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22.00 Uhr. Der Fels in der Nacht – perfekte Bedingungen?

Text: Klaus Haselböck, Illustration: Romina Birzer

Warum die weltbesten Boulderer ihre Routen oft erst nach Sonnenuntergang anpacken.

Eigentlich ist es eher die Zeit, um mit Freunden auf ein Bier zu gehen oder mit einem Film den Tag gemütlich ausklingen zu lassen. Aber wenn große Projekte anstehen, zieht sich Giuliano Cameroni, der 25-jährige Shootingstar der Boulder-Szene, meist erst nach Sonnenuntergang seine Kletterschuhe an: In Nordindien etwa, wo sich an den Himalaya-Ausläufern gerade ein neues Block-Paradies entwickelt, sinken die Temperaturen in den Herbstnächten schnell auf fünf Grad Celsius. Erst in der kühlen, trockenen Luft wird für den Schweizer die Begehung von Linien wie „Mouni Baba“ mit ihren messerscharfen Griffen möglich. Den superharten Schwierigkeitsgrad 8C hat er dafür als Bewertung vorgeschlagen.

Ähnlich wie in der Formel 1 entscheiden beim Bouldern im Top-Bereich Nuancen über den Erfolg. Die möglichen Tuning-Maßnahmen betreffen – neben dem eigenen Körper – auch die physikalischen Gegebenheiten. Seilkletterer wissen schon lange, dass viele der ganz schwierigen Routen nur in den Monaten von November bis März machbar sind. Anders als beim Durchsteigen ganzer Wände geht es beim Bouldern nur um einige wenige Züge, manchmal sogar nur um den einen einzigen, der ein Projekt Wirklichkeit werden lässt oder wiederholtes Scheitern bedeutet.

Bouldern in der Nacht benötigt die richtige Ausleuchtung, Buttermilk Boulders, Bishop, California, USA
mauritius images / Image Source / Peter Amend
Bouldern in der Nacht benötigt die richtige Ausleuchtung, Buttermilk Boulders, Bishop, California, USA

Harte Haut

Die Cracks der Szene haben die Schrauben deshalb nochmals angezogen und wollen Zufälle weitgehend ausschließen – es gilt das Zeitfenster zu finden, in dem Temperatur und Feuchtigkeit für eine Begehung exakt zusammenpassen. Auf manchen der minimalen Tritte kann man nämlich erst stehen, wenn der Fels absolut trocken ist. Nur dann schmiegt sich die Gummimischung der Schuhsohle perfekt an und spielt das Material seine Vorzüge bis zum letzten Quäntchen aus. Zudem wird in der Kühle der Nacht auch die menschliche Haut härter und damit widerstandsfähiger. Während Finger in der Sonne zu schwitzen beginnen und von manchen Griffen regelrecht abtropfen, hält nur eine harte Haut die maximale Belastung aus, wenn sich das ganze Körpergewicht also auf wenige Quadratzentimeter konzentriert. Zu kalt darf es allerdings auch nicht sein. Sonst leidet wieder die Reibung der Schuhe, und die herabgesetzte Blutzirkulation macht die Gliedmaßen steifer. Die geschmeidigen bis athletischen Bewegungen, die bei Routen im Grenzbereich notwendig sind, gehen sich sonst nicht mehr aus. Kurzum: Es muss wirklich einiges zusammenpassen.

Bouldern, von der Ausrüstung her eigentlich die simpelste Kletterdisziplin, wird zu einem technisch aufwendigen Unterfangen: Mit einem Hygrometer misst man die Luftfeuchtigkeit, eine Windmaschine hilft die Blöcke auszutrocknen, und eine Beleuchtungsanlage, wie man sie sonst von Baustellen kennt, bringt Licht in den Routenverlauf. „Die Jungs legen auch nur bei perfekten Bedingungen los und überlassen nichts dem Zufall“, so der österreichische Boulder-Pionier Bernd Zangerl, der das Gebiet in Nordindien ursprünglich erschlossen hat.

Die Nacht-Boulderer passen auch ihren Tagesrhythmus der Schwerarbeit an, die sie zu später Stunde leisten. So schlafen sie oft bis Mittag, und das für die Sportart so typische Herumprobieren an den Blöcken wird gestrichen – es wäre nur eine unnötige

Energieverschwendung. Die volle Konzentration liegt auf dem einen perfekten Versuch bei perfekten Bedingungen, und der findet damit meist in der Dunkelheit statt.

Ältere Rechte

Bei ihren Bemühungen, die Grenze des Möglichen nach weiter nach oben zu verschieben, kommen sie allerdings in Konflikt mit anderen Anrainern der Blöcke: mit Wildtieren und deren Jägern, die ebenso wie die Boulderer nachtaktiv sind, allerdings ältere Rechte anmelden können und sich in ihrem ureigenen Verhalten gestört fühlen. Das ist der Grund, warum in manchen Gebieten – wie dem Block-Mekka Fontainebleau in Frankreich – mittlerweile empfohlen wird, nachts nicht zu klettern.

Vielleicht ist das auch als Einladung gedacht, Bouldern nicht nur als bedingungslosen Leistungssport zu sehen, sondern ihm manches von seinen eigentlichen Elementen zurückzugeben: die Lust am Spiel, am einfachen Leben sowie die Bereitschaft zum Scheitern. Aus diesen Elementen kann bekanntlich ganz Großes entstehen.

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