Microadventure

Seenot am Wolfgangsee mal anders

Blog • 23. März 2020
von Klaus Haselböck

Um zur „Seenot“, der beliebten Kletterroute am Wolfgangsee, zu kommen, nimmt man ein Boot, oder seilt sich über die imposante Falkensteinwand ab. Bergwelten Chefredakteur Klaus Haselböck ist vor 3,5 Jahren zum Einstieg geschwommen und hat dort eine herbe Entdeckung gemacht.

Nicht weit weg, günstig, einfach, kurz und sehr effektiv: Das zeichnet für den Briten Alastair Humphreys ein Microadventure aus. Die von ihm entwickelte Outdoor-Idee trägt die Herausforderung, den Spaß, die Aufregung und auch die Lern-Erfahrungen eines richtig großen Abenteuers in sich und findet aber vor der Haustür statt.

Klettertour Seenot Wolfangsee Bergwelten
Foto: Klaus Haselböck
Zustieg mal anders: Zur Morgenstunde packen wir unsere Halbseile, das Kletterequipment, etwas Verpflegung, sowie Shirts und Shorts in Drybags und schwimmen von Fürberg aus über die herrlichen Buchten zum Einstieg.

Es reicht also die Perspektive zu wechseln und eigene Projekte einmal neu anzudenken, um aus ihnen ein Microadventure zu machen. So zum Beispiel am Wolfgangsee: Nahe St. Gilgen schießen die Falkensteinwände aus dem Wasser und sind der Treffpunkt wagemutiger Klippenspringer. Aus bis zu 28 Meter Höhe in den See zu köpfeln – sicher auch ein Abenteuer, aber ganz sicher keines der Micro-Kategorie. Zumindest für mich.

Zum Glück kann man dort auch klettern: Routen in vier Sektoren ermöglichen diese besondere Kombination aus rauem Kalk und smaragdgrünem Wasser zu erleben. Um zur „Seenot“, dem Kletter-Kronjuwel im Salzkammergut, zu kommen, nimmt man ein Boot, oder seilt sich direkt über die Falkensteinwände zum Einstieg ab. Der befindet sich nämlich exakt an der Wasserkante und ist von Land aus völlig unzugänglich.

