16.000 Touren,  1.700 Hütten  und täglich Neues aus den Bergen
Die Sellagruppe.
Foto: Andreas Jakwerth
Klettern in der Sellagruppe

Die Sellatürme erklimmen

• 28. Oktober 2021

In den Dolomiten steht die Zeit still: Wer Können, ein scharfes Auge und Abenteuergeist mitbringt, kann Routen erleben wie einst die Erstbegeher – und dabei die Philosophie des puren Kletterns ergründen.

Klaus Haselböck für das Bergwelten-Magazin Herbst 2015

Wenn man die Kraft hat, kann man sich die Technik sparen“, sagt ein gut gelaunter Hanspeter Eisendle. Der kleine Überhang, der jetzt vor ihm liegt, ist die Schlüsselstelle der Route „Demetz-Glück“ am vierten Sellaturm. Bewertet mit dem fünften Schwierigkeitsgrad, stellt sie für die Südtiroler Kletterlegende keine Herausforderung dar.

Hanspeter steigt die kleinen Tritte konzentriert an, während seine Hände für das Gleichgewicht sorgen. Er prüft jeden Griff einen Augenblick lang auf seine Festigkeit, um ihn dann gezielt zu belasten. Dann geht ein Impuls durch seinen Körper, er streckt die Knie durch, greift weit hinauf, und schon verschwindet er hinter der Felskante.

Die Sellagruppe ist ein weitläufiges Gebirgsplateau, das sich die italienischen Provinzen Südtirol, Belluno und Trentino untereinander aufteilen. Höchster Punkt ist der einfach zu besteigende Piz Boè mit 3.125 Metern. Uns interessieren aber die weiter westlich gelegenen Sellatürme: Vier davon sind für Kletterer relevant.

Jeder Turm hat seine eigene Geschichte und seinen eigenen Charakter. Gemeinsam ist ihnen eine reiche Auswahl an alpinen Kletterrouten bei angenehm kurzen Zustiegen: Die meisten Einstiege in die Touren sind vom Parkplatz am Sellajoch kaum 15 Minuten entfernt.

Hanspeter in der Wand.
Foto: Andreas Jakwerth
Nichts für schwache Nerven: Hochkonzentriert bewegt sich Hanspeter Eisendle in der Route „Fata Morgana“ (Schwierigkeit VII–) am zweiten Sellaturm, die er – ohne Bohrhaken zu setzen – gemeinsam mit Hans Kammerlander erschlossen hat.
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Klemmkeile und Sanduhren

Dafür ist die Absicherung gewöhnungsbedürftig: In unserer knapp 300 Meter langen Route durch die Westwand vom dritten Turm fehlen die verlässlich haltenden Bohrhaken, die man sonst beim Sportklettern vorfindet. Nur wenige geschlagene und schon in die Jahre gekommene Haken dienen als Zwischensicherung.

Zusätzliche Sicherungspunkte stellt Hanspeter während der Tour selber her: Deshalb baumelt an seinem Klettergurt ein großes Sortiment an Klemmkeilen, Schlingen und Reepschnüren. Mit Argusaugen begutachtet er auf seinem Weg nach oben die Felsstruktur und legt Keile in Felsspalten, die – nach unten belastet – den Sturz des Kletterers halten würden.

Er wirft Schlingen über Felsspitzen und baut „Sanduhren“, indem er starke Reepschnüre als Sicherung durch Löcher im Gestein fädelt. All diese mobilen Sicherungen nimmt der Nachsteigende wieder mit, damit die nächste Seilschaft die Route wieder neu erleben kann. Schon vor gut 100 Jahren lehnte Paul Preuss, Freikletter-Pionier aus dem Salzkammergut und viel in den Dolomiten unterwegs, das Setzen von Haken ab.

Er meinte: „Bergtouren, die man unternimmt, soll man nicht nur gewachsen, sondern ihnen überlegen sein.“ Seine 150 Erstbegehungen sind unsichtbare Linien, die er gegenüber am Langkofel, in der Brenta und an der Kleinen Zinne gezogen hat. Hanspeter Eisendle sieht sich ganz in der Tradition dieser Idee und wurde deshalb auch zuletzt mit dem Paul-Preuss-Preis ausgezeichnet.

„Die Qualität kommt beim Klettern über das Weglassen“, sagt Hanspeter. „Der scheinbare Anachronismus stärkt die Kreativität und macht das Gesamterlebnis größer.“ Nicht nur in den Sellatürmen verlangt die Preuss’sche Philosophie deshalb ein Kletterkönnen, das höher ist als der angegebene Schwierigkeitsgrad einer Route, den versierten Umgang mit mobilen Sicherungsmitteln und die Fähigkeit, vom höchsten Punkt wieder abzuklettern oder sich – notfalls – abzuseilen.

Und es braucht viel Erfahrung, um den Fels zu „lesen“, also zu sehen, wo sich Sicherungspunkte anbringen lassen und wo die Route überhaupt verläuft. Denn die Linien sind eben nicht durch silbern glänzende Bohrhaken markiert, sondern wollen gefunden werden.

Genauso wichtig ist jedoch auch der Abenteuergeist. Für Hanspeter Eisendle ist dies ein weiterer guter Grund, in die Dolomiten zu kommen: „Hier kann man Klettern in seiner Ursprünglichkeit erleben, ähnlich wie die großen Erstbegeher.“

Die Kletterer in der Wand.
Foto: Andreas Jakwerth
Großes Kino: Rechts klettern Hanspeter Eisendle (oben) und Bergwelten-Chefredakteur Klaus Haselböck die „Trenker“ am ersten Sellaturm. Der Ausblick reicht bis ins Langkofelmassiv (links hinten).

