Sicherheitscheck

Unfallursachen beim Wandern

5. September 2018
von Riki Daurer

Wie entstehen Unfälle und wie kann man diese in Zukunft vermeiden? Auf Basis der Unfallzahlen des Österreichischen Kuratoriums für alpine Sicherheit aus dem Jahr 2017 dürfen wir euch die häufigsten Unfallursachen beim Wandern vorstellen und daraus Handlungsempfehlungen im Sinne einer Unfallprävention ableiten. Susanna Mitterer und Riki Daurer klären auf.

Wanderunfälle passieren häufiger als gedacht. Wie lassen sie sich vermeiden?
Foto: Lucas Clara, unslpash.com
Wanderunfälle passieren häufiger als gedacht. Wie lassen sie sich vermeiden?

Was bedeutet „Wandern“?

Wandern ist mit mehreren Millionen Ausübenden eine der beliebtesten Sportarten in Österreich. Die entsprechenden Unfallzahlen werden in Österreich von der Alpinpolizei erhoben. Dabei fallen unter den Begriff „Wandern“ nicht nur moderate „Spaziergänge“ in alpiner Umgebung, sondern alles aus der Kategorie „Wandern und Bergsteigen“, das nicht explizit den Bereichen Hochtouren, Klettersteigen und Klettern zugeordnet werden kann.

Weiters ist zu berücksichtigen, dass jeder als Wanderer bezeichnet wird, egal wie oft er diese Sportart nun ausführt: das bedeutet unabhängig davon, ob einmal im Urlaub oder mehrmals jährlich gewandert wird. Der oft zitierte Wander-Boom ist somit differenzierter zu betrachten, wie der deutsche Wissenschaftler und „Wanderpapst“ Rainer Brämer in seiner Forschung belegt. So gibt es zwar immer mehr Menschen, die wandern, aber immer weniger, die dieser Betätigung regelmäßig nachgehen.

Gesamtzahlen

Statistisch betrachtet liegt die Gesamtzahl aller verletzten, unverletzten und tödlich verunglückten Wanderer in Österreich für den Zeitraum vom 1.11.2016 bis 31.10.2017. bei 2.020. Dabei handelt es sich um 804 unverletzte, 1109 verletzte und 107 tödlich verunglückte Wanderer. Die Gesamtzahl aller Unfälle laut Alpinpolizei ergibt jedoch 1.593, da ein Unfall meist mehr als nur eine Person beinhaltet. 

Mehr als die Hälfte aller Wanderer, die einen Notruf absetzen haben sich verirrt oder verstiegen.
Foto: mauritius images / Zoonar GmbH / Alamy
Mehr als die Hälfte aller Wanderer, die einen Notruf absetzen haben sich verirrt oder verstiegen.

Haupttodesursache beim Wandern: Interner Notfall/ Herzinfarkt

Die häufigste Todesursache beim Wandern (39% im Beobachtungszeitraum) sind interne Notfälle, die in den häufigsten Fällen auf einen Herzinfarkt zurückzuführen sind. An zweiter Stelle folgen tödliche Verletzungen aufgrund eines Sturzes, von Stolpern und Ausrutschen (27%), gefolgt von tödlichen Abstürzen im Steilgelände (20%). Der Rest verteilt sich auf die Folgen von Verirren, Versteigen, Erschöpfung, Steinschlag, Lawinen oder einer Erkrankung.

