Bergwelten in Taiwan, Teil 3

Unterwegs am Sandiaoling Waterfall Trail

Reise • 11. Februar 2019
von Martin Foszczynski

Taiwan ist mehr als nur der Hersteller von Elektrogeräten. Bergwelten-Redakteur Martin Foszczynski erkundet die östlich von China gelegene Insel und berichtet von ihren Naturschätzen und Outdoor-Angeboten. Nur wenige Kilometer außerhalb der Hauptstadt Taipeh entdeckt er einen vergessenen Ort, der sich als Paradies für Hiker entpuppt.

„Ich bin der einzige“. Herr Jien (62) lächelt etwas verlegen und fährt sich mit der Hand übers Gesicht, als wollte er sich den Schlaf abwischen. Hinter ihm verläuft das Geleis, auf dem schon längst kein kohlenbeladener Zug mehr in Shuoren einfährt. Wie viele Menschen denn hier im Ort noch leben, haben wir ihn soeben gefragt.

Taiwan Sandiaoling Waterfall Trail Martin Foszczynski
Foto: Martin Foszczynski
Herr Jien (62) ist der letzte echte Einwohner von Shuoren

Wir befinden uns in der Abgeschiedenheit des Ruifang District. Tiefe Provinz – dabei sind es keine 45 Auto-Minuten aus dem Zentrum von Taipeh. Unterwegs zog schon bald der Urwald vorm Bus-Fenster vorbei, doch irgendwie wollte das Stadtgebiet auch niemals wirklich abreißen. Immer wieder stehen hier Wohntürme – mal stalinistisch anmutende aus Beton, mal modern-gläserne – mitten im grünen Wildwuchs. Eine landschaftliche Besonderheit von Taiwan.

Früher zählten die benachbarten Ort Shuoren und Sandiaoling rund 1.000 Einwohner. Kohleabbau sorgte für geschäftiges Treiben, sogar eine Eisenbahnwerkstatt für die verkehrenden Züge betrieb man hier. 1984 wurde die Miene stillgelegt und die Leute zogen fort. Heute steht der Großteil der überwucherten und verfallenden Häuser leer. Dennoch werden im kleinen Tempel die Gottheiten abgestaubt – vor dem einzigen Lokal hängt eine Reihe roter Lampions, schließlich ist bald Chinesisches Neujahr. Die verwitterte Shuoren Primary School, in der früher Bergbau unterrichtet wurde, wirkt wie ein evakuierter und verwaister Plattenbau in Tschernobyl. Durchs Fenster lassen sich noch die Tischreihen einer Klasse erspähen. Doch es war keine plötzliche Katastrophe, die Sandiaoling der Vergessenheit anheimfallen ließ – der Ort ist schlicht aus der Zeit gefallen.

Vor der verwaisten Shuoren Primary School steht noch die Büste des Direktors

Zweite Chance für einen vergessenen Ort

Jetzt aber scheint es, dass für den Ort eine neue Zeit anbricht. Unter neuen Voraussetzungen und mit einer neuen Funktion. Denn viele Hauptstädter und immer mehr Touristen kommen für einen Tages-Wanderausflug nach Sandiaoling. Das geht auch per Zug – die alte Pingxi-Eisenbahnlinie verkehrt immer noch und verläuft malerisch am Keelung River entlang (vom Hauptbahnhof Taipeh nach Ruifang, dort in die Pingxi Line umsteigen). Sogar ein hippes Cafe mit jungen Betreibern und coolen Flohmarktmöbeln hat in Sandiaoling eröffnet.

Gleich hinter der Shuoren Primary School startet der knapp 3 Kilometer lange Sandiaoling Waterfall Trail. Es dauert keine zwei Wegbiegungen bis man inmitten herrlich-verschlungener Dschungelkulissen wandelt. Wir passieren kleine Bambushaine, faustdicke Lianen und sonnendurchtränkte Farne, groß wie Satellitenschüsseln. Außer dem Quaken von Fröschen, dem Zwitschern der Vögel und dem Klatschen fallender Regentropfen ist nichts zu vernehmen. Zum Glück auch nicht von den eingangs auf einer Infotafel abgegbildeten Schlangen – wobei: woher stammen eigentlich die in regelmäßigen Abständen auftauchenden Löcher im losen Erdreich am Wegesrand?

