16.100 Touren,  1.700 Hütten  und täglich neues aus den Bergen
Das Waltenbergerhaus ist eingebettet in eine alpine Graslandschaft
Foto: Hans-Martin Kudlinksi
Hüttenporträt

Das Waltenbergerhaus im Allgäu

• 13. September 2021

Sie ist die älteste und zugleich die jüngste Hütte in den bayerischen Bergen: das Waltenbergerhaus als hochalpines Bindeglied zwischen den Generationen.

Sissi Pärsch für das Bergwelten Magazin Oktober/November 2019

Menno erfreut sich gottlob bester Gesundheit, aber es zeigt sich einmal mehr, dass es immer gut ist, ein Erste-Hilfe-Kit am Berg dabeizuhaben. Das Elend offenbart sich, wenn man an ihm hinabblickt: Die Schuhe des Holländers sind geschunden und verbunden, der Verfall kaum mehr aufzuhalten. Notdürftig hält der Verband die schlabbernde Sohle am Schaft.

Menno schmunzelt und schält seinen rechten Fuß vorsichtig aus dem Stiefel. Er habe ein fein säuberliches Schleifchen gebunden, erzählt er. Bei der Ankunft auf der Hütte hängt es jetzt nur mehr ausgefranst an dünnen Fäden. Es sind die Schuhe seines Vaters. Neben ihm, still, höflich und gut besohlt, steht sein 13-jähriger Sohn Sam. 

Anstatt die Tour wie geplant fortzusetzen, müssen die beiden notgedrungen vom Waltenbergerhaus zum Schuh-Shopping noch einmal ins Tal nach Oberstdorf absteigen. Es hilft nix: Manchmal muss was Neues her. Genau damit kennen sie sich hier oben auf 2.084 Metern bestens aus: mit der Weiterreichung von Werten über Generationen, mit Bewahrung, mit Abnutzung und mit Erneuerung.

Ein Portrait des Hüttenwirts Markus vor einer Holzschindelwand
Foto: Hans-Martin Kudlinksi
Nach drei Jahren Unterwegssein hat Markus Karlinger seinen Platz im Waltenbergerhaus gefunden.
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Das Waltenbergerhaus ist nicht nur – zusammen mit der Rappenseehütte und der Kemptner Hütte – eine der letzten bayerischen Bastionen vor der österreichischen Grenze, es war auch eine der ersten. 1875 wurde sie als zweite Deutsche Alpenvereinshütte in den bayerischen Bergen errichtet.

Entsprechend fortgeschrittenen Alters war sie, als sie Markus Karlinger 2011 als Hüttenwirt übernahm. „Zum Teil konnten wir den Charme ja bewahren, aber hinter den Kulissen ging gar nichts mehr“, sagt er und schüttelt den Kopf. Und so fasste er mit dem Alpenverein bald einen Entschluss, der ihm nicht gerade zu einem Popularitätsschub verhalf: Das Alte muss weichen.

Das Waltenbergerhaus ist speziell für die Allgäuer eine besondere Hütte. Sie liegt zwar nicht direkt am viel begangenen Heilbronner Höhenweg, aber unterhalb der spektakulären Spitzen von Mädelegabel, Hohem Licht und der Trettachspitze, die (trotz ihrer relativ bescheidener 2.595 Meter) als Allgäuer Matterhorn firmiert.

Das Haus ist Ausgangsbasis für viele Klettereien und tolle Touren, und es bietet eine großartige Aussicht. Ein Aufschrei ging durch manche Alpinseele, als bekannt wurde, dass die alte Hütte niedergerissen und eine neue errichtet werden müsse.

„Ganze Pilgerscharen kamen 2015 hier hoch, um sich zu verabschieden. Richtig bös haben mich manche angeschaut“, erzählt Markus mit einem Schmunzeln. Für alle, die dem alten Bau noch nachtrauern, hat der Hüttenwirt an einer Seite eine Klagemauer aus den Ur-Steinen bewahrt.

Das neue, moderne Waltenbergerhaus

Der Ostallgäuer Xaver Steiner ist so einer, der die alte Hütte sehr gerne hatte – aber jetzt vor allem neugierig ist, wie sich die neue Hütte präsentiert. Xaver ist jedoch 86 und der Weg vom Oberallgäuer Tal herauf mit gut 1.000 steilen Höhenmetern zehrend. So hat er Alfred und Ingrid geschickt, seine Kinder.

„Er meinte“, lächelt Ingrid, „wir sollten das neue Haus erst einmal anschauen und fotografieren. Dann weiß er, ob es sich noch einmal lohnt hochzukommen. Vielleicht mit einem Heli-Versorgungsflug.“ Das Waltenbergerhaus muss nämlich ohne Materialseilbahn auskommen – es ist die einzige DAV-Hütte in den Allgäuer Alpen, die ausschließlich per Hubschrauber versorgt wird.

Eine entsprechende Leistung war der Neubau der Hütte von September 2015 bis Juni 2017. Wochenlang blieben die Handwerker hier oben, und Markus bekochte die Arbeiter. Die Post bringen Bergschulen und Freunde. Und eingeweihte Wanderer tragen von Einödsbach – dem südlichsten ganzjährig bewohnten Ort Deutschlands – auch schon einmal ein Scheit Holz herauf für die kühleren Tage.

