kirgistan kajak
Foto: Kristof Stursa
Reise

Kirgistan: Wildwasserpaddeln im Angesicht Gottes

Reise • 3. Juni 2019

In den Staaten der ehemaligen Sowjetunion ticken die Uhren etwas anders. Kirgistan (oder Kirgisistan) mag nicht das Traumziel von All-inclusive-Urlaubern sein – doch eine Handvoll waghalsiger Kajakfahrer hat dort ihr Paradies gefunden.

Text und Fotos: Kirstof Stursa

26. August: Ankunft in Bishkek, Kirgistan

Adrian Kiernan und Sam Grafton warten am Flughafen auf mich. Ihr Flieger von Seattle war um zwei Stunden früher gelandet als meiner. Der Rest der Truppe - Evan Moore, Jordy Searle, Jakub Sedivy und Ari Walker - wird in den nächsten Tagen eintrudeln. Währenddessen machen wir die lokalen Bars und Restaurants der Hauptstadt unsicher und entdecken, dass Bishkek diesbezüglich einiges zu bieten hat. Aber auch auch die sowjetischen Plätze und ihre Prachtbauten können sich mehr als sehen lassen. Jordys Kayak, dass irgendwo in Istanbul verloren ging, wollte selbst am dritten Tag nicht auftauchen und so beschließen wir uns zu trennen. 

Ruhetag am Son-Kul See
Foto: Kristof Stursa
Ruhetag am Son- Kul See

Zu viert machen wir uns auf den Weg Richtung Kekemeren, den ersten von vielen Flüssen auf unserer Agenda. Jordy verweilt noch in Bishkek, empfängt die restlichen Teammitglieder und versucht weiterhin Ersatzmaterial aufzutreiben. Am Kekemeren im Süden des Landes erwartet uns glasklares, fast schon warmes Wasser. Der logistische Aufwand hält sich in Grenzen und wir beschließen kurzerhand den anspruchsvollsten Abschnitt mehrere Male hintereinander zu paddeln.

Eineinhalb Tage später treffen Ari, Jakub und Jordy ein. Ari konnte für Jordy ein Boot auftreiben und Jakub hatte Helm und Schwimmweste seiner Freundin für ihn geliehen. Es folgte ein letzter gemeinsamer Run am Kekemeren, um sich aufeinander einzustellen. Wir waren zwar alle schon irgendwo mit irgendwem gemeinsam am Fluss unterwegs, doch noch nie in solch einer großen Gruppe. Für den weiteren Verlauf der Reise sollte sich noch herausstellen, wie wichtig es ist, ein eingespieltes Team zu sein.

Adrian am Rückweg vor sagenhafter Kulisse
Foto: Kristof Stursa
Adrian am Rückweg vor sagenhafter Kulisse

Am nächsten Tag geht es Richtung Osten, wir wollen den Großen Naryn befahren – einen der wasserreichsten und längsten Flüsse Kirgistans. Mit reichlich Essen und lokal gebranntem Wodka ausgestattet wagen wir uns voller Vorfreude an den ersten Abschnitt. Da dieser jedoch nicht innerhalb von einem Tag zu befahren ist, werden Schlafsäcke, Isomatten und Proviant wasserdicht im Boot verstaut – jetzt kann das Abenteuer beginnen. Nach zwei Tagen die einen Sturm, eine mehrere hundert Meter tiefe Schlucht, anspruchsvolles Wildwasser und eine feuchtfröhliche Nacht beinhalten, kommen wir glücklich und zufrieden am Ausstieg an. Viel Zeit zur Erholung gibt es allerdings nicht, unser weiteres Programm ist dicht gedrängt.

Die Hausherrin eines Yurtcamps.

Zum Frühstück steht dann der jüngere Bruder des Flusses, der Kleine Naryn am Speiseplan. Serviert mit einer ordentlichen Portion Gletscherwasser, die sich durch unzählige kleine Minischluchten presst, lässt er das Herz eines jeden Wildwassergourmets höherschlagen. Am Abend tischen uns Dima und Ivan Lammspieße auf, die unter lautstarkem Geschmatze sofort in unseren hungrigen Mägen verschwinden. Unsere beiden kirgisischen Weggefährten, die ursprünglich nur die Rolle der Fahrer und Guides übernehmen sollten, wachsen uns trotz großer Sprachbarrieren von Tag zu Tag mehr ans Herz.

Jordy wärmt sich für den Sary-Jaz auf
Foto: Kristof Stursa
Jordy wärmt sich für den Sary-Jaz auf

Am darauffolgenden Morgen befahren wir noch einen weiteren Abschnitt des Naryn. Es sollte der letzte „einfache“ Fluss auf unserer Liste sein, bevor wir uns dem Sary-Jaz, dem eigentlichen Grund für unsere Kirgistan-Reise, widmen. Über einen äußerst selten befahrenen, 4.000 m hohen Bergpass, bei dem Dima und Ivan ihre Offroad Fähigkeiten unter Beweiß stellen, steuern wir auf den Yssk Kul See, den zweitgrößten Gebirgssee der Welt, zu. Im nahegelegenen Karakol stockten wir unsere Vorräte auf – Proviant für die nächsten 10 Tage am Fluss.

