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Zwei Radler vor dem Walchensee.
Foto: Anton Brey
Biken und Paddeln in Bayern

Das blaue Wunder: Der Walchensee

• 28. Oktober 2021

Der Walchensee hat zwei Seiten: Auf der einen verkehren viele Fremde, auf der anderen ruht man einsam. Und rundherum eröffnet sich ein perfektes Bike-Revier.

Sissi Pärsch für das Bergweltenmagazin März 2016

Es ist keine Passstraße wie aus dem Bilderbuch. Die Kurven winden sich sehr entspannt zum Kesselberg hinauf. Hinter einem liegt das flache Murnauer Moor, vor einem die ersten Berge des Münchner Oberlands. Eine gemäßigt voralpine Kulisse. Vielleicht trifft es einen genau deshalb mit solcher Wucht, wenn man über die Passhöhe schleicht und der strahlende Walchensee ins Bild rückt.

Für diesen See muss man die Farbe Blau fast neu definieren.

Zwei Radfahrer auf dem Uferweg.
Foto: Anton Brey
Auf dem Uferweg nimmt man Rücksicht auf Wanderer.
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„Gewaltig!“, urteilt ein Herr am nächsten Tag auf der Terrasse des perfekt gelegenen Berggasthauses Herzogstand. Er trägt sein T-Shirt nicht mehr am Körper, sondern schon in der Hand. Es ist heiß, die Aussicht ungetrübt. „Gewaltig!“ – Ja, das ist doch ein Ausdruck, mit dem man sich hier anfreunden kann. Er wedelt sein Shirt in Richtung des mächtigen Karwendels, dreht sich um 90 Grad und ergänzt: „Und schau: das Blau!“ Ja, genau, das Blau.

Der Walchensee ist einer der tiefsten, einer der größten und einer der schönsten Seen Deutschlands, der dort unten leuchtet und glitzert. Eine türkise Perle, die man vom Herzogstand bestens im Blick hat. Hier herauf gelangt man über einen langen Fußmarsch oder mit der Bahn, von der dann nur noch knapp 200 Höhenmeter zum Gipfel fehlen. 190 Meter tief ist der See im Tal und mit gut 16 Quadratkilometern größer, als er von oben aussieht.

Der wunderschöne Walchensee in der Sonne.
Foto: Anton Brey
Die Süd- und die Ostseite des Sees sind kaum verbaut.

Der Name geht wohl auf das mittelhochdeutsche Wort für „Fremde“ zurück: Walche oder Welsche wurden die Menschen im Süden einst genannt. Heute verkehren hier viele Touristen. Bleibt man oben am Herzogstand vom Trubel noch relativ verschont, so rückt man sich unten an der Seestraße recht dicht auf den Leib – am Strand wie auf der Straße.

„Gib uns ein paar Kilometer“, entwarnt Karen, „und wir sind raus aus dem Trubel.“ Tatsächlich radeln wir dem wuseligen Treiben sehr schnell davon. Karen Eller und Holger Meyer sind Deutschlands berühmtestes Mountainbike-Paar. Sie haben Rennen gewonnen, Bücher geschrieben, viele Touren in vielen Ländern geführt – und haben eine Vorliebe für den nahen Walchensee.

Beim Radfahren hat man viel Freude.
Foto: Anton Brey
Da lacht das Biker-Herz: unterwegs mit Holger Meyer.

„Für uns ist es perfekt“, erklärt Holger. „Die Strecken sind variantenreich, von einfach bis anspruchsvoll, von sanft bis alpin. Es ist unglaublich schön. Und es geht nichts über die Kombination Biken und Baden.“ Wir treten, den See im Rücken, die Schotterstraße hinauf in Richtung Simetsberg und hinein in die Einsamkeit. Trotz Ferienzeit begegnen uns auf der gesamten Tour nur zwei Menschen.

So wirken die Flanken des Karwendels vor uns noch ein bissl intensiver und wilder. Über die gut 400 Höhenmeter bergauf reden wir nicht viel. Weil es in die ruhige Landschaft passt – und weil es unseren Lungen auch besser passt.

Erst als der Wald uns nach einer rauschenden Abfahrt in Wallgau ausspuckt, wird es wieder umtriebiger. Großzügig verteilte Schilder weisen uns darauf hin, dass wir uns in Magdalena Neuners Heimatort befinden, der berühmtesten Biathletin des Landes. Man ist sichtlich stolz auf die Einwohnerin mit der goldenen Vita.

