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Ruf aus den Bergen

Die Zukunft des Skitourengehens

• 18. Februar 2022
4 Min. Lesezeit
von Klaus Haselböck

Tourengehen hat sich von einer Randsportart zum Lifestyle entwickelt, dem alleine in Österreich inzwischen rund eine halbe Million Menschen folgen. Ist das die Zukunft des Skifahrens? Eine Bestandsaufnahme.

Skitour Schöpfing
Foto: Alex Papis für das aktuelle Bergwelten-Magazin
Wird Skitourengehen – wie hier im Salzburger Zederhaus– das Skifahren ablösen?
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Es war einmal das Skitourengehen: Wer in den 1990er-Jahren mit Spaghetti-Skiern, klobigen Schuhen und schwerer Rahmenbindung eine Spur in die frisch verschneiten Hänge trat, war ein Außenseiter – und meist männlich, schon etwas älter und mit Erfahrung in den Bergen ausgestattet. Im Tal musste man sich fragen lassen, ob man sich keine Liftkarte leisten könne. Sprach man als Antwort von der Freiheit, die an den unverspurten Bergflanken zu finden sei, schien das damals kaum jemanden zu beeindrucken.­

Bunt gewandete Menschen, allwissende Touren-Apps

Einige Jahrzehnte später hat sich das Bild gewandelt: An den Einstiegen zu beliebten Skitouren formieren sich am Wochenende große Trupps bunt gewandeter, deutlich jüngerer Menschen, und längst sind es zu einem Gutteil Frauen, die ihre ultraleichte Ausrüstung startklar machen. Touren-Apps weisen den Weg ins Gelände, künstliche Daune sorgt für wohlige Wärme, und smarte Technologien erhöhen die Überlebenschance bei einem Lawinenabgang – auch die Sportartikel-Industrie hat den Boom erkannt. Und der Sport ist deutlich vielfältiger geworden: Man kann auf beliebten Touren der Spur der anderen folgen oder selbst eine ordentliche Tourenplanung machen und eigenständige Wege ins Gebirge finden – bis hin zu waghalsigen alpinen Unternehmungen mit Ski, Steigeisen und Pickel. Mittels Liften lassen sich die Anstiege verkürzen, um dann die Abfahrt zu verlängern. Die Grenzen zum Freeriden sind fließend.

Zederhaus Abfahrt
Foto: Alex Papis für das aktuelle Bergwelten-Magazin
Auf den Aufstieg folgt die Belohnung: Die Abfahrt

Freies Gelände oder eine präparierte Piste?

Sobald das freie Gelände ins Spiel kommt, braucht es allerdings spezifische Ausbildungen, um die Dynamik des Schnees zu verstehen, plus die Erfahrung einiger Winter. Beides schützt nicht vor der einen oder anderen Schrecksituation. Deutlich lieber als diese Ungewissheit ist den meisten Tourengeherinnen und Tourengehern deshalb eine präparierte Piste. Deren Steilheit deckt den sportlichen Aspekt perfekt ab, und die Arbeit des Pistendiensts bannt die Gefahr einer Lawine. Die Orientierung ist simpel, der Weg hinauf erfordert keine Expertise, und oben wartet als Belohnung oft eine Hütte. Dass die Abfahrt nicht im Bruchharsch, sondern über eine gut gewalzte weiße Autobahn führt, steigert nur die Freude – zumal der perfekte Pulverschnee und die Fähigkeit, mit ihm zu spielen, für die meisten ohnehin ein Instagram-Idyll sind. Kurzum: Deshalb ist die Piste der Ort, wo Tourengehen über die letzten Jahre das eigentliche Wachstum hingelegt hat.

Pistenskitour
Foto: Harald Wisthaler / Dynafit
Ohne Lawinengefahr: Skitourengehen auf der Piste boomt

Eine halbe Million Fellgeher in Österreich

Apropos Wachstum: Mangels Drehkreuz in den Bergen lässt sich die exakte Zahl der Fellgeherinnen und Fellgeher schwer festmachen. Allein in Österreich wird sie auf rund eine halbe Million geschätzt. Die Verkaufszahlen von Ausrüstung – 77.000 Paar Tourenski (versus 240.000 Paar Alpinski in der Saison 2020/21, Quelle: skimo.at) – machen Österreich, vor Deutschland und den USA, zum größten Skitourenmarkt der Welt.

Die hohe Zahl motivierter Sportlerinnen und Sportler hat jetzt die Politik auf den Plan gerufen, um die Konflikte zwischen Pistenskifahrern, Tourengehern und Liftbetreibern zu entschärfen. Ein Aspekt dieser Lenkungsmaßnahmen sind Skitourenparks.