Belohnt werden sie von Markus mit einem Schnaps namens Sigi. Den Sigi hat Markus auf seinem Lieblingsgipfel versteckt – „aber schon so, dass man ihn finden kann“. Der Berg der guten Hoffnung wacht wie ein rauer Beschützer direkt über der Hütte. Kennen und begehen tut ihn aber kaum einer – die Leute zieht es auf die berühmten Geschwister links und rechts. So muss Markus die Flasche Sigi nicht allzu oft nachfüllen.

Die Hütte schmiegt sich an den Grashang und bettet sich in die Landschaft ein
Foto: Hans-Martin Kudlinksi
Die neue Version der alten Hütte schmiegt sich an den Hang und öffnet sich in Richtung Trettachspitze und Bockkarkopf.

Das neue Haus schmiegt sich mit der halbrunden Form oberhalb einer steilen Grasflanke um den Felshang der guten Hoffnung. Die Front ist mit Lärchenschindeln verziert, riesige Fenster öffnen sich für die hochalpine Landschaft. Es ist ein schlichter Neubau, minimalistisch, funktionell, schön. Neben dem Lager gibt es nun auch hübsche Vierbettzimmer und teilweise sogar warmes Wasser.

Lang laufen

Eugen Sinz, der mit Leo, dem einjährigen Labrador, auf der großen Terrasse sitzt, hat das Waltenbergerhaus noch von seiner dunklen Seite kennengelernt. „Klein und eng war es damals“, erinnert er sich, als er als Achtjähriger hier oben in den Sommerferien gespült hat. Ein Schulfreund war der Enkel vom damaligen Wirt.

Etwa fünf Jahrzehnte ist das jetzt her. „Das Aussehen hat sich verändert, die Aussicht ist gleich geblieben. Es ist ein ganz markanter Punkt.“ Den Allgäuer erschreckt die Veränderung der Bergwelt durch den Klimawandel mehr als der „architektonisch schöne Bau“. Der Ferner sei heute nur mehr ein Schneefeld.

2.400 Höhenmeter ist der Trail Runner mit seinem Trail Dog heute schon gelaufen. Fast entschuldigend erklärt er mit einem Schmunzeln: „Ich bin immer gelaufen. Ich hatte früher schon einen langen Schulweg. Und weil ich nicht mehr jung bin, laufe ich schon lang lang.“ Eugen packt seinen Rucksack, Leo hebt interessiert den Kopf und trabt schließlich seinem Herrchen hinterher.

Der lauffreudige Labrador ahnt kaum, was er wenige Stunden später an tierischer Rauferei verpasst. Das Waltenbergerhaus ist ein Sonnenuntergangsplatz. Am Morgen liegt es lange im Schatten, dafür trifft es die untergehende Sonne mit einem überwältigenden Rosarot. Und als hätten sie auf die perfekte Szenerie gewartet, feiern die Steinböcke ihren Auftritt im besten Licht.

Von der Terrasse des Waltenbergerhauses kann der Sonnenuntergang betrachtet werden
Foto: Hans-Martin Kudlinksi
Die Sonne geht spektakulär hinter Schafalpenkopf, Hammerspitzen und Fellhorn unter.

In aller Seelenruhe steigt das Rudel aus den kargen Steinfeldern ins Grün herab. Vor den Alpinisten der Allgäuer Berghütten grasen keine Kühe, hier kommt das Steinwild bis auf wenige Meter heran. Und damit es den Zusehern ja nicht langweilig wird, suchen sich die jungen Wilden einen Felsvorsprung und schlagen ihre Hörner aneinander, dass es nur so kracht. Da weiß man dann um den Namen des massigen Gipfels, der über den Rauflustigen thront: Bockkarkopf.

Ein Steuerberater in den Bergen 

Für Hüttenwirt Markus ist das ein abendliches Ritual – fast wie die „Tagesschau“ für andere. Er freut sich, dass seine Frau mit den beiden Söhnen die Tage heraufkommen wird.  Claudia – eine Schweizerin, deren Familie aus den Abruzzen stammt – hat er auf einer dreijährigen Weltreise in Neuseeland kennengelernt.

„Du wirst es nicht glauben“, sagt Markus, „aber davor war ich Bilanzbuchhalter und Steuerfachberater.“ Nein, man mag es wirklich nicht glauben. Der Wendepunkt kam, als der Vater mit 52 Jahren viel zu früh starb: „Da wollte ich nicht mehr warten mit dem Träume erfüllen.“ Anfang dreißig war er damals, als er durch die Weite Kanadas nach Alaska, Peru und Neuseeland und dann mit Claudia weiter nach Südostasien und Tibet zog.

„Man kommt zurück, und die Uhr tickt anders“, sagt er. Das Paar übernahm als Quereinsteiger eine Hütte im Tiroler Lechtal, führte sie über 13 Jahre – und flirtete insgeheim schon damals mit dem Waltenbergerhaus. „Das war ein ganz anderes Kaliber“, meint er. Er schaut hinaus ins Tal Richtung Oberstdorf, über die Allgäuer Grasberge hinweg, die vorgeben, ganz harmlos zu sein. Dann wendet er sich um zu den gewaltigen, faltigen Felsflanken.

Nicht erst seit der intensiven Umbauzeit weiß Markus, dass er seinen Sommerplatz hier oben auf 2.084 Metern gefunden hat. „WBH“ steht auf seinem T-Shirt – das Kürzel der Hütte. Man könne es aber auch anders interpretieren, erklärt der Wirt und lächelt: „Als Abkürzung für ‚Wir Bleiben Hier‘.“

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