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Bergretter

Martin Gurdet: „YouTube-Videos sind keine Touren-Vorbereitung“

12. November 2020
5 Min. Lesezeit
von Martin Foszczynski

Bergretter und Bergretterinnen des Österreichischen Bergrettungsdienstes setzen sich tagtäglich für die Rettung in Not geratener Tourengeher ein – dabei nehmen sie ein gewisses Maß an Risiko in Kauf. Am Abend wollen und sollen aber alle freiwilligen Retter wieder unbeschadet nach Hause kommen. Einer davon ist Bundesgeschäftsführer Martin Gurdet. Uns hat er verraten, was jeder von uns tun kann, damit es sowohl für Bergsportler als auch Bergretter eine möglichst sichere Winter- und Skitouren-Saison wird.

Geschäftsführer der Österreichischen Bergrettung: Martin Gurdet
Foto: ÖBRD
Geschäftsführer der Österreichischen Bergrettung: Martin Gurdet
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Martin Gurdet ist stolz einen Beitrag für den Österreichischen Bergrettungsdienst leisten zu können – eine Organisation, in der mehr als 12.900 Mitarbeiter in 291 Ortsstellen rund 10.000 alpine Rettungseinsätze im Jahr koordinieren und durchführen. Auf freiwilliger Basis und weil „einem selber auch mal was passieren kann“, wie der Niederösterreicher den gemeinsamen Antrieb seines Verbands auf den Punkt bringt.

In Folge möglicher Einschränkungen des Ski- und Seilbahnbetriebs erwartet er in diesem Winter eine starke Skitouren-Saison. Wir haben ihn im Rahmen des diesjährigen Alpinforums gefragt, was man als Bergsportler tun kann, um der Bergrettung das Leben zu erleichtern – und somit das eigene nicht aufs Spiel zu setzen.

Bergwelten: Herr Gurdet, können Sie ruhig schlafen, wenn Sie an die kommende Skitouren-Saison denken.

Martin Gurdet: Die Sache ist die: Immer mehr Menschen gehen ins Geschäft und kaufen sich eine möglichst teure Ausrüstung – das geht heute einfacher denn je. Die Beratung ist vielleicht mittelgut, wenn man online kauft fällt sie sogar gänzlich weg. Aber die beste Ausrüstung nutzt nichts, wenn das Know-How fehlt. Sich Ski nach Hause liefern zu lassen und ein kurzes YouTube-Video ansehen, wie man - überspitzt gesagt - in die Bindung reinkommt, ist keine Touren-Vorbereitung. Man sollte sich mit der Ausrüstung vertraut machen und langsam an den Berg herantasten. Ich verweise da auf das vielfältige Angebot der alpinen Vereine und Bergführer. Diese Experten vermitteln die richtige Technik und Einschätzung von Gefahrenquellen – so können schon viele Einsätze vermieden werden. Bei aller Liebe zum Helfen – uns ist es trotzdem am liebsten, wenn ein Einsatz erst gar nicht stattfinden muss, denn ein solcher ist immer mit Gefahren verbunden, sowohl für den Verunfallten, als auch für uns. 

Dennoch wird es auch im kommenden Winter wieder zu etlichen Einsätzen kommen. Was sind denn die größten Fehler, die Bergsportler in ihrem Notrufverhalten machen?

Ganz wichtig ist es rechtzeitig auf einen Notfall hinzuweisen, gerade im Winter. Momentan werden die Tage signifikant kürzer, um die 20 Minuten wöchentlich. Für uns ist es um ein Vielfaches schwieriger, jemanden bei Dunkelheit vom Berg zu holen bzw. überhaupt einmal zu finden. Gerade jetzt, in den kurzen Tagen, ist das oberste Gebot, sehr vorausschauend zu denken. Das gilt für die Tourenplanung wie auch für das Verhalten während der Tour. Wenn man feststellt, dass man den Gipfel oder das Ziel wohl nicht mehr erreicht, sollte man rechtzeitig umdrehen, damit man noch bei Tageslicht im Tal ankommt. 

Folglich sollte auch ein möglicher Rettungseinsatz vor Einbruch der Dunkelheit einkalkuliert werden?

Was viele nicht bedenken: Wir sind ja nicht auf Knopfdruck da, sondern müssen im Normalfall denselben Weg ebenfalls zu Fuß aufsteigen. Das kann oft mehrere Stunden dauern. Bergrettung ist bodengebundene Rettung. Nicht immer kann ein Hubschrauber auf den Weg gebracht werden – oft lässt es auch das Wetter gar nicht zu. Man muss also erst mal zum Unfallort kommen, dort eine Versorgung gewährleisten und schließlich den Verletzten abtransportieren. All das sollte bei guten Sicht- und Wetterverhältnissen über die Bühne gehen, damit es für alle Beteiligten möglichst sicher bleibt. Wer auf der Wetter-App sieht, dass in absehbarer Zeit ein Gewitter oder Schneesturm aufzieht, sollte all das unbedingt in seiner Tourenplanung mitbedenken.

Eine Winter-Bergung der Österreichischen Bergrettung
Foto: ÖBRD
Ein Winter-Rettungseinsatz der Österreichischen Bergrettung

Man lernt ja schon in der Schule, was und in welcher Reihenfolge man sagen soll, wenn man die Rettung anruft. Gibt es für den alpinen Notruf ein ähnliches Schema?

Die Gretchenfrage ist immer: Wo befindet sich der in Not Geratene. Und mit der Antwort auf diese Frage haben viele Menschen ein Problem. Wenn es die Zeit erlaubt, sollte man sich vor dem Absetzen eines Notrufs nochmals zu orientieren versuchen. Was den restlichen Gesprächsverlauf anbelangt, wird man von der Leitstelle gut durchgelotst, da muss sich niemand viele Gedanken machen. Die Leitstellen jedes Bundeslands sind entsprechend professionell aufgestellt und geschult.