Daraus ergeben sich folgende Konsequenzen:

  • Bei bekannten Erkrankungen ist vor dem Wanderurlaub unbedingt ein Arzt zu konsultieren
  • Den Körper nicht überfordern (wenn notwendig die Vitalwerte mittels Pulsuhr oder ähnlichem überwachen)
  • Überanstrengungen vermeiden, indem
    • regelmäßige Pausen mit ausreichender Flüssigkeitzufuhr gemacht werden
  • Länge und Dauer der Tour nach eigener Kondition und Tagesverfassung auswählen
  • rechtzeitig aufbrechen bzw. Hitze im Sommer beachten und sich entsprechend schützen
  • bei den ersten Anzeichen von zu hoher Belastung stoppen und eventuell umkehren

Hauptursache für Verletzungen beim Wandern: Sturz, Stolpern & Ausgleiten

Im langjährigen Mittel sind die Hauptursachen für Unfälle und Verletzungen (insgesamt 77 %) auf Wandertouren der Sturz, das Stolpern oder das Ausrutschen. Gründe dafür finden sich aufgrund mangelnder körperlicher bzw. sportmotorischer Fähigkeiten, wie mangelhafte Konzentration, Ermüdung, Selbstüberschätzung und Überforderung. Ein auffallender Aspekt ist außerdem, dass die meisten Verletzungen beim Abstieg und nicht im Zuge des Aufstiegs passieren. Rund die Hälfte aller Wanderunfälle sind auf den Abstieg zurückzuführen: bei den Verletzen beträgt die Zahl sogar 75%, bei Todesfällen 53%. 

Notfall am Berg
Foto: Bergwelten
Notfall am Berg

Die Wanderung ist am Gipfel noch nicht vorbei!

Auch wenn durch den üblichen Gipfelgruß für viele Menschen die Wanderung im Kopf bereits abgeschlossen ist, darf der Abstieg keinesfalls unterschätzt werden. Die Unfallzahlen belegen, dass es wichtig ist, für den Abstieg noch ausreichende Kraft- und Konzentrationsreserven zu haben. Hinzu kommt, dass sich viele Unerfahrene denken, dass ein Abstieg von einem Berg weniger anstrengend sei, als der Aufstieg. Dies mag vielleicht sogar stimmen, doch ist der Abstieg nicht nur laut Statistik bei weitem gefährlicher.

Daraus ergeben sich folgende Konsequenzen:

  • Gewissenhafte, vollständige Tourenplanung mit realistischer Zeitberechnung und kritischer Selbsteinschätzung
  • Auswahl des technisches Anspruches (SAC-Skala) nach eigenem Können
  • Auswahl der Dauer, Länge und Höhe der Tour nach eigenem Können
  • Planen von Alternativtouren, damit entsprechend der Tagesverfassung und den Verhältnissen reagiert werden kann
  • Eventuell auch sportmotorische und konditionelle Vorbereitung auf die Tour
  • Zweckmäßige  bzw. der Tour angepasste und vollständige Bergausrüstung
  • Grundkenntnisse der alpinen Gefahren

Hauptgrund für Absetzen des alpinen Notrufs von Unverletzten: Verirren und Versteigen

Im Beobachtungszeitraum haben 804 Personen über den alpinen Notruf Hilfe angefordert und wurden unverletzt geborgen. Mehr als die Hälfte davon haben den Notruf ausgelöst, weil sie sich verirrt oder verstiegen haben (15% aufgrund von Erschöpfung). Warum ist dieser Umstand so interessant? Weil – bei richtiger Tourenplanung und/ oder entsprechendem Verhalten (rechtzeitiger Umkehr) – ein Großteil dieser Bergungen vermeidbar gewesen wäre.

Daraus ergeben sich folgende Konsequenzen:

  • Auswahl der passenden Tour in Bezug auf technisches Können, Dauer, Länge, etc.
  • aktuelle Wetterinformationen beachten
  • Orientierungsvermögen abschätzen
  • Vollständige und konkrete Tourenplanung
  • Tourenbeschreibung in Textform durchgehen und wichtige Checkpoints schaffen
  • Tour auf einer analogen Karte inspizieren und wichtige Checkpoints markieren
  • digitale Karte bzw. Track offline auf das Smartphone laden und bei Unsicherheit Standort checken
  • Zeit-Weg-Diagramm berechnen – wann sollte ich wo sein?
  • Daneben analoges Karten- und Führermaterial (kann auch ein Ausdruck der Online-Daten sein) mitnehmen.

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