16.100 Touren,  1.700 Hütten  und täglich neues aus den Bergen
Unverspurte, kupierte Hänge laden zum Freeriden ein
Foto: Sam Strauss
Freeriden in Salzburg

Freeriden in Saalbach-Hinterglemm

• 13. September 2021

Schnee, guter Schnee kann glücklich machen, dieser frische, trockene Pulver, in den man eintaucht bis zu den Ohren. Wir haben ihn rund um Saalbach-Hinterglemm gesucht und gefunden.

Robert Maruna für das Bergweltenmagazin Dezember/Jänner 2019

„Solche Affen“, sagt Luca und schüttelt den Kopf. Gemeint sind zwei Snowboarder. Geradewegs sind sie an ihm vorbeigeschossen und haben die noch unverspurte Waldschneise vor ihm zerpflügt hinterlassen. Jetzt heißt es ein neues Fotomotiv suchen.

„Easy, Luca, queren wir rüber, da ist noch alles unverspurt!“, ruft der Fotograf hinauf. Luca nickt, öffnet die Schnallen der Skischuhe und wartet. Von der Kälte einmal abgesehen wartet es sich hier ganz gut.

Die Winterlandschaft Saalbach-Hinterglemms präsentiert sich von ihrer besten Seite: glitzernd weiße Gipfelflanken und eingeschneite Baumwipfel, so weit das Auge reicht. Bis zur Hüfte steht Luca im trockenen Pulverschnee, sein Atem bildet kleine Dampfwölkchen – ideale Bedingungen zum Freeriden.

Luca Tribondeau, 23-jähriger Freeskier aus Kärnten, wird vielen Wintersportlern ein Begriff sein. Olympia-Teilnehmer im Slopestyle, ein vierter Platz bei den legendären X-Games in Übersee und der erste Österreicher (und der vierte Mensch weltweit!), der einen Triple Cork 1440 landen konnte.

Einen Triple Cork? Stellen Sie sich vor, Sie brettern mit knapp 90 Sachen auf eine fünf Meter hohe Schanze zu, fliegen 30 Meter weit durch die Luft und machen einen dreifachen Rückwärtssalto mit vierfacher Schraube. Das ist ein Triple Cork 1440. So was macht Luca – oder besser: hat er gemacht.

Die Crew berät auf der Sonnenterrasse über die Route
Foto: Sam Strauss
Clem Bergmann, Luca Tribondeau und der Autor (von links nach rechts) beratschlagen sich über die richtige Route.
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Denn allen Höhenflügen zum Trotz hat er sich vorzeitig aus der Wettkampfszene zurückgezogen. Der Liebe zum Skifahren wegen, zum Freeriden, zum Befahren richtiger Berge. Im Grunde ist Freeriden ja nichts anderes als Skifahren wie früher, ohne Piste, ohne Raupe und ohne Markierung, irgendwo am Berg, wo halt der beste Schnee liegt.

Luca schließt seine Skischuhe. Der Fotograf hat das Zeichen gegeben. Jetzt geht es los, gleich wird er im „Whiteroom“ abtauchen. Freerider lieben Anglizismen zu jeder passenden und weniger passenden Gelegenheit, in diesem Fall könnte aber tatsächlich kaum ein anderes Wort diesen ganz speziellen Zustand besser beschreiben: wenn einem der Schnee links und rechts um die Ohren fliegt, die Sicht im Schneestaub verschwindet und man trotz allem weiterfährt, weil man auf sein Können und Wissen vertraut, weil man genug Erfahrung hat, ein Gefühl fürs Gelände und ein Verständnis für Unvorhersehbares.

Das gehört beim Freeriden nämlich dazu: dass man nicht immer genau sagen kann, was passieren wird. Luca taucht aus der weißen Wolke wieder auf, bleibt stehen und lacht: „So guter Schnee, so fein zu fahren!“ Schnee, guter Schnee kann richtig glücklich machen. Sagten wir das schon?

Die Crew erklimmt die letzten Meter zu Fuß
Foto: Sam Strauss
Von der Bergstation Reckmoos Süd in Fieberbrunn sind es bloß ein paar Schritte zum Gipfel des Rabenköpf.

„Wieso eigentlich ‚Skicircus‘?“, will Luca am Weg zurück zur Gondel wissen. Gute Frage. Der Skicircus Saalbach-Hinterglemm- Leogang-Fieberbrunn, wie die vollständige, wenn auch nicht ganz geschmeidige Bezeichnung der Region lautet, besteht aus zwei Manegen: einer südlich und einer nördlich des Glemmtals.

Erstere haben wir am Vormittag bereits erkundet – das Familienskigebiet Saalbach-Hinterglemm. Dort finden die kleinen Vorstellungen statt, denn westlich des Schattbergs und rund um den Zwölferkogel gleicht das Terrain einem riesigen Spielplatz – wie gemacht für Backcountry-Freestyler.

Überall finden sich kleine und größere Felsen, Windlippen und Geländekuppen, damit man zwischen den Schwüngen ausreichend Zeit in der Luft verbringen kann. Wer aber lieber am Boden bleibt, taucht in die lichten Wälder östