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David Lama: Über Schwierigkeitsgrade

Blog • 26. Juli 2017

Bewertungen helfen die Schwierigkeit von Routen einzuschätzen. Selbstzweck sollte die Eroberung von Graden aber nicht werden, meint Ausnahmekletterer David Lama.

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Foto: C. Rich/Red Bull Content Pool
David Lama bei der Erstbegehung von Avaatara im Libanon (9a bzw 11. Grad)

„Man geht nicht nach dem Klettern zum Kaffeetrinken, Kaffeetrinken ist integraler Bestandteil des Kletterns“, sagte der deutsche Sportkletterpionier Wolfgang Güllich. Was er damit meinte: Klettern ist mehr als ein Sport.

Güllich war der Erste, der eine Route im elften Schwierigkeitsgrad bewältigte, und pushte den Sport damit in neue Sphären. Dass Güllich zur Legende wurde, verdankt er dieser Mischung zwischen sehr harten Touren und dass er Klettern in all seinen Facetten auf besonders inspirierende Art gelebt hat. Weder suchte er den billigsten Elfer, noch ließ er dieses Ziel zu seinem einzigen Lebensinhalt als Kletterer werden.

Rund um die Schwierigkeitsgrade sind für mich heute zwei Phänomene erkennbar: Zum einen werden neue Touren schneller populär, wenn sie sich als leicht für den Grad etablieren. Jeder kann auf diverse Internetseiten gehen und dort vor seinem Kletterurlaub nachschlagen, welche Routen für den jeweiligen Schwierigkeitsgrad schnell abzuhaken sind. Im Klettergarten wird dann leider zu oft damit begonnen, diese Liste abzuarbeiten. Routen, die undankbar, also schwierig für ihren Grad sind, werden meist links liegen gelassen.

Zum anderen ist der Blick auf das Topo für viele Kletterer das entscheidende Kriterium bei der Tourenwahl. Die Bewertung einer Route wird damit wichtiger als der persönliche Geschmack. Aber nur wenn ich mir eine Wand anschaue, weiß ich, ob mich eine Linie überhaupt anspricht.

Manche Kletterer würden durch eine selbstkritische Reflexion draufkommen, dass sie sich den Spaß selbst beschneiden, wenn sie zu viel in den Führer schauen und sich von einer Zahl mehr in den Bann ziehen lassen als von der Kletterei selbst.

David Lama im Rofan in Tirol

Genau deshalb wird meines Erachtens oft auch zu viel im Seil gehangen und zu wenig geklettert. Das ewige Probieren einer deutlich über dem eigenen Niveau liegenden Route ist gerade daher so populär, weil in einer schweren Tour zu hängen cooler und einfacher ist, als eine vermeintlich leichtere zu klettern. Zu selten wird die für einen selber richtige Route gesucht, die man erfolgreich durchsteigen kann, weil sie als nicht repräsentativ betrachtet wird. Außerdem: Wer ist schon gewillt, eine Blamage zu riskieren und in einer leichten Tour zu stürzen, wenn man sich auch an einer schweren die Zähne ausbeißen kann?

Schwierigkeitsgrade ermöglichen uns, dass wir an die eigenen Grenzen gehen und so ein perfektes Klettererlebnis kreieren. Zum Selbstzweck sollte die Eroberung von Graden allerdings nicht werden. Klettern wäre genauso gut, wenn es keine Schwierigkeitsgrade gäbe – und für viele Leute wahrscheinlich noch viel besser, wenn sie diesem Thema weniger Raum beimessen würden. Mit dieser Tatsache im Hinterkopf sollten Bewertungen und Routen betrachtet werden. Weniger hängen, mehr klettern.

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