Was, wenn man wirklich nicht sagen kann, wo man sich befindet? Ein Notruf wird ja nicht ausschließlich bei Unfällen abgesetzt, sondern auch dann, wenn jemand vom Weg abgekommen ist und nicht mehr weiter weiß.

Tatsächlich kommen Rettungen von Unverletzten immer häufiger vor. Aus Erschöpfung, oder eben, weil der Betroffene nicht mehr weiß, wo er sich befindet. Für die Bergrettung sind das denkbar schlechte Voraussetzungen. Wenn die Leute elektronische Hilfsmittel dabeihaben, mit denen sich per GPS ihre Position bestimmen lässt, ist das natürlich ein riesen Vorteil. Doch es gibt auch eine Alternative – ich darf an dieser Stelle ein nicht mehr ganz so unbekanntes Geheimnis lüften: Wer mit einem Handy mit Android-Betriebssystem eine Notfallnummer anruft – und das gilt neben der Rettungsnummer 144 auch für den alpinen Notruf 140 – schickt seine Positionsdaten automatisch mit, ob er es will oder nicht (Apple unterstützt diese Funktion ab iOS 11.3, Anm. der Redaktion).  Diese Advanced Mobile Location, kurz: AML, hilft uns extrem. Die Leitstelle weiß dank der übermittelten Koordinaten auf zehn Meter genau, wo sich der in Not geratene befindet und kann die Bergretter gezielt auf den Weg schicken.
Wenn all diese technischen Möglichkeiten nicht gegeben sind, setzen wir uns mit dem Verunfallten telefonisch in Kontakt und versuchen den Weg im Gespräch bestmöglich zu rekonstruieren. Nochmals: Je besser und gewissenhafter die Tourenvorbereitung im Vorfeld, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass ich vom Weg abkomme.

Ist es sinnvoll, dass sich Leute schon bei der Bergrettung melden, bevor es zum Worst Case einer Verirrung oder Verunfallung kommt?

Wir sind definitiv keine Telefonauskunft, aber wenn jemand, der kurz davor ist, die Orientierung zu verlieren, den Alpinnotruf wählt, um sich über die weitere Vorgehensweise zu erkundigen, werden wir nicht böse sein. Besser einmal zu viel als zu wenig anrufen. Im besten aller Fälle erspart das einen tatsächlichen Bergrettungseinsatz.

Bergrettung Österreich 2020
Foto: ÖBRD
Einsätze bei einbrechender Dunkelheit gestalten sich für die Bergrettung oft schwierig

Wer zahlt die Einsätze der Österreichischen Bergrettung?

Darüber herrscht oft große Verwirrung, dabei ist die Antwort ganz simpel: Jeder, der einen Bergrettungs-Einsatz verursacht, bekommt von uns auch eine Rechnung zugeschickt. Wir sind zwar freiwillig tätig – daher bekommt keiner unserer Bergretter für seinen Einsatz auch nur einen Cent – , aber wir brauchen natürlich Ausrüstung und Material. Wir müssen Kurse machen und für die Ausbildung sorgen – das muss alles irgendwie finanziert werden. Das geschieht eben einerseits über die Einsatzverrechnung. Hinzu kommen Spenden von Privatpersonen und Förderungen von Landes- und Bundesseite. Man kann die Bergrettung durch Spenden oder eine Fördermitgliedschaft unterstützen. Mehr dazu unter www.bergrettung.at.

Was kostet ein Bergrettungs-Einsatz in etwa?

Die Kosten für einen Rettungsdienst sind leistungs- und aufwandsorientiert. Kleinere Einsätze, etwa eine zweistündige Bergung nach einem Skitouren-Unfall, können einige hundert Euro kosten. Große Sucheinsätze, in die vielleicht über mehrere Tage dutzende Rettungs-Leute und Suchhunde involviert sind, können sich im Sonderfall auch auf über 10.000 Euro summieren.

Macht Ihnen Ihre Arbeit in der Bergrettung trotz allem Spaß?

Absolut. Die meisten von uns sind ja selbst gerne in den Bergen unterwegs und wissen, dass einem auch selber mal was passieren kann. Aus dem Grund helfen wir gerne. Aber ich möchte an dieser Stelle auch noch mal appellieren: viele Einsätze sind durch Vorbereitung und Ausbildung vermeidbar. Wir arbeiten auf freiwilliger Basis, jeder Einsatz zieht uns von unserer Arbeit und von unseren Familien ab – und bringt uns bis zu einem gewissen Grad auch in Gefahr. Ich kann nicht viel anfangen mit dem Bergretter-Bild der „Helden in den Bergen“, die ihr Leben riskieren. Nein, das tue ich nicht. Den ein oder anderen Kratzer und kleinere Verletzungen hält man schon aus, aber ich will am Abend möglichst unversehrt nach Hause kommen – und diesen Anspruch stelle ich als verantwortlicher Einsatzleiter für die gesamte Mannschaft.

Herr Gurdet, herzlichen Dank für das Gespräch und alles Gute!

Zur Person
Ing. Martin Gurdet ist Landes-Einsatzleiter für Niederösterreich und Wien und seit 2015 Bundesgeschäftsführer des Österreichischen Bergrettungsdienstes. Seine Bergretter-Laufbahn hat der 44jährige Niederösterreicher 1998 in der Ortsstelle Grünbach am Schneeberg begonnen.

Der Bergrettungsdienst ist in Österreich unter der Telefonnummer 140 (Alpinnutruf) zu erreichen.

Bergretter Gurdet
Foto: ÖBRD
Bergretter wollen keine Helden sein, sondern gesund von Einsätzen nachhause kommen
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