Mitten im Dschungel: Vegetation am Sandiaoling Waterfall Trail

Egal – nach circa 30 Minuten Gehzeit mischt sich das kraftvolle Rauschen von Wassermassen unter die verträumte Geräuschkulisse. Es gehört zum Hegu Waterfall, dem mächtigsten der drei Wasserfälle, die der Trail miteinander verbindet. Er stürzt über mehrere Abbruchskanten mitten im Wildwuchs 40 Meter in eine Schlucht – von einer Holzplattform aus lässt sich das Naturschauspiel in sicherer Entfernung beobachten.

Der 40 m hohe Hegu-Wasserfall ist der erste, den man passiert

Ein Hindernisparcours im Urwald

Der weitere Weg gleicht einem Erlebnisparcours für Erwachsene. Wir balancieren über kleine Hängebrücken, stolpern über Wurzelpfade und steigen Sprossenleitern und schließlich sogar in vertikalen Fels geschlagene Stufen hoch. Nicht ganz ohne – doch wie muss es erst für die Händler vor hundert Jahren gewesen sein, die ganz ohne befestigte Hilfsseile über den alten Tanlan Trail nach Sandiaoling und benachbarte Orte gewandert sind? Vermutlich ist das zur Routine geworden – für die beiden wunderhübschen Wasserfälle aber, den Motain und Pipa Cave Waterfall, die sich jeweils im weiten Bogen über eine Felsenplateau ergießen, hatten sie bestimmt jedes Mal ein Auge übrig.

Eine der Hängebrücken am Sandiaoling Waterfall Trail

Es fällt auf, wie akkurat die Wanderwege instandgehalten werden (Seile sind längst nicht nur in den Steilpassagen, sondern z.B. auch neben rutschigen Wurzeln angebracht) – ein Service des staatlichen Tourismusbüros, wie mir unser Reiseleiter Johannes erklärt. Dieser Aufwand kommt heute, abgesehen von uns, nicht allzu vielen Naturliebhabern zugute – wir begegnen zwei Wanderinnen mit Nordic Walking-Stöcken und einem jungen Mann der mithilfe von Holzstöckchen ein Feuer entfacht, um sich seinen mitgebrachten Reis zu garen. Back to the nature – äußerst konsequent umgesetzt. Ich stelle mir vor, wie er im wahren Leben in einem der gläsernen Finanztürmen Taipehs Aktienkurse studiert.

Back to the roots: Ein einsamer Wanderer am Sandiaoling Waterfall Trail macht Feuer

Jiufen – im Hallstatt Taiwans

Von der Ruhe des Sandiaoling-Trails ist im rund 10 Kilometer entfernten Jiufen nichts mehr zu spüren. Die auf einer Anhöhe gelegene einstige Goldgräber-Stadt ist so etwas wie das Hallstatt Taiwans. Ganze Reisebus-Ladungen an Ausflüglern drängen sich auf den schmalen Treppenaufgängen zwischen traditionellen Teehäusern, von deren Terrassen man eine wirklich traumhafte Aussicht auf die Nord-Ostküste Taiwans genießt.

Ausblick von der Terrasse des Amei Teahouse - eines der bekanntesten Teehäusern an der Jiufen Old Street

Als alten Ramsch-Tiger lassen die unzähligen Souvenir-Läden mein Herz noch höher schlagen. Ein wahrer Plastik-Rausch, dem ich mich aber im höchsten Auftrag hingebe – soll ich doch meiner Chefredakteurin ein möglichst originelles „Made in Taiwan“-Schmuckstück mitbringen. Jadestein bringt Glück, klärt mich eine junge Laden-Besitzerin beim ratlosen Studium diverser Sagen- und Cartoon-Figürchen auf. Der grimmige Bär lebt wirklich in den Wäldern des Zentralgebirges und der Frosch frisst das Geld aus der Hand.

Und der schwarze, buchlesende Kater? Ach, der sieht einfach nur nett aus, schmunzelt sie und drückt mir eine Visitenkarte mit Facebook-Adresse in die Hand. Willkommen in Taiwan – einem Land zwischen Tradition und Gegenwart.

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