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Beeindruckte Felslandschaften am Weg zum Gipfel
Foto: Elias Holzknecht
Klettern

Klettern am Wilden Kaiser

• 10. September 2021

Der Wilde Kaiser in Tirol ist weder besonders hoch noch besonders groß. Aber in kaum einem Fels wurde ähnlich viel Klettergeschichte geschrieben. Eine Spurensuche am Seil mit den lokalen Legenden.

Simon Schöpf für das Bergweltenmagazin August/September 2019

Während des Kletterns hat Peter Brandstätter noch genügend Luft zum Singen. Vergnügt klingt Strophe um Strophe aus der dritten Seillänge des Schneiderwegs am Totenkirchl, saftig gewürzt mit kernigem Kitzbüheler Dialekt. Mit jedem Reim arbeitet sich Peter einen Griff weiter die senkrechte Kalkwand nach oben, nimmt gute Rastpunkte zum Anlass, wichtige Passagen noch einmal mit besonderer Inbrunst zu verlauten.

„I bin a Kraxler, steig auffi am Koasa, ja weil mi dös gar aso gfreit. Bin allweil vergniagt und wohl zfriedn auf da Welt, weil i denk ma, es geht wohl no a Zeit.“

Der „Koasa“, den der Peter so fröhlich besingt, das ist der Wilde Kaiser in Tirol. Und im Koasa, da ist der Peter nicht nur daheim, sondern eine etablierte Legende. Mit seinen schlaksigen Einsfünfundneunzig, den blitzblauen Augen und dem weißen Rauschebart hat er zwar die Anmut eines Literaturdozenten, in Wahrheit ist er aber emeritierter Professor der Kaiserlogie, der Wissenschaft des fundierten Kaiser-Kletterns. 

Der Bergführer in der Wand
Foto: Elias Holzknecht
Andy Schonner in seiner selbst gebohrten „Wirtskante“ an der Vorderen Karlspitze.
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Wenn man mit dem Bergführer aus dem nahen Kitzbühel am Weg ist, dann dauert der Zustieg gern ein paar Minuten länger, weil er hier zu jeder Route und zu jedem Stein eine lebendige  Geschichte kennt. „Schau rüber, die Seilschaft da hängt im Kraftkamin, den san s’ schon vor 133 Jahren geklettert.“

Das Kaisergebirge zwischen Kufstein und Sankt Johann ist zwar weder besonders hoch – die Ellmauer Halt als höchster Gipfel schafft es auf 2.344 Meter – noch besonders groß, dafür aber markant. Weltweit gibt es kaum ein Stück Fels, an dem ähnlich viel Klettergeschichte geschrieben wurde. Dülfer, Buhl, Piaz, alle paar Meter hat ein anderer Gigant der Alpinhistorie seinen Namen mit einer bedeutenden Erstbegehung verewigt.

„Primär wegen der Qualität des Kalkgesteins mit seinen vielen Rissen, die man zur Absicherung verwenden konnte, san s’ da hergepilgert“, weiß Professor Peter. „Bohrhaken gab’s damals ja noch lange keine. Und die leichte Erreichbarkeit war natürlich auch ein wichtiger Faktor.“

Das Kaisergebirge liegt genau zwischen den Kletterhochburgen Innsbruck und München, in einer guten Stunde war man mit dem Zug aus beiden Städten angereist, kein Gebiet in den nördlichen Kalkalpen war zugänglicher. Getüftelt wurde hier vom ersten schönen Frühlingstag bis spät in den Herbst hinein, das Laboratorium der Wahl war die Steinerne Rinne, das Herz des Kaisergebirges.

Mächtige Felsblöcke erwarten die Kletterer am Wilden Kaiser
Foto: Elias Holzknecht
Links der Predigtstuhl, rechts die Fleischbank und mittendrin die Steinerne Rinne. Für Kletterer ist das große U das Herzstück des Wilden Kaisers.

Die schwierigste Wand der Alpen

Als ob die Natur hier nicht schon genug spektakulär wäre. Von unten eingesehen schaut die Steinerne Rinne aus wie ein überdimensionales „U“ der Schriftart Comic Sans – links und rechts ein wenig abgerundet, üppiger Bauch. Rechts zieht die Fleischbank-Ostwand ewig in den Himmel empor, sie galt lange als die schwierigste Wand der Alpen, links die Predigtstuhl-Westwand.

Auf beiden Seiten wurden die Grenzen des in der Vertikalen Menschenmöglichen verschoben und Geschichte geschrieben. Dülfer, Buhl, Piaz, alle paar Meter hat ein Gigant der Alpinhistorie seinen Namen mit einer Erstbegehung verewigt. Wie die revolutionären „Pumprisse“ der Seilschaft Reinhard Karl und Helmut Kiene, die 1977 zum ersten Mal überhaupt den glatten 7. Grad für sich beanspruchten und die sechsteilige Schwierigkeitsskala nach oben hin erweiterten.

Oder die High-End-Kreation des Spitzenkletterers Stefan Glowacz am Fleischbankpfeiler – „Des Kaisers neue Kleider“ im Schwierigkeitsgrad 10+, damals die schwierigste Alpinroute weltweit. Auch in den Klettergärten wurden die Limits hart gepusht: Alex Huber kletterte mit „Open Air“ am Schleierwasserfall als vermutlich erster Kletterer überhaupt eine Route im Schwierigkeitsgrad 11+.

Wenn die Steinerne Rinne das Laboratorium ist, dann ist das Stripsenjochhaus die Bar, in der man nach Feierabend ein Bier trinkt. „Die Strips“, wie die Hütte auf 1.577 Metern von den Einheimischen liebevoll genannt wird, war seit jeher der wichtigste Kletterstützpunkt im Wilden Kaiser.

Und mit nur einem Blick von der Terrasse wird schnell klar, warum: Von hier sind die Totenkirchl-Nordwand und die Predigtstuhl-Westwand schon zum Greifen nah. Wer vom Stripsenjoch die Steinerne Rinne durchwandert, kommt oben am Ellmauer Tor wieder raus.

Der Blick öffnet sich über das Tiroler Unterland – man ist auf der Südseite des Wilden Kaisers angekommen. Einem unerschöpflichen Revier, das eine ganz eigene Entwicklung genommen hat. Andy Schonner verkörpert hier die Evolution des Kletterns. Der Bergführer aus Ellmau – schnittige Frisur, eisblaue Augen – ist in den Felsen oberhalb seines Heimatdorfes groß geworden: „Den Jubiläumssteig bin ich mit vier Jahren das erste Mal gegangen.“

Mit acht folgten die ersten Klettertouren mit dem Vater, mit 20 die erfolgreiche Bergführer-Aufnahmeprüfung.„Früher mussten die Touren immer auf einen Gipfel führen“, erzählt Andy. Mit dem Einzug der Bohrhaken hat sich der Zugang zum Klettern aber geändert. Es ging nicht mehr um die Gipfel. Man kletterte, weil es Spaß machte.

Das Stripsenjochhaus in der Abendsonne
Foto: Elias Holzknecht
In bester Lage bietet das Stripsenjochhaus die ganz große Bühne für spektakuläre Tiefblicke ins Tiroler Unterland.

Auf der Wirtskante 

Diese neue Denkweise verkörpert auch Andy. Als er bei einer Führungstour vor gut zehn Jahren neues Gelände erkundete, schaute er zu den Wänden der Vorderen Karlspitze und dachte: Warum geht da drüben noch keine Klettertour rauf? Der Fels bombenfest, die Landschaft grandios, der Zustieg kurz. 

„Dann hab ich die Wirtsleut’ von der Gaudeamushütte g’fragt, ob sie mir die Bohrhaken sponsern wollen, und zack! – ham sie mir einen Hunderter auf den Tisch gelegt!“ Nach zwei Tagen Schwerarbeit war die Route fertig, der logische Name: Wirtskante. „Das hat den Martin und die Anni, die damaligen Wirtsleut’ da heroben, doch sehr gefreut.“

Seit ihrer Eröffnung ist die Wirtskante an der Südseite des Wilden Kaisers zu einem modernen Klassiker avanciert – der Schwierigkeitsgrad 6+ ist für viele machbar, die Absicherung gut und die Tour nicht nur den Elite-Alpinisten vorbehalten. „Das ist das Schönste am Koasa: Für jeden Anspruch ist was dabei“, schwärmt Andy.

Als Beweis für seine Aussage steigt er in die Tour ein – mit seiner Frau Andrea am anderen Seilende, für sie ist es die erste längere Tour nach der Babypause. Der Fels ist immer griffig mit seinen rauen Wasserrillen und großen Henkeln. „Andrea & Andy Schonner“ schreibt Andy in das Wandbuch, ein kleines Herzchen daneben. 

Die Arbeit hat sich gelohnt – und der Kaiser regiert weiter die Kletterergenerationen. Ob wild oder zahm, kann hier jeder selbst entscheiden. 

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