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Radfahrer auf der Bergstraße.
Foto: Janosch Abel
Bikepacking

Bikepacking in Vorarlberg

• 14. Oktober 2021

Beim Bikepacking kann man den halben Hausrat mit dem Fahrrad transportieren. Theoretisch. Will man aber Höhenmeter machen, zählt jedes Gramm. Mit leichtem Gepäck durch den Bregenzerwald und das Allgäu.

Marlies Czerny für das Bergweltenmagazin Juni/Juli 2020

 

Das bleibt jetzt bitte unter uns, aber eigentlich hätte hier eine ganz andere Geschichte stehen sollen. Eine Geschichte, die ungefähr so hätte anfangen können: „Mit tausend Höhenmetern in den Beinen kniet es sich am besten vor dem Campingkocher. Den ganzen Tag über sind wir voll bepackt mit ebenjenem Kocher, mit Zelt, Schlafsack und allem, was man sonst noch zum Übernachten im Freien braucht, über Stock und Stein gerollt.“

So ungefähr hatten wir uns das vorgestellt. Voll beladene Räder, Campen auf der Strecke, ein Abenteuer auf zwei Reifen. Keiner von uns war zuvor schon einmal bikepacken gewesen, und für die große Premiere legten wir uns ebenso große Taschen zu. Wir, das sind die beiden Fahrradblogger Tini und Andy aus Wien, Fotograf Janosch aus Bern und die Schreiberin aus München.

Als dreiländerfreundlichen Treffpunkt hatten wir den Bregenzerwald auserkoren, um dann mit Rad und Pack über die Grenze ins ebenso schöne deutsche Allgäu zu rollen – und wieder retour. Knapp 120 Kilometer, gut zehn Stunden Fahrzeit und mehr als 2.300 Höhenmeter hatten wir uns als Bikepacking-Neulinge vorgenommen, samt einer Nacht unter freiem Himmel. Eigentlich. Bis ich schon nach einer knappen Stunde bei einer Testfahrt mit kaum erwähnenswerter Steigung im Münchner Umland verendete. 

Zwei Radfahrer halten sich die Hände während der Tour.
Foto: Janosch Abel
Tini und Andy sind viel mit den Rädern unterwegs. Bikepacken waren sie vorher noch nie gewesen, doch die Testfahrt hat sie begeistert.
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So ambitioniert wir gewesen waren, so sehr holte mich die Vollbeladung auf den asphaltharten Boden der Tatsachen zurück: Nie im Leben würde ich die geplante Strecke mit all dem Gewicht am Rad schaffen. Schon gar nicht auf Schotterwegen. Und erst recht nicht mit einem Gravelbike, das einen mit seiner Geometrie und Übersetzung im Vergleich zu Mountainbikes oder Tourenrädern jedes Gramm doppelt spüren lässt.

Auch bei den Reisepartnern aus Österreich und der Schweiz setzte Panik ein. Wenn wir nicht unmittelbar nach dem ersten Ortsschild ein Notlager würden errichten wollen, blieben uns nur zwei Möglichkeiten: a) eine andere Tour zu wählen – oder b) doch in einem Hotel zu übernachten. 
 

Die Radfahrer fahren entlang am Lecknersee.
Foto: Janosch Abel
Tini, Autorin Anke und Andy am Lecknersee, kurz hinter der Grenze zwischen Deutschland und Österreich.

Plan B

Als sich der Wald lichtet und den Blick auf die umliegenden Berge freigibt, wissen wir, dass wir uns richtig entschieden haben. Das Einzige, was im Moment schwer wiegt, ist das verflucht gute Frühstück des Hotel Bären in unseren Bäuchen. An unseren Rädern hingegen nur Minimalgepäck. Kein Zelt, kein Schlafsack, kein Kilo zu viel. Stattdessen: viel Panorama. Übermütig ob der leichten Taschen, haben wir einen Abstecher auf eine kleine Passstraße gemacht, um die Aussicht von oben mitzunehmen.

Vorarlberg hat das „berg“ schließlich nicht umsonst im Namen: Gipfel reiht sich hier an Gipfel, die Täler anscheinend nur als Auditorium für sie angelegt. Am Morgen in Mellau gestartet, sind es für uns nur rund 15 Kilometer bis zum Vorsäß Schönenbach, das mit seinen schindelgedeckten Holzhäuschen und der für Autos gesperrten Straße wie aus der Zeit gefallen zu sein scheint. „Ganz ehrlich, ich hätte nicht gedacht, wie viel in solche Fahrradtaschen hineinpasst“, stellt Tini fest, als wir eine Trinkpause als Vorwand zum In-die-Landschaft-Gucken nutzen.

„Aber noch weniger hätte ich gedacht, wie viel das Gewicht am Rad ausmacht.“ Die ersten Stunden versuchen wir, uns damit zu überbieten, was wir alles nicht mitgenommen haben. Und gerade als wir uns fragen, ob wir nicht statt ultralight unterwegs doch Ultra-Weicheier sind, kommt eine heftige Steigung. Und gerade in dem Moment, als nicht nur ein Rad, sondern auch die Stimmung zu kippen droht, schallt plötzlich 1990er-Jahre-Partysound aus Andys Lenkertasche.

Da spart man sich aus Gewichtsgründen die Zahnpasta von der Bürste, und was macht der Sportstudent aus Wien? Bringt eine tragbare Musikbox mit und drückt, während alle anderen schnaufen, mal eben auf „Play“. Mit den Sugarbabes im Ohr nähern wir uns langsam, aber sicher der deutschen Grenze. Da ist es nebensächlich, ob die musikalische Qualität grenzwertig ist.
 

Die Radfahrer fahren auf einem Wiesenweg.
Foto: Janosch Abel
Die Radtour führt auch über dicht bewachsene Wege.

Endlich bergab

„Den Frischkäse müsst ihr unbedingt probieren“, empfiehlt Hausherrin Manuela Maurer, als wir einen Einkehrschwung in der Alpe Aibele machen. Die urige Hütte serviert auch einen Blick auf die Gottesackerwände des Hoher-Ifen-Massivs, über denen die Sonne so hoch steht, dass wir die Brotzeitplatten leeren können, ohne uns etwas überstreifen zu müssen – schließlich werden wir heute Abend für jedes unverschwitzte Kleidungsstück dankbar sein.

Ebenso wie jetzt über besagten Frischkäse, denn die Vorarlberger Variante hat so gar nichts mit der Fraktion aus dem Kühlregal zu tun. Schnittfest und mit frischen Kräutern dekoriert, könnte man einen ganzen Laib Bauernbrot mit Frischkäse inhalieren – wären da nicht noch ein paar Kilometer bis zum Tagesziel. Zum Glück geht es auf der letzten Etappe ins Allgäu primär bergab. Und zum ersten Mal freuen wir uns über jedes Gramm, das an Lenker, Stange und Sattel hängt: Mit Rekordgeschwindigkeit schießen wir die makellos asphaltierte Straße nach Tiefenbach hinunter, und das Adrenalin wird nur noch vom Glücksgefühl übertroffen, als wir in der Unterkunft mit einer heißen Dusche begrüßt werden. 

Die Radfahrer kehren auf einer Hütte ein.
Foto: Janosch Abel
Die Alpe Aibele liegt perfekt auf der Hälfte der Tagesetappe – und mit Blick auf die Gottesackerwände des Hohen Ifen.
Tomaten und Käse als Stärkung für die Sportler.
Foto: Janosch Abel
Am hausgemachten Vorarlberger Frischkäse der Alpe Aibele darf man nicht vorbeifahren: Schnittfest und mit heimischen Kräutern garniert, liefert er Power für die Pedale.

Am nächsten Tag sind wir dankbar, die Nacht in einem richtigen Bett zugebracht zu haben, denn auf dem Rückweg nach Österreich wartet die heftigste Passage der Tour. Zwischen 14 und 20 Prozent Steigung sagt der digitale Routenplaner, daher dunkelrot markiert, passend zum Blutschwitzen. Aber – halleluja: immerhin auf Asphalt. „Auf Schotter hätte ich wahrscheinlich schon die Bergrettung gerufen“, gibt Tini lachend zu, als wir uns Zentimeter um Zentimeter nach oben schieben.

Inzwischen fahren wir zudem nicht mehr nur gegen das Gewicht der Taschen an, sondern auch gegen das Wetter: Der Himmel hat sich von blau zu grau zu Weltuntergang gewandelt, und die Freude über die bezwungene Steigung geht mit Donnergrollen einher. Nichts könnte uns mehr egal sein. Denn inzwischen sind wir voll im Bikepacking-Modus. 


Zwei Tage gemeinsames Treten, Schwitzen und Schlemmen haben uns zum Team werden lassen. Da sorgt eine Portion Nervenkitzel durch ein anrollendes Gewitter eher für Belustigung. Auch die eine oder andere falsche Abzweigung kann die gute Stimmung nicht trüben und wird durch spaßig zu fahrende Trampelpfade wettgemacht, über die es durch Wiesen und Wälder zurück in Richtung Österreich geht. Vorbei am Lecknersee, nehmen wir auf Asphalt wieder Tempo auf. Und selbst als wir abrupt auf Schrittgeschwindigkeit heruntergebremst werden und schieben müssen, weil keiner von uns technisch fit genug ist für die Trampelpfade, die sich im letzten Drittel der Strecke versteckt haben, bleibt die Gruppendynamik in Schwung.

Wer sein Rad liebt, der schiebt. Als wir am zweiten Abend zusammen mit dem Gewitter in Mellau einrollen, sind wir pitschnass – und bestens gelaunt. Selbst Tini und Andy, die als Bike-Blogger schon viele Regionen vom Rad aus gesehen haben, sind sich einig, dass dies eine der schönsten Touren war, die sie je gemacht haben. Und dass die Entscheidung, das Gepäck an die Route anzupassen, die richtige war. Minimalismus ist schließlich auch eine Kunst, selbst wenn minimale Kondition der Grund dafür ist.

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