15.500 Touren,  1.700 Hütten  und täglich Neues aus den Bergen
Wandern in Osttirol

Stille Tage im hohen Defereggental

Magazin • 21. November 2021
4 Min. Lesezeit

Unterwegs im Defereggen: Es geht durch alte Zirbenwälder und auf große Gipfeltouren, zu historischen Almhäusern und zu den vielleicht besten Schlipfkrapfen weit und breit.

Markus Honsig für das Bergwelten Magazin Oktober/November 2016

Man möchte eine Kuh sein. Solche Gedanken hat man, wenn man die Gritzer Alm hinauf- und an den wohlgenährten Tieren vorbeiwandert. Eine Kuh im Osttiroler Defereggental – dann könnte man den ganzen Sommer und den halben Herbst hier heroben verbringen.

Man würde an den würzigen Almwiesen der sonnigen Südseite herumkauen. Man würde dastehen und ohne besonderen intellektuellen Anspruch in die Gegend schauen, hinüber zu Wagenspitze, Roter Spitze, Weißer Spitze – prächtiges Panorama knapp an der 3.000-Meter-Marke.

Man würde zur Erfrischung zu einem der vielen Wasserläufe vom Berg trotten, am Weg dorthin ein paar Murmeltiere erschrecken und den Rest des Tages faul in der Wiese liegen und mit dem Schwanz die lästigen Fliegen wegwedeln.

Wo’s den Kühen gut geht, geht’s auch den Menschen gut: Wir sind im südwestlichsten Eck Österreichs. Die Anreise kann also etwas länger dauern, wenn man von München oder Wien kommt.

Aber jeder Kilometer zahlt sich aus: Osttirol ist hoch konzentrierte Österreich-Idylle – „Land der Berge“, diese Zeile aus der Bundeshymne ließe sich nirgends besser illustrieren als hier, wo 266 Dreitausender stehen (von insgesamt 695 im ganzen Land).

Schönere, unberührtere Täler wird man ohnehin nirgendwo finden. Osttirol ist der ruhigere Teil Tirols, und das Defereggen gehört zu den ruhigeren Ecken Osttirols. Im Sommer ist noch weniger los als im Winter, und ab September hat man das Tal mehr oder weniger für sich alleine.

Beste Wanderzeit, auch weil sich im Spätsommer und im Herbst stabile Schönwetterlagen aufbauen. Glücklicherweise muss man sich auch keine Sorgen machen, dass die Ruhe im Tal verloren gehen könnte.

Das halbe Defereggen gehört zum Nationalpark Hohe Tauern und genießt damit besten Schutz. Steinadler, Steinböcke und Bartgeier werden also auch in Zukunft im größten und ältesten Nationalpark des Alpenraumes einen gesicherten Lebensraum haben.

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Wanderer vor de Hutner Spitz
Foto: Robert Maybach
Thomas und Veronica am Weg von Grünbichl zu ihrer Lieblingshütte, der Alpe Stalle. Im Hintergrund die Hutner Spitze mit 2.885 m und einer vorbildlichen Gipfelform.

3.000er für Ein- und Aufsteiger

Wir haben schnell an Höhe gewonnen und den Gritzer See auf 2.504 Meter Seehöhe erreicht, einen dieser funkelnden Juwelen, wie sie hier häufig zwischen den vielen Gipfeln herumliegen. Die Berge im Defereggen sind grundsätzlich angenehm zu gehen:

Hat man die ersten Steilhänge aus dem Tal hinauf überwunden, den feinen Geruch von frischen, handgemähten Wiesen noch in der Nase, erreicht man die idyllischen Almen, die bei kontinuierlicher Steigung zügig nach oben führen.

Einer der Vorteile, wenn man im Defereggen sein Basislager aufschlägt: Man startet hoch – die Ortschaften St. Jakob oder St.Veit liegen auf rund 1.400 Metern –, und daher ist es weniger weit hinauf. „Jetzt könnten wir noch weiter zur Lasörlinghütte und auf den Lasörling auf über 3.000 Meter gehen“, sagt Thomas Blassnig, der uns gemeinsam mit Freundin Veronica Schupfer auf dieser Tour begleitet.

