16.000 Touren,  1.700 Hütten  und täglich Neues aus den Bergen
Ein Radfahrer auf dem Weg zum Tal.
Foto: Sam Strauss
Radfahren

Gravelbiken in Tirol

• 14. Oktober 2021

In der Stadt zur Arbeit, im Flachland auf großer Tour oder in den Bergen Höhenmeter spulen: Mit Gravelbikes geht angeblich alles. Wir testen sie auf den Schotterwegen der Kitzbüheler Alpen.

Katharina Lehner für das Bergweltenmagazin Oktober/November 2020

Mit dem Gravelbike durch den Gebirgsbach.
Foto: Sam Strauss
„Gib Gas, damit es richtig spritzt“, ruft Bike-Guide Tracy Anderson (vorn). Er ist begeistert von den Forstwegen rund um das Salzburger Mittersill – hier etwa auf dem Weg zur Resterhöhe.
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Sanfte Pfade durch Wälder und über Wurzeln. Schmale Gratwege, mit Stahlseilen versichert. Die asphaltierte Passstraße mit der spektakulären Aussicht. Das bedeutet: Wanderfreude. Kletterfreude. Fahrfreude. Aber die Forststraße? Langeweile. Und endlose Hatschereien. Im Beliebtheitsranking der Wege liegt sie ziemlich sicher auf einem der hinteren Plätze.

Ein US-Amerikaner sieht das ganz anders: „Schau, da drüben geht ein Forstweg rauf und dort auch – Gravel Paradise!“, ruft Tracy Anderson, grinst und deutet mit seinem Arm in die Berglandschaft der Kitzbüheler Alpen. Der Bike-Guide, der ursprünglich aus St.Louis im Bundesstaat Missouri stammt, hat die Begeisterung fürs Gravelbiken mit nach Österreich gebracht. Und er versucht nun, sie rund um den Salzburger Ort Mittersill Touristinnen und Touristen, aber vor allem den Einheimischen näherzubringen. In den USA hat sich das Gravelbike längst zum Kultobjekt entwickelt.

Vielleicht deshalb, weil es eine Welt geschaffen hat, die zwischen Mountainbike und Rennrad liegt – es fährt sich schnell auf der Straße und fetzt trotzdem stabil über alle anderen Untergründe. Allen voran natürlich über Schotter – dem namengebenden „Gravel“. Und auch in den Alpen kommt das Querfeldeinrad langsam an: Immer öfter sieht man Rennradlenker in Kombination mit breiten Reifen. Es ist für Leute, die alles von ihrem Rad verlangen: in der Stadt zur Arbeit fahren, eine Mehrtagestour im Flachland machen oder Höhenmeter in den Bergen spulen. Wir sind mit unseren Rädern aus der Stadt angereist.

In Wien wurde die Einsatztauglichkeit schon zur Genüge getestet: 300 Höhenmeter über Asphalt auf den Kahlenberg hinaufstrampeln – läuft. 100 Kilometer von der Haustür bis zum Neusiedler See fahren – läuft. An der Donau entlang über Schotter- und Sandstrecken treten – läuft auch. Nun ist alpines Gelände an der Reihe. Genauer: die Berge rund um Mittersill – dort, wo Tracy gerade dabei ist, ein Gravel-Netz zu etablieren. Neun Routen mit insgesamt 230 Kilometern und 7.500 Höhenmetern haben er und sein Team bereits beschildert. 

Die Radfahrer in den Kitzbühler Alpen.
Foto: Sam Strauss
Den Schotter unter den Rädern, Mittersill im Tal und die wolkenverhangene Fürleg (Bildmitte) im Blick, geht es mit den Gravelbikes durch die Kitzbüheler Alpen.

Sein Team, das sind Dave McCahill und Quinten Grimm. US-Amerikaner aus dem Bundesstaat New York der eine; der andere ebenfalls aus Übersee, nur noch weiter nördlich, aus Kanada. Sie teilen nicht nur dieselbe Sprache, sondern auch Tracys Vision und seine Begeisterung für die sonst links liegen gelassene Forststraße. Wir starten auf einer der neu beschilderten Routen, der Hörgeralm-Tour. Gemütlich geht es in der sanften Morgensonne durch den Wald hinauf.

Unter uns greift der Gummi der breiten Reifen im Schotter. Ein Blick auf die Räder der Guides zeigt uns aber: Es geht definitiv noch breiter. „Eure Bikes sind eigentlich nicht ganz fürs alpine Terrain gemacht, aber es geht schon“, sagt Tracy. Natürlich muss es gehen, denkt man bei sich und ruft sich vage Erinnerungen von Leuten ins Gedächtnis, die mit allen möglichen zweirädrigen Kraxen die Alpen überquert haben.

Und obwohl einem dazu auf die Schnelle keine Details einfallen (Was waren das genau für Räder? Wann war das? Und wer?), fühlt man sich bestätigt. Alles geht mit diesen Rädern, deshalb hat man sie ja. Die neidvollen Blicke auf die tiefen Profile, die während des Fahrens höhenverstellbaren Sitze und die Mountainbike-Übersetzung der Schaltung bleiben trotzdem. 