Profis wie der Tiroler Bergführer Klaus Kranebitter trennen dabei Abfahrtsrouten von Aufstiegsspuren und gewährleisten somit die Sicherheit für beide Seiten: „Wir legen die Touren so entlang der Pisten an, dass diese attraktiv für alle bleiben.“ Wildruhezonen und Jungwälder werden ebenfalls respektiert. Platz ist laut Kranebitter in den Skigebieten im Alpenraum genug vorhanden, künftig sollten aufgelassene Areale als wichtige Ressource dazukommen.

Klaus Kranebitter
Foto: Archiv Klaus Kranebitter
Bergführer Klaus Kranebitter

Bei der Finanzierung gibt es unterschiedliche Zugänge – von Eintrittsgeldern über Parkgebühren bis hin zu Sponsorpartnerschaften. Firmen wie Dynafit, das als Marktführer bereits einige solcher Skitourenparks unterstützt, haben Interesse an einem weiteren Wachstum dieses Sports, wünschen sich aber, dass auch die Tourengeherinnen und Tourengeher langfristig ihren Beitrag für die Nutzung der Infrastruktur leisten: „Solche Areale demokratisieren den Sport“, erklärt Benedikt Böhm, Dynafit-Geschäftsführer und selbst Leistungssportler, „die Leute können sich dort austoben.“

Tourengehen als neues Skifahren?

Implementiert wird dieses Lösungsmodell gerade alpenweit. Klaus Kranebitter wagt einen Blick in die Zukunft: „2030 haben sehr viele Skigebiete ein professionell geplantes und umgesetztes Angebot für Tourengeher.“ Die Alpen werden nur der Beginn sein. „Gerade in den USA haben wir extreme Zuwächse“, so Benedikt Böhm. Mehr als die Hälfte des Skitourengehens wird sich seiner Meinung nach zukünftig auf der Piste abspielen.

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Benedikt Böhm
Foto: Dynafit/Andreas Jacob
Extrem-Skibergsteiger und Dynafit-Geschäftsführer Benedikt Böhm

Und nicht nur das – Skitourengehen könnte gleich den gesamten Skisport umkrempeln: Je nach Tageszeit werden in Tiroler Gebieten bereits jetzt deutlich mehr Aufsteiger als Abfahrer gezählt, und immer mehr Pistenskifahrer wollen das Fellgehen zumindest einmal probieren. Schließt sich also der Kreis, und kehrt das Skifahren mit dem selbständigen Aufstieg zu seinen Anfängen zurück? Für Benedikt Böhm ist die Ausrüstung der Gamechanger: „Extrem leichtes und alpin genormtes Material wird in den nächsten Jahren kommen. Die Kunden kaufen die Features zum Tourengehen einfach mit, und ihnen stehen dann beide Welten offen.“ Hat man nach einigen Abfahrten im Skigebiet also Lust auf eine Tour im gesicherten Bereich, so braucht man nur ein Fell auf den Belag zu kleben.

Schon die Entwicklungen beim Klettern haben gezeigt, dass sich traditioneller Bergsport aufgrund neuer Impulse diversifiziert: Die Kletterhalle ist ideal, um die Technik zu erlernen oder in der kalten Jahreszeit Kondition zu tanken, bevor es hinaus in die Wände geht. Für viele ist sie hingegen das perfekte Gym mitten in der Stadt, ganz ohne irgendeine Sehnsucht nach dem Fels.

Skitourenpark
Foto: Harald Wisthaler / Dynafit
Nach dem Abfellen geht es entspannt über die Piste wieder ins Tal

Genauso ist das Pistengehen keine schlechtere Variante oder gar eine Rückentwicklung des Tourensports. Es vergrößert vielmehr das Angebot, kanalisiert das massive Interesse, entlastet damit die Natur und bietet Einsteigern eine perfekte Lernumgebung. Und, Hand aufs Herz, auch Könner schätzen es, zur Entspannung oder zum Training einen präparierten Hang hinaufzurennen.

Wer den Sport in seiner ursprünglichen Form erleben und die Verantwortung für sein Tun übernehmen möchte, findet nach wie vor Skitouren-Perlen. Vielleicht sogar unverspurten Powder. Dazu wird Entdeckergeist benötigt, aber der war ja immer schon Teil des Tourengehens. Nur das schwere Zeug von damals, samt den Spaghetti-Ski, wird sich niemand zurückwünschen.

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