
Der Klimawandel ist in den Alpen bereits Realität. Am deutlichsten ist dies am Rückgang der Gletscher zu sehen: Wo man früher problemlos über Eis gegangen ist, muss man sich heute durch losen Schutt kämpfen. Aber auch die Steinschlaggefahr steigt vielerorts, weil der Permafrost den Felsen nicht mehr zusammenhält. Wird auch die Besteigung des höchsten Berges Österreichs, des Großglockners, immer schwieriger und gefährlicher? Wir haben dazu Bergführer Vittorio Messini aus Kals am Großglockner befragt.
Früher war es generell so, dass wir im Winter viel Schnee hatten, der bis weit in den Juli hinein für gute Verhältnisse gesorgt hat. Seit einigen Jahren ist zu beobachten, dass bereits im März so hohe Temperaturen herrschen, dass der im Winter gefallene Schnee sehr schnell abschmilzt. Heuer wird es vermutlich richtig schwierig werden, weil wir auch über den Winter wenig Schnee hatten – aktuell liegt vielleicht ein halber Meter wo sonst gute vier Meter liegen würden. Zudem schwinden die Gletscher immer mehr und der Permafrost taut auf.

Ja, auf jeden Fall. Am Zustieg über den Ködnitzkees wirkt sich der Rückgang des Gletschers zwar nicht dramatisch aus, weil es eher flach ist, aber die Landschaft hat sich sehr verändert: Wo man früher über ein schönes weißes Schnee- und Eisfeld gegangen ist, sieht es heute aus wie auf dem Mond – alles ist grau und überall liegt loses Gestein am Gletscher.
Durch den Rückgang des Gletschers wird das Gelände in Richtung Flanke unter der Adlersruhe (Erzherzog-Johann-Hütte) zudem immer steiler. Der Gletscher ist von mächtigen Spalten durchzogen und auch die Randkluft war bereits ein Thema. Bezüglich Steinschlag hatten wir letztes Jahr das Glück, dass sich zwei Bergschründe aufgetan haben, die die losen Steine aufgefangen haben und quasi als natürlicher Schutz entlang der Route dienten.
Schon vor zwei Jahren haben wir einen Klettersteig auf die so genannte Blaue Scharte errichtet. Das ist unser Plan B, wenn durch hohe Temperaturen mit Steinschlag zu rechnen ist. Darüber hinaus gibt es aber auch noch Plan C über die Burgwartscharte. Auch hier wurde der Klettersteig auf festen Felsen verlegt. Damit haben wir zwar in jedem Fall einen sicheren Zustieg zur Adlersruhe, aber der ursprüngliche Charakter des Normalweges ist eigentlich nicht mehr gegeben.
An der Flanke ist immer etwas zu tun. Wir arbeiten hier mit den Bergführern aus Heiligenblut und auswärtigen Führern zusammen. Es kann vorkommen, dass wir akut etwas tun müssen. Während die Gäste auf der Adlersruhe sind, steigen wir schnell mal in die Flanke oder oberhalb der Adlersruhe ins Leitl, schlagen Steine heraus und reparieren das ein oder andere Fixseil. Dabei sind wir per Funk mit nachsteigenden Gruppen verbunden, so dass niemand durch herabfallende Steine in Gefahr gebracht wird.






Auch das Eisleitl oberhalb der Adlersruhe apert immer mehr aus. Hier haben wir aber einen guten Felsweg gefunden, der kompakt und stabil ist und an dem wir zwei Bahnen mit Hanfseilen einrichten konnten. Generell wird es aber steiler und es geht mehr in Richtung Klettern wie am Stüdlgrat.
Ja, das kann man so sagen. Es wird steiler und es muss öfter richtig geklettert werden. Wir passen uns insofern an, als dass wir ab diesem Sommer das erste mal mit nur zwei Gästen am Seil gehen werden – außer die Verhältnisse sind sehr gut, dann werden wir nach wie vor mit drei Gästen unterwegs sein können. Sicherheit und Qualität stehen bei uns an erster Stelle, auch wenn sich manche über gestiegene Preise ein wenig ärgern.


Der Schein trügt. Im Winter gibt es nur eine Spur. Da drängen sich dann schnell mehrere Leute am Firngrat und es sieht so aus, als würde der Berg überlaufener sein als im Sommer. Aber tatsächlich sind im Winter vielleicht sechs Bergführer pro Tag unterwegs und im Sommer immerhin bis zu 30.
Jedenfalls handelt es sich um eine klassische kombinierte Hochtour. Wir beobachten, dass viele Skitourengeher eine sehr gute Kondition haben und den Großglockner sogar an einem Tag besteigen – ohne Übernachtung auf der Adlersruhe. Aber wir sehen auch, dass manche, die ohne Führer unterwegs sind, sich selbst und die Bedingungen überschätzen und ohne Gurt und Steigeisen am Gletscher stehen.


Schwieriger, länger und kräftezehrender wird die Besteigung sicher. Das trifft aber nicht nur auf den Großglockner zu, sondern auf viele Hochtouren, bei denen man nicht mehr gemütlich über den Gletscher stapfen kann, sondern sich mühsam seinen Weg durch Fels und Geröll bahnen muss.
Dadurch, dass wir auf die Klettersteige in den Felsen ausweichen können, haben wir aktuell kein Problem, den Großglockner immer zu besteigen. Maximal kann es vorkommen, dass eben eine gewisse Route nicht empfehlenswert ist.
Ideal ist sicherlich, eine geführte Tour mit einem unserer lokalen Bergführer zu buchen. Wir kennen die Bedingungen vor Ort das ganze Jahr über am besten und können jederzeit abschätzen, welche Route am günstigsten ist. Wir wollen die Tour für jeden einzelnen Gast zu einem großartigen Erlebnis machen und legen dabei größten Wert auf Sicherheit.
All jene, die ohne Führer unterwegs sein wollen, empfehle ich, sich jedenfalls vor Ort bei den Hüttenwirten oder im Büro der Bergführer über die aktuellen Bedingungen zu informieren. Beschreibungen in Büchern oder im Internet können bereits veraltet sein, bzw. ändern sich die Bedingungen oft täglich aufgrund der Temperaturen. Auch der Blick auf eine Webcam kann durchaus hilfreich sein, weil man sich einen groben Überblick verschaffen kann.
Vielen Dank für das Gespräch!
Vittorio Messini ist seit 12 Jahren als Bergführer tätig und arbeitet in Kals am Großglockner für die Kalser Bergführer. Außerdem ist er Obmann des Vereins Eispark Osttirol, Mitarbeiter der Eiskletterschule iceGuides und ist als Ausbildner im Österreichischen Bergführerverband tätig.
In unserem großen Dossier haben wir uns mit der Zukunft des Wanderns beschäftigt: Von futuristischen Berghütten, Gletschersterben und Naturschutzinitiativen - hier nachzulesen.

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