Die Kitzbühler Alpen bieten traumhafte Landschaften und angenehme Strecken für Gravelbiker.

Von der anderen Seite werden wir prüfend angeschaut: „Gleich am Beginn zur Fahrtechnik: Schaltet beim Bergauffahren auf den kleinsten Gang – das Treten soll so leicht gehen wie möglich. Die Ausdauer ist nach einer kurzen Pause wieder da. Wenn der Muskel müde ist, dann ist er müde.“ Vermutlich ist Tracys Tipp der beste, den man zu Beginn einer Zweitagestour bekommen kann.

600 Höhenmeter kurbeln wir uns also mit minimalem Widerstand bergwärts. Zugegeben: Ganz unverschwitzt kommen wir nicht an auf der Hörgeralm. Kurz in die Sonne setzen, ins Käsebrot beißen und die Aussicht bestaunen. Dann geht es rasch weiter, denn Dave hat einen dringenden Kaffeewunsch und Tracy noch einiges vor: „Siehst du unsere Unterkunft?“, fragt er und zeigt auf den Berghang gegenüber. Auf der anderen Talseite erkennen wir eine Hütte: die Resterhöhe.

Die Männer schwärmen so von diesem Ort, dass die noch einmal zu überwindenden 600 Höhenmeter nur im Nebensatz Platz finden.

Die Gravelbiker machen sich bereit für den nächsten Ausflug.
Foto: Sam Strauss
Am nächsten Morgen werden die Packtaschen wieder an den Rahmen befestigt, und weiter geht es.

Wellness in der Höhe

Und tatsächlich: Spätestens nachdem man den ersten Radler auf der Hüttenterrasse getrunken und einen Apfelstrudel gegessen hat, verblasst die Erinnerung andie Steigung und den Schweiß und den schnellen Atem. Es bleibt das Gefühl, den Rädern wieder eine neue Dimension abgerungen zu haben: Ins alpine Gelände mit den Gravelbikes – läuft also auch.

Sobald die Sonne untergegangen ist, wird es kühl auf der Resterhöhe. Gut, dass Hüttenwirtin Manuela schon Feuer gemacht hat. Drinnen im Kamin der Stube und draußen, um das Wasser für die Holzfass-Badewannen zu heizen. Nach einem Bad mit Bergblick – natürlich keinesfalls zu Wellness-Zwecken, sondern aus rein sportlichen Gründen zur Muskelentspannung – kredenzt Pächter Julian Siebach Speisen, die den Augen und dem Gaumen gefallen.

Es ist die erste Sommersaison für ihn, und er hat beschlossen, selbst in der Küche zu stehen: „Ich habe immer schon gerne gekocht, aber die ‚Fließbandarbeit‘, die man für die Gastronomie braucht, habe ich von einem Freund gelernt“, erzählt der umtriebige Unternehmer, der bis vor kurzem auch eine Hütte auf der berühmten Streif in Kitzbühel geführt hat. 

Die Gravelbiker unterwegs in der Berglandschaft.
Foto: Sam Strauss
Von der Hörgeralm (ganz rechts) geht es noch einmal hinunter und auf der anderen Talseite hinauf zur Resterhöhe.

Manuela hingegen ist Wirtin aus Zufall: Eigentlich hat sie bei Julian im Büro gearbeitet, doch als im Winter Not an der Frau war, zog sie spontan auf die Hütte, blieb und ist jetzt als Resterhöhe-Wirtin bekannt. Was die beiden mit den Gravel-Guides und Gravelbikes verbindet: Auch sie sind irgendwie Importe – beide leben in Bayern und pendeln nach Salzburg.

Auch wir haben für den nächsten Morgen Grenzüberschreitungen geplant. Nachdem die Packtaschen wieder an den Lenkern und Sätteln festgezurrt sind, geht es kurz nach Tirol hinüber, dann zurück nach Salzburg und hinein ins Mühlbachtal, in stetem Bergauf und Bergab. Gerade wenn man denkt, jetzt hat man sich genug abgestrampelt, ist die nächste Kuppe erreicht, und vor einem liegt eine Schotterabfahrt. Die Stadtradlermuskeln haben sich den gestrigen Tag jedoch gemerkt und sind bergauf etwas weniger leistungsstark.

Bleibt nur, sich ablenken zu lassen. Von Gesprächen mit den Mitradlern, vom gurgelnden Bach neben dem Weg, vom Blick auf den Großen Rettenstein und von der Aussicht auf Kaffee und Kuchen auf der Baumgartenalm. Wenige Höhenmeter noch bis zum Start der finalen Abfahrt: Die Beine haben nun gänzlich Pause, nur die Muskeln in den Fingern arbeiten: Ganze 1.400 Höhenmeter sausen wir ins Tal hinunter. Erst über die liebgewonnenen Forstwege, dann über glatten Asphalt.

Die Bremsscheiben glühen. Genauso wie die Begeisterung für die Sportgeräte aus Übersee.

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