Klettertour Seenot Wolfangsee Bergwelten
Foto: Klaus Haselböck
Lange Freitauch-Flossen sorgen für den Vortrieb des kleinen Konvois, Maske und Schnorchel helfen uns, die Wasserlage zu optimieren. Auf Neopren-Anzüge verzichten wir. Sie würden das Umziehen noch mühsamer machen, das Wasser ist im Spätsommer aber ohnehin noch warm genug.
Klettertour Seenot Wolfangsee Bergwelten
Foto: Klaus Haselböck
Der Einstieg ist erreicht. Jetzt wollen die schweren Säcke auf den ersten Haken gehievt werden, um die Transformation vom Schwimmer zum Kletterer zu vollziehen. Die Schlüsselstelle: Der erste Zug ins Trockene. Unter Wasser sind die Tritte extrem glitschig.
Klettertour Seenot Wolfangsee Bergwelten
Foto: Klaus Haselböck
Der Hängestand für den ersten Abschnitt der Seenot macht seinem Namen alle Ehre: Eine ausgeklügelte Logistik, die ermöglicht, dass die Seile trocken bleiben, die Ausrüstung gut positioniert ist und keine Kompromisse beim Standplatzbau gemacht werden, ist jetzt Trumpf.
Klettertour Seenot Wolfangsee Bergwelten
Foto: Klaus Haselböck
Dann der Rückschlag: Das ist doch nicht wahr, das kann nicht sein – übers Wasser ist nur der linke Kletterschuh mitgekommen! Zurückschwimmen? Abbruch? Mein erster Barfuß-Sechser? „Lass uns mal schauen“, meint Georg und ich ziehe rechts zur Kompensation meinen Laufschuh an.
Klettertour Seenot Wolfangsee Bergwelten
Foto: Georg Krewenka
Vertrautes war gestern, das kleine Abenteuer hat ab sofort einen neuen großen Aspekt. Über sieben Seillängen in herrlich kompaktem Fels führt die Tour und verlangt dabei sicheres Klettern bis in den unteren siebenten Grad. Kann sich das mit so einem ungleichen Paar ausgehen?
Klettertour Seenot Wolfangsee Bergwelten
Foto: Georg Krewenka
Die Reibungswerte sind massiv eingeschränkt, der Blick skeptisch. Bei der Seenot ist präzises Steigen gefragt, behutsam taste ich mich als Nachsteiger durch die Route. Aber die Uhr tickt: Je höher die Sonne steigt, desto schmieriger und schwieriger werden die Griffe.
Klettertour Seenot Wolfangsee Bergwelten
Foto: Georg Krewenka
Eine Besonderheit wartet in der sechsten Seillänge: Kletterbar wird diese abweisende Passage – zumindest für uns – nur durch in den Fels geschraubte Kunstgriffe. Nach einigen gefinkelten Zügen ist die Seenot geknackt. Die letzten Meter sind nur mehr Draufgabe.
Klettertour Seenot Wolfangsee Bergwelten
Foto: Klaus Haselböck
Geschafft! Die Route ist sich – Georg-sei-Dank – mit drei Kletterschuhen ausgegangen. Kaum oben, wollen wir sofort wieder hinunter: Viel zu heiß ist es mittlerweile in der Wand. Mit den 50-Meter-Halbseilen erreichen wir in drei Abseilfahrten die Dry-Bags am Wandfuß.
Klettertour Seenot Wolfangsee Bergwelten
Foto: Klaus Haselböck
Rolling home: Bei der Wechselzone am ersten Haken haben wir das Kletter-Equipment verstaut. Unter den überraschten Blicken der Badegäste schwimmen wir zurück nach Fürberg und sind ein klein wenig stolz. Kleine Abenteuer gab es in den sieben Stunden genug. Alastair Humphreys hätte es wohl auch gefallen.

Service: Klettertour Seenot (7-)

  • Anreise: Über die Westautobahn (A1) die Abfahrt Mondsee oder die Abfahrt Thalgau nehmen und nach St. Gilgen fahren.
  • Ausgangsort: Parkplatz in Fürberg/St. Gilgen (Oberösterreich).
  • Schwierigkeitsgrat: 7- (6- obligatorisch).
  • Länge: 7 Seillängen, ca. 200 Klettermeter.
  • Ausrüstung: 2 Halbseile, 13 Expressschlingen, Helm, Schlingen, Karabiner, Abseilgerät. Optional: Drybags, Schwimmflossen.
  • Zustieg: Entweder vom Parkplatz auf den Falkenstein und von dort über die Abseilstrecke zum Einstieg, oder mit dem eigenen Boot (ca. 20 Minuten Ruderzeit, Reepschnur zum Befestigen mitnehmen!). Oder eben schwimmen.
  • Beste Zeit: Frühjahr bis Herbst.
  • Wichtig: Früh einsteigen, denn in der südseitig ausgerichteten Route kann es im Sommer sehr heiß werden.
  • Einkehr: Gasthof Fürberg, Tel.: +43 6227 23850.

TV-Tipp: ServusTV zeigt die Doku „Die Riesen um den Wolfgangsee“ am Montag, den 23. März 2020, um 20:15 Uhr in Österreich und um 21:15 Uhr in Deutschland. Die Falkensteinwand spielt darin eine zentrale Rolle.

Wolfgangsee
Atemberaubende Kulissen, sagenhafte Geschichten und alpine Spitzenleistungen: die Berge rund um den Wolfgangsee halten viele Besonderheiten bereit. In der Bergwelten-Dokumentation am 23. März geht es unter anderem an den legendären Plombergstein, der selbst für erfahrene Kletterer, Paragleiter und Klippenspringer so manche Herausforderung birgt. 

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