Sam mit Blick auf den Son-Kul.
Foto: Kristof Stursa
Sam mit Blick auf den Son-Kul.

Der Sary-Jaz, der dem Engilchekgletscher unterhalb von 7000 m hohen Berge entspringt, ist kein Fluss, den man einfach im Vorbeigehen mitnimmt. Sofern man in einem Stück wieder zurückkommen möchte, sollte einerseits der Zeitpunkt für die Befahrung klug gewählt werden: zu früh im Jahr läuft man Gefahr von der jährlichen Flutwelle und zu spät von Lawinen auf den Bergpässen erwischt zu werden kann. Darüber hinaus verläuft der Fluss an der Grenze zu China und die Behörde vergibt keine Permits zur Befahrung. Ergo, sollte man, um ein Zusammentreffen mit der hiesigen Grenzarmee zu vermeiden, den Fluss noch auf kirgisischer Seite verlassen und den dreieinhalb Tage langen Rückweg über mehrere 3.500 m hohe Bergpässe per pedes antreten. Alles in allem, genügend Stoff für ein solides Abenteuer.

Arian überquert die starke Strömung mit Hilfe der von uns installierten Seilrutsche.
Foto: Kristof Stursa
Arian überquert die starke Strömung mit Hilfe der von uns installierten Seilrutsche.

Mit einer Mischung aus Neugierde und Nervosität lassen wir am nächsten Morgen unsere Boote ins Wasser. Acht Tage später sind wir wieder an Land und alle in einem Stück. Unsere Sorgen waren glücklicherweise unbegründet. Abgesehen von einem unfreiwilligen Rasttag, da Adrian sich nicht wohl fühlte, sowie einem Schneesturm der uns beim Aufstieg über den ersten Pass zurück überraschte, traten keinerlei Komplikationen auf. Der Rückmarsch gestaltete sich jedoch selektiver als gedacht: zu Beginn über brüchige Felsgrate und vernachlässigte Versorgungswege der sowjetischen Armee. Dann per selbst installierter Seilrutsche über den teils 100 m breiten reißenden Strom. Schließlich arbeiten wir uns durch mehrere Engstellen einen Canyon entlang bis zu einem Plateuau hoch. Es war aber jede Mühe wert, denn wer den Sary-Jaz hier befährt kommt in den Genuss eines einzigartigen Naturschauspiels: die Eyes of God. Eine Felsformation, die an ein Gesicht erinnert, aus dessen Augen das tosende Wasser wie in Tränen strömt. Ein Anblick, den wir wohl nie vergessen werden.

Der Sary-Jaz

Es mag plakativ klingen, aber Kirgisistan ist ein Land der Offenheit und Zuversicht. Ein Land, in dem Gastfreundschaft noch gelebt wird, wo Fremde mit offenen Armen empfangen werden und jedem Menschen eine hilfreiche Hand gereicht wird, egal welcher Nation oder Religion. Während Kajakfahren noch in den Kindesschuhen steckt, das Potential aber schier unerschöpflich scheint, kann dem Land und seinen Menschen durch Tourismus geholfen werden. Wer eine gigantische Spielwiese für Trekking, Mountainbiken, Kajak fahren oder Alpinismus sucht wird mit Kirgistan eine gute Wahl treffen. Dies lässt sich perfekt verbinden mit ein paar ruhigen Tagen am Yssyk- Kul See, der eine Art sowietische Riviera darstellt. Kulturell kommt man ebenfalls voll auf seine Kosten. In der Hauptstadt verschmelzen jahrhundertelange muslimische Tradition mit dem bombastischen Baustil der UDSSR, sie beinhaltet sehenswerte Museen und gewaltige Plätze.

Die letzte kalte Nacht vor der Rückkehr in die Zivilisation
Foto: Kristof Stursa
Die letzte kalte Nacht vor der Rückkehr in die Zivilisation

Infos und Adressen: Kirgistan, Zentralasien

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Foto: bergwelten.com
Kirgistan im Überblick

Ankommen:

Mit Kajaks am besten mit Turkish Airlines von Wien über Instanbul – Frühbucher ab 150 Euro nach Bishkek.

Für das Boot werden im Normalfall 90 Euro extra verrechnet (wie bei den meisten internationalen Flügen mit Turkish Airlines).

Anbieter für Kajaktrips:

Two Blades Adventures  – auch über Facebook gut erreichbar!

Unterkünfte:

Falls man mit Two Blades unterwegs ist, werden alle Unterkünfte organisiert, sonst wird an den Flüssen meist unter freiem Himmel campiert – also Zelt mitnehmen. In größeren Orten wird in Hotels geschlafen, die alle preiswert sind. In Bishkek selbst einfach ein Appartement mieten.

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