Das natürlich zu Recht – dennoch sind wir froh, nicht auf Heerscharen an Biathlon-Pilgern zu treffen. Wallgau ist lebendig, charmant, gemütlich. Das sieht auch Holger so, und schon sitzt er an einem hübschen Plätzchen, bereit für Kaffee und Kuchen. „Genuss“, meint er. „Du bist erst ein großer Biker, wenn du auch genießen kannst.“ Er muss es wissen. Er ist ein Großer der Bike-Zunft.

Zwei Radfahrer machen eine kurze Rast am Ufer.
Foto: Anton Brey
Freie Platzwahl: Einsame Stellen findet man zahlreich entlang der ruhigen Seeseite.

Für den Weg zurück nach Einsiedl am Südufer des Sees sind unsere Speicher also wieder bestens gefüllt. Trotzdem sind wir zuversichtlich, eine hervorragende Bade- und Bikinifigur abzugeben. Karen erzählt von ihrer Liebe zum Stand Up Paddling. „Holger und ich verbringen den größten Teil unseres Lebens auf dem Bike in den Bergen. Das ist natürlich ein Traum.

Aber mit dem SUP habe ich auch das Element Wasser für mich entdeckt. Wenn du frühmorgens oder in der Abendsonne hinauspaddelst – dieses friedliche Gefühl, das leise Gluckern der Wellen. Irgendwie hat mir das gefehlt, ohne dass es mir je bewusst war.“

Inzwischen veranstaltet sie Bike & SUP-Camps hier am Walchensee. Und auch Holger stimmt zu: „Es tut ganz gut, mal die Beine ruhig zu halten und mit dem Oberkörper zu arbeiten.“ Perfekter Ausgleichssport könnte man sagen.

Zwei Radfahrer bei der Abfahrt.
Foto: Anton Brey
Am Weg von Jachenau zum Walchensee.

Hier ist ja nichts!

Neuer Tag, neue Entdeckungen: der Einsiedler Biergarten am Südzipfel, das Sachenbacher Eck schräg gegenüber, wo sich kaum ein Badender hinverirrt. Das liegt daran, dass man nur zu Fuß oder mit dem Rad dorthin gelangt, aber nicht mit dem Auto. Gut so.

Das findet auch Schorsch Baumgartner, der Wirt der Waldschänke Niedernach am Ostufer. Sein Urgroßvater hat den Familienbetrieb 1912 an diesem windgeschützten Platz erbaut. „Schauts euch das an“, sagt er mit einem ausladenden Wink. „Wir haben es so schön unverbaut und sauber. Hier ist ja nichts. Zwei Häuser links, zwei Häuser rechts. Das war’s.“

Nach Niedernach zur Waldschänke samt SUP-Station gelangt man nur über eine schmale, mautpflichtige Straße. Sie zweigt hier vom See ab und führt weiter nach Jachenau, der kleinsten Gemeinde Bayerns, in der sich 842 Einwohner auf eine beachtliche Fläche von 128 km2 verteilen. Es gibt zahlreiche Bike-Runden hinüber, aber wir fahren direttissimo mit nur wenigen Höhenmetern durch den Wald.

Vor atemberaubenden Bergpanorama auf den SUPs.
Foto: Anton Brey
Die richtige Balance: Nachdem wir uns beim Biken die Beine vertreten haben, wird der Oberkörper beim Stand Up Paddling trainiert.

An Idylle mangelt es den Jachenauern so wenig wie an Platz. Wir rollen durch den Bilderbuchort mit seinem beschaulichen wie überschaubaren Kern und in einer Schleife wieder hinaus in die Landschaft. Rechter Hand liegt der Rabenkopf mitsamt der Staffelalm. Der Maler Franz Marc, einer der bedeutendsten Expressionisten Deutschlands, war häufig auf der Hütte, hat dort gemalt und in der Hütte selbst zwei Wandmotive hinterlassen.

Wir fahren jedoch nicht hinauf, sondern zurück zum blauen See und landen am autofreien und menschenarmen Sachenbacher Ufer. „Das ist doch ein einziges Postkartenmotiv, oder?“ Wir nicken stumm. Keine Frage, Holger, das ist es. Und keine Frage: Hier packen wir jetzt unsere Badesachen aus.

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