3.000er gibt es im Defereggen vergleichsweise günstig: „Die Seespitze etwa ist auch ein sehr schöner 3.000er, mit Seespitzhütte und Oberseitsee eine recht einfache Wanderung.“ Thomas ist Juniorchef des gleichnamigen Taxiunternehmens im Tal und kennt hier jeden Berg, jeden Weg, jede Hütte, jeden Gipfel.

Aus dem Tal ist der 28-Jährige nie wirklich hinausgekommen. Da ist der Familienbetrieb, der ihn hält. Da sind die vielen Berge, die seinem Bewegungsdrang entgegenkommen. Da ist die Ursprünglichkeit des Tals, „hier ist noch alles familiärer“.

Das Defereggental

Junge Hoamplärrer

Thomas stammt aus Hopfgarten, das ein „bissl separiert“ am Eingang ins Tal liegt. Die drei Orte Hopfgarten, St. Veit oder St. Jakob legen nämlich schon Wert auf die jeweils eigene Identität und auf die eigenen Traditionen. „Der Dialekt wird schärfer, das Klima rauer und die Mentalität selbstbewusster, je weiter man ins Tal hineinkommt“, wird uns Ernst Blaßnig später auf der Glanzalm erzählen.

Es gibt vier Volksschulen und drei Pfarren im Tal, das insgesamt etwas über 2.000 Bewohner hat. Früher gab es auch drei Fußballvereine, und andeutungsweise hört man noch heute von legendären Auseinandersetzungen, die nicht nur am Spielfeld stattgefunden haben. Seit der Gründung der Spielergemeinschaft Defereggen hat das Thema allerdings an Brisanz verloren.

Die Zeiten ändern sich. Eine neue Generation beginnt, das Tal zu gestalten. St. Jakob hat eben einen der jüngsten Bürgermeister Österreichs gewählt, Ingo Hafele ist gerade einmal 26. Eines der schickeren Hotels im Tal, das Defereggen Hotel mit 9-Loch-Golfplatz vor der Tür und ein paar Porsches für die Gäste in der Garage, wird von Ingo Gasser aus St. Jakob geführt:

Er verbrachte Jahre im umtriebigen Kitzbühel, bevor er doch wieder ins Tal zurückgekommen ist. „Mit dem Alter“, sagt der 32-Jährige, „beginnt man die Ruhe wieder zu schätzen.“ Ein klassischer „Hoamplärrer“, wie jene Deferegger genannt werden, die nach Aufenthalten in der Ferne – und dazu zählt schon Nordtirol – wieder gern zurückkommen.

Wo’s den Kühen gut geht, geht’s auch den Menschen gut. Sollte es noch Zweifel an diesem Satz geben, empfiehlt sich der Besuch auf der Glanzalm, einem der schönsten Aussichtsplätze des Tals.

Die Villgartner Berge.
Foto: Robert Maybach
Blick von der Glanzalm in die Villgratner Berge.

Andächtige Kühe

Schwer zu sagen, was erfreulicher ist: der Ausblick auf das Iseltal oder der Blick auf die kleine Speisekarte mit Speck, Butter und Käse aus eigener Produktion. „Das Licht, das Panorama, das kann man nicht malen“, sagt Ernst Blaßnig, der gemeinsam mit seiner Frau Johanna die Alm bewirtschaftet.

Der kluge Wanderer kommt frühmorgens, um den Sonnenaufgang über dem Großglockner nicht zu versäumen (und das anschließende Frühstück bei den Blaßnigs), oder noch besser schon am Vorabend, weil er dann auch den Sonnenuntergang nicht versäumt. Manchmal steigen auch die Musiker aus dem Tal rechtzeitig auf.

„Wenn der Großglockner in die Morgensonne blinzelt und die Weisenbläser aufspielen“, sagt Ernst, „werden sogar die Kühe andächtig.“

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