1.000 seilfreie Klettermeter

Abenteuerliche Bergerlebnisse prägten schon Hanspeters Jugend: Als Schüler fuhr er nach dem Unterricht von St. Ulrich mit dem Mofa hinauf auf das Sellajoch. In Jeans und simplen Schuhen stieg er allein und ohne Sicherung über die Pichlkante auf den 3.181 Meter hohen Langkofel, einen wilden Felsklotz, der den Sellatürmen gegenüberliegt.

1.000 seilfreie Klettermeter im vierten Schwierigkeitsgrad – und danach über den ihm damals unbekannten Normalweg wieder hinunter. Einfach so. „Damals habe ich regelmäßig in Drachenblut gebadet“, sagt der bald 60-jährige Hanspeter über die Pubertät seines Bergsteigerlebens. „Und mir war zum Glück bewusst, dass ich verwundbare Stellen habe.“

In den 1970er-Jahren war Klettern eher ein Außenseiter-Sport. „Für Hinterwäldler“, wie Hanspeter Eisendle heute sagt. Auf jeden Fall richtig wild und gefährlich. Die Mofa-Ausflüge zum Langkofel und die Sellatürme hielt er deshalb vor seinen Freunden und Eltern geheim. Im Falle eines Absturzes hätte niemand gewusst, wo man ihn suchen sollte.

Es war aber nicht die Gefahr, die ihn faszinierte: „Ich bin einem Gefühl gefolgt. Berge schienen mir ein riesiges Potenzial für Selbstbestimmtheit zu haben.“ Seine eigene Entwicklung zu einem der versiertesten Alpinisten Europas verdankt Hanspeter auch den frühen Erlebnissen am Langkofel und an den Sellatürmen:

„Die heftigsten Touren habe ich eigentlich in meiner Jugend unternommen. Danach wurde zwar der Schwierigkeitsgrad höher, aber mein Können ist auch mitgewachsen, und die Ausrüstung ist jetzt auch viel besser. Durch diese radikale Vorgeschichte habe ich gelernt, die Regeln der Berge zu verstehen und zu respektieren.“

Auf den Spuren von Luis Trenker

Wir sind am Gipfel und damit in 2.605 Meter Höhe angekommen. Hinunter geht es vom vierten Sellaturm nur per Seil, nochmals ist also volle Konzentration gefragt. „Als Bergführer bin ich dafür da, dass das Abenteuer nicht stattfindet“, sagt Hanspeter und kontrolliert mein Abseilgerät, ehe wir in die Tiefe rauschen.

Technisches Resümee: Wer auf den vierten Sellaturm will, sollte die Mittelschule des Kletterns absolviert haben. Ist das nicht der Fall, startet man am besten beim niedrigsten Turm: Als es in Südtirol noch keine Klettergärten zum Üben gab, zog es angehende Alpinisten zum ersten der vier Türme.

Dort ist entspanntes Klettern an gut gesicherten Routen mit eindeutiger Linienführung und in moderaten Schwierigkeitsgraden angesagt. Luis Trenker, dem Altmeister des Bergfilms, gelang hier 1913 eine Erstbegehung. Heute ist der „Trenker“ ein Super-Klassiker unter Kletterern, an dem sich spätere Großtaten unter abgesicherten Laborbedingungen gut proben lassen.

Auch Reinhold Messner begegnet man an der Sella. Der erfolgreichste Höhenbergsteiger der Geschichte war mit mehr als 500 Touren und Erstbegehungen bis zum siebten Grad auch einer der besten Dolomitenkletterer seiner Zeit. Am zweiten Sellaturm eröffnete er eine zeitlos elegante und bohrhakenfreie Linie. Andächtig stehen wir unter der Messner-Führe.

Der Gedanke, die Tour einer weiteren Legende fast wie bei der Erstbegehung zu erleben, juckt uns in den Fingerspitzen. Große Wasserflecken, die nur an warmen Sommertagen völlig austrocknen, bremsen allerdings unseren Enthusiasmus. Wir wenden uns der ebenso reizvollen „Fata Morgana“ zu.

Die Kletterer

Träume vom Spiralband

Hier am zweiten Sellaturm haben Hans Kammerlander und Hanspeter Eisendle den Idealfall einer Dolomiten-Route realisiert: Minimale Absicherung – die Erstbegeher haben sich nur an Sanduhren gesichert – bedeutet für alle Nachsteiger dasselbe: maximales Erlebnis. Kletterern wäre erlaubt, eine Route nach ihrer Erstbegehung mit geschlagenen oder gebohrten Haken besser abzusichern – also zu „sanieren“.

„Aber alle Wiederholer der ,Fata Morgana‘ waren so respektvoll, nur die natürlichen Absicherungsmöglichkeiten, die der Fels bietet, zu nutzen“, erklärt Hanspeter. Ausgerechnet beim dritten und höchsten Sellaturm beginnt es zu regnen. Wir brechen den Klassiker „Vinatzer“ nach der dritten Seillänge ab.

Hanspeter schwärmt vom „Spiralband“, den steilen Rissen und dem herrlichen Fels, während unsere Augen sehnsüchtig der Linie bis zum höchsten Punkt folgen. Dort oben, in der Westwand, sind unsere Träume für ein nächstes Mal gespeichert.

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