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Skihochtour: 8 Standardmaßnahmen am Gletscher

Wissenswertes • 31. März 2021

Für viele hat die Skihochtourensaison bereits begonnen und wer mit Skiern am Gletscher unterwegs ist, der sollte einige Dinge beachten: Wir geben euch 8 hilfreiche Tipps zu den Standardmaßnahmen am Gletscher, um das Risiko eines Spaltensturzes zu vermeiden. 

Skihochtour im Aufstieg mit Seil am Aletschgletscher, Wallis, Schweiz
Foto: mauritius images / Bernd Ritschel
Skihochtour im Aufstieg mit Seil am Aletschgletscher, Wallis, Schweiz

Vorab: Im Winter auf Skihochtour, also mit einem Board, den Skiern oder Schneeschuhen unter den Füßen, wird mit der Gefahr von Spaltenstürzen anders umgegangen als auf Gletschertouren im Sommer, denn:

  • Im Sommer ist man zu Fuß (bzw. „nur“ mit seinen Bergschuhen) unterwegs – Anseilen ist hier Standard.
  • Im Winter auf Skiern o.ä. ist seilfreies Aufsteigen und vor allem Abfahren besonders auf bekannt „harmlosen“ Gletschern eher der Normalfall.

Grund dafür sind erstens die günstigeren Belastungsverhältnisse, die sich durch die Fortbewegung auf Skiern ergeben, und zweitens der Umstand, dass die Spalten durch den Schnee besser überdeckt sind.

Dazu kommt, dass einerseits das angeseilte Abfahren mit Skiern über längere Distanzen kaum zumutbar ist und andererseits durch dieses Seilschaftsfahren auch neue Gefahren entstehen:

  • Bei einem Lawinenabgang wird die ganze Seilschaft mitgerissen.
  • Wird ein Spaltensturz nicht gehalten, dann werden alle Seilschaftsmitglieder mitgerissen.
  • Das Skisturz- bzw. Verletzungsrisiko erhöht sich.

Zuweilen steigen Skitourengruppen – insbesondere im Bereich von potenziellen Spaltenzonen – zwar angeseilt über einen Gletscher auf, fahren dann aber seilfrei ab. Die Gefahren müssen jedenfalls immer situationsbedingt beurteilt und abgewogen werden!

Vorab: Tourenplanung

Um auf „Seilfahrten“ möglichst verzichten zu können, ist eine umfassende Tourenplanung nötig: Möchte man einfach nur eine tolle Tour im vergletscherten Hochgebirge erleben, empfiehlt es sich, auf bewährten und beliebten Aufstiegs- und Abfahrtsrouten unterwegs zu sein, wo kein Seileinsatz zu erwarten ist. Sieht die Tour eine Durchquerung oder anspruchsvolleres Skibergsteigen vor, so kann die Seilverwendung auf Tour leichter umgesetzt werden, wenn sie bereits im Vorfeld durchgesprochen und fest eingeplant wurde.

Im Rahmen einer solchen Tourenplanung erkundigt man sich anhand von aktuellen Karten und analoger sowie digitaler Führerliteratur möglichst genau über die besten Aufstiegs- und Abfahrtslinien. Auskünfte von Hüttenwirten oder Bergführern vor Ort sind dabei unbezahlbar. Achtung: Nur weil auf einer Karte eine Route eingezeichnet ist oder jemand gesagt hat, dass diese auch ohne Seil problemlos zu meistern ist, heißt das noch lange nicht, dass man dort auf keine Spalten trifft. Außerdem zu beachten: Bei der Planung von Skihochtouren ist ein realistischer Zeitplan besonders wichtig, da die Spaltensturzgefahr allgemein mit der Tageserwärmung steigt (die Lawinengefahr bei einer klassischen Frühlings-/Nassschneesituation übrigens auch).

Ausrüstung

Skihochtouren sind in Sachen Ausrüstung eine ziemlich aufwendige Sache: Zusätzlich zu Ski oder Board sowie der allgemeinen Notfallausrüstung (Erste-Hilfe-Set, Handy/Kommunikation, Biwaksack) und jener für Lawinenunfälle (LVS, Schaufel, Sonde) ist auch eine entsprechende seiltechnische Ausrüstung notwendig – zusätzlich müssen oft noch Pickel und Steigeisen mitgeführt werden. Weil im vergletscherten Hochgebirge die Wetterverhältnisse auch im Frühling extrem variabel sein können, gilt es entsprechend vielseitige Bekleidung mitzuführen.

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Skihochtouren sind die Königsdisziplin des Skitourengehens: Sie führen durch vergletschertes Gelände und manchmal wartet auch noch ein Felsgrat oder kombiniertes Gelände vor Erreichen des Gipfels. Für diese hochalpinen Anforderungen braucht es neben dem entsprechenden Können auch die passende Ausrüstung.

