auf einfachen Pfaden, sind schon viele beim Abstieg verunglückt. Der Erfolg sollte nicht zu Selbstüberschätzungen führen.  

Und wenn ich vor dem Ziel die Spur verliere? 

Am Berg wie im Alltag – du kannst noch so gut vorbereitet sein – kann von einer Sekunde auf die andere alles ganz anders sein. Deshalb finde ich es wichtig, ein mögliches Scheitern bereits in der Planung mitzudenken. Das soll natürlich nicht gleich zur selbsterfüllenden Prophezeiung hochgeschaukelt werden. Es geht darum, sich selbst bzw. dem Team zumindest die Möglichkeit des Nichterreichens zu erlauben. Das kann die notwendige Lockerheit herstellen, und man kann beschwingter an die Sache rangehen. 

Gerade beim Bergsteigen – aber auch als Analogie zum Leben – zitiere ich gerne Hans Kammerlander. Er meinte, ein Umkehren sei kein Scheitern, sondern ein Zurückgehen, um zu einem späteren Zeitpunkt besser vorbereitet oder bei anderen Bedingungen wiederzukommen. Das kann einem unter Umständen sogar das Leben retten.  

Gibt es nicht vielleicht so etwas wie einen Masterplan zur Zielerreichung?  
 
Nein, leider. Es gibt jedoch „kritische Erfolgsfaktoren“. Ziele sollten stets mit den eigenen Werten abgeglichen werden. Nach welchen Kriterien setze ich mir meine Ziele, und was ist mir persönlich wichtig beim Erleben dieses Gipfelzieles?  

Zweitens sind Visualisierung und Planung entscheidend. Wenn ich einen Traumberg definiert habe, dann beschäftige ich mich ständig damit. Ich lese darüber, gehe die geplante Route zig-mal in Gedanken, in Erzählungen durch, schaffe mir Anker in meiner Zielcollage und motiviere mich durch Tagträume, meinen Plan auch wirklich durchzuziehen.  

Und drittens: Die Erfahrungen und Erlebnisse stehen über dem Erreichen. Eines ist klar: Manches ist nicht planbar. Das macht das Leben auch spannend. Für mich stehen deswegen bei meinen Zielen nicht so sehr die Attraktivität, die Schwierigkeit oder die Gipfelhöhe im Vordergrund, sondern die vielleicht auf den ersten Blick nicht erkennbaren und eventuell gar nicht messbaren Qualitäten eines Berges. Es geht darum, den Berg und den Weg wirklich zu erleben.  

Auch das ist das Schöne an dem Bildnis des Berges. Es honoriert eine fast vergessene Komponente von Erfolg: dass du von jedem Schritt etwas mitnehmen kannst. Kurz: Auch der Weg kann das Ziel sein.  

Heinrich Lechner begleitet Menschen und Unternehmen unter anderem bei den Themen Selbstmanagement, mentale Stärke und Leistung. Nach dem Studium der Sportwissenschaften sammelte er internationale Managementerfahrung in der Skiindustrie, ehe er sich als Coach, Trainer und staatlich geprüfter Berg- und Skiführer selbständig machte.  

Seine Website: peak-experience.at

 

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