Sicherheitscheck

Skihochtour: 8 Standardmaßnahmen am Gletscher

Wissenswertes • 14. April 2017
von Peter Plattner

Wer mit Skiern am Gletscher unterwegs ist muss einige Dinge beachten. Die Sicherheitsexperten Peter Plattner und Walter Würtl versorgen euch mit 8 hilfreichen Tipps zu Standardmaßnahmen auf der Skihochtour.

Gesicherter Bereich: Im Gelände am Gletscher
Foto: argonaut.pro
Abseits der gesicherten Bereiche besteht am Gletscher Spaltensturzgefahr

Zuallererst einmal: Im Winter auf Skihochtour wird mit der Gefahr von Spaltenstürzen anders umgegangen als auf Gletschertouren im Sommer, denn:

  • Im Sommer ist man zu Fuß unterwegs – Anseilen ist hier Standard.
  • Im Winter auf Skiern ist seilfreies Aufsteigen und Abfahren besonders auf bekannt „harmlosen“ Gletschern eher der Normalfall.

Grund dafür sind die günstigeren Belastungsverhältnisse, die sich durch die Fortbewegung auf Skiern ergeben. Auch sind die Spalten durch den Schnee besser überdeckt.

Abgesehen davon, dass die Abfahrt als Seilschaft kaum zumutbar ist, entstehen durch das Anseilen auch neue Gefahren:

  • Bei einem Lawinenabgang wird die ganze Seilschaft erfasst.
  • Wird ein Spaltensturz nicht gehalten, werden alle Seilschaftsmitglieder mitgerissen.
  • Das Skisturzrisiko erhöht sich.

Zuweilen steigen Seilschaften – insbesondere bei konkreten Gefahrenstellen – zwar angeseilt über einen Gletscher auf, fahren dann aber seilfrei ab. Die Gefahren müssen jedenfalls immer situationsbedingt abgewogen werden.

Skihochtour: Abfahrt am Gletscher
Foto: argonaut.pro
Abfahrt am Gletscher: Mit Erfahrung und Können kann die Spaltensturzgefahr minimiert werden – die Ausrüstung bleibt aber immer griffbereit

Vorab: Tourenplanung

Um auf „Seilfahrten“ tunlichst zu verzichten, ist eine umfassende Tourenplanung nötig: Möchte man einfach nur eine tolle Tour im vergletscherten Hochgebirge erleben, empfiehlt es sich auf bewährten und beliebten Aufstiegs- und Abfahrtsrouten unterwegs zu sein, wo kein Seilgebrauch zu erwarten ist. Geht es um Durchquerungen oder anspruchsvolleres Skibergsteigen, kann die Seilverwendung auf Tour leichter umgesetzt werden, wenn sie bereits im Vorfeld durchgesprochen und fest eingeplant wird.

Im Rahmen dieser Tourenplanung erkundigt man sich anhand von aktuellen Karten und analoger sowie digitaler Führerliteratur möglichst genau über die besten Aufstiegs- und Abfahrtslinien. Auskünfte von Hüttenwirten oder Bergführern vor Ort sind dabei unbezahlbar. Doch Achtung: Nur weil auf einer Karte eine Route eingezeichnet ist oder jemand gesagt hat, dass diese auch ohne Seil problemlos zu meistern ist, heißt das noch lange nicht, dass man dort auf keine Spalten trifft. Außerdem wichtig: Bei der Planung von Skihochtouren ist ein realistischer Zeitplan besonders wichtig, da die Lawinen- und Spaltensturzgefahr allgemein mit der Tageserwärmung steigt.

Ausrüstung

Skihochtouren sind in Sachen Ausrüstung so ziemlich die aufwendigste Disziplin am Berg: Zusätzlich zur allgemeinen Notfallausrüstung (Erste Hilfe-Set, Handy, Biwaksack) und jener für Lawinenunfälle (LVS-Gerät, Schaufel, Sonde) ist auch eine entsprechende seiltechnische Ausrüstung vonnöten.


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Standardmaßnahmen


1. Gurt anziehen

Es empfiehlt sich vom Start weg das Tragen eines Hüftgurts. Damit entfällt einerseits das umständliche Anlegen des Gurts im Gelände, andererseits fällt die Entscheidung fürs Anseilen zumeist leichter, wenn der Gurt bereits sitzt. Darüber hinaus gestaltet sich auch die Rettung bei einem Spaltensturz leichter, wenn der Gestürzte einen Gurt trägt.

2. Anseilen

Angeseilt wird immer...

  • ... auf bekannt gefährlichen Gletschern und in spaltenreichen Zonen.
  • ... bei schlechter Sicht oder Orientierungsproblemen.
  • ... bei schwacher Spaltenüberdeckung, vor allem also im Frühwinter, bei Winderosion oder durchhängenden Brücken. Achtung: Bei guter Schneelage sind zwar die kleinen und mittleren Spalten zugefüllt, nicht jedoch die großen. Stürzt man in eine solche Spalte, wird man zumeist auch noch von den nachstürzenden Schneemassen begraben.
  • ... nach Neuschnee beziehungsweise bei neuer Spuranlage auf spaltenreichen Gletschern.
  • ... bei starker Durchfeuchtung der Schneedecke, weil die tragfähigen Spaltenbrücken aufweichen.
Skihochtour: Hüftgurt
Foto: argonaut.pro
Vor Betreten des Gletschers – am besten schon beim Verlassen der Hütte – ist der Gurt angelegt

3. Abstände einhalten

Im Aufstieg am Gletscher sind Entlastungsabstände von mindestens 5 Metern einzuhalten. Bei der Abfahrt sollte der Abstand mindestens 30 Meter betragen. Dadurch wird die Belastung der Spaltenbrücken minimiert und somit auch die Spaltensturzgefahr reduziert.

4. Sichere Sammelpunkte

Besonders in Gletscherbrüchen gilt es sichere Sammelpunkte zu wählen. Kritisch sind meist Geländekuppen oder Rücken, da sich in diesen Spannungszonen besonders viele Spalten befinden. Auch an den Sammelpunkten muss ein Abstand von 5 Metern eingehalten werden, damit punktuell keine hohen Belastungen entstehen.

5. Klare Anweisungen

Entlang von kritischen Passagen sind klare Anweisungen wie beispielsweise „Spurfahren“ oder „Anhalten“ besonders wichtig. Mit entsprechender Erfahrung lassen sich Spaltenzonen oft erkennen und rechtzeitig umfahren. Wichtig ist dann allerdings, dass auch alle Gruppenmitglieder die Vorgaben verstehen und exakt einhalten. Das setzt neben klarer Anweisungen auch ein entsprechendes skifahrerisches Können voraus – fehlt dieses, heißt es: Anseilen!

Skihochtour am Gletscher
Foto: argonaut.pro
Skihochtour am Gletscher: Gurt und Seil bleiben – auch bei Pausen

6. Skier anlassen und angeseilt bleiben

Aufgrund der günstigeren Belastungsverteilung sollte man seine Skier am Gletscher immer anbehalten. Selbiges gilt fürs Anseilen: Ist man bereits angeseilt, bleibt man das auch – und zwar auch bei Pausen oder beim Gang zur „Toilette“. Das Anbringen/Abziehen der Felle erfolgt nacheinander, sodass man mit einem Bein immer auf einem Ski steht.

7. Vorausschauend und defensiv abfahren

Verdeckte Spalten sind meist schwierig zu erkennen. Dementsprechend muss die Fahrweise vorausschauend gewählt werden, sodass man jederzeit problemlos (und rechtzeitig) anhalten kann. Das heißt zugleich auch, dass das Tempo nicht zu hoch sein darf. Achtung: Angehalten wird standardmäßig oberhalb des ersten Abfahrers, da dieser ja unter Umständen direkt an einer Spalte stehen könnte.

8. Flucht nach vorne

Hat man bei der Abfahrt eine Spalte übersehen und kann nicht mehr rechtzeitig bremsen, gilt es die Belastung möglichst gering zu halten. Das heißt: Das Gewicht möglichst von den Skiern nehmen und die Spalte in flottem Tempo rechtwinklig queren. Ein solches Manöver setzt natürlich skifahrerisches Können voraus, grundsätzlich gilt aber: Keinesfalls anhalten!


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