Standardmaßnahmen

1. Gurt anziehen

Es hat sich bewährt, gleich vom Start weg – also der Hütte, Seilbahnstation oder spätestens sobald der Gletscher betreten wird – den Hüftgurt anzulegen. Damit entfällt einerseits das oft umständliche Anziehen des Gurts im Gelände, andererseits fällt die Entscheidung fürs Anseilen zumeist leichter, wenn der Gurt bereits sitzt. Darüber hinaus ist auch die Rettung bei einem (unangeseilten) Spaltensturz einfacher, wenn der Gestürzte einen Gurt trägt.

2. Anseilen

Angeseilt wird immer:

  • auf bekannt gefährlichen Gletschern und in spaltenreichen Zonen.
  • bei schlechter Sicht oder Orientierungsproblemen.
  • bei schwacher Spaltenüberdeckung: vor allem also im Frühwinter, bei Winderosion oder durchhängenden Brücken! Achtung: Bei guter Schneelage sind zwar die kleinen und mittleren Spalten gefüllt, nicht jedoch die großen. Stürzt man in eine solche Spalte, wird man zumeist auch noch von den nachstürzenden Schneemassen zugeschüttet.
  • nach Neuschnee beziehungsweise bei neuer Spuranlage auf spaltenreichen Gletschern.
  • bei starker Durchfeuchtung der Schneedecke, weil die tragfähigen Spaltenbrücken aufweichen.
Auf einer Skihochtour ist der Gurt stets angelegt und die restliche Ausrüstung immer griffbereit
Foto: mauritius images / Bernd Ritschel
Auf einer Skihochtour ist der Gurt stets angelegt und die restliche Ausrüstung immer griffbereit

3. Abstände einhalten

Im Aufstieg am Gletscher empfiehlt es sich, Entlastungsabstände von mindestens (!) 5 Metern einzuhalten. Bei der Abfahrt sollte der Abstand mindestens 30 Meter betragen. Dadurch wird die Belastung auf die Spaltenbrücken minimiert und somit auch die Spaltensturzgefahr reduziert.

4. Sichere Sammelpunkte

Auch an den Sammelpunkten sollte der Mindestabstand von 5 Metern eingehalten werden, damit punktuell keine hohen Belastungen entstehen. Besonders in bekannten Spaltenzonen bzw. Gletscherbrüchen gilt es, sichere Sammelpunkte zu wählen. Kritisch sind meist Geländekuppen oder Rücken, da sich in diesen Spannungszonen besonders viele Spalten befinden.

5. Klare Anweisungen

Entlang von kritischen Passagen sind klare Anweisungen wie beispielsweise „Spurfahren“ oder „Anhalten“ besonders wichtig. Mit entsprechender Erfahrung lassen sich Spaltenzonen oft erkennen und rechtzeitig umfahren. Wichtig ist dann allerdings, dass auch alle Gruppenmitglieder die Vorgaben verstehen und exakt einhalten. Das setzt neben einer klaren Kommunikation auch ein entsprechendes skifahrerisches Können voraus – fehlt dieses, heißt es: Anseilen!

6. Skier anlassen und angeseilt bleiben

Aufgrund der günstigeren Belastungsverteilung sollte man seine Skier am Gletscher immer anbehalten. Das gilt auch fürs Anseilen: Ist man bereits angeseilt, bleibt man das auch – und zwar auch bei Pausen oder beim Gang zur „Toilette“. Das Anbringen/Abziehen der Felle erfolgt nacheinander, sodass man mit einem Bein immer auf einem Ski steht.

7. Vorausschauend und defensiv abfahren

Verdeckte Spalten sind meist schwierig zu erkennen. Dementsprechend muss eine vorausschauende Fahrweise gewählt werden, sodass man jederzeit problemlos (und rechtzeitig) anhalten kann. Das heißt zugleich auch, dass das Tempo nicht zu hoch sein darf. Achtung: Die nachfolgenden Skifahrer bleiben standardmäßig (wie bei jeder Skitour) immer oberhalb des ersten Abfahrers stehen, da dieser ja unter Umständen direkt an einer Spalte stehen könnte.

8. Flucht nach vorne

Hat man bei der Abfahrt eine Spalte übersehen und kann nicht mehr rechtzeitig bremsen, gilt es, die Belastung möglichst gering zu halten. Das heißt: Das Gewicht möglichst von den Skiern nehmen und die Spalte in flottem Tempo rechtwinklig queren. Ein solches Manöver setzt natürlich skifahrerisches Können voraus, grundsätzlich gilt aber: Nicht versuchen noch irgendwie anzuhalten, wenn es bereits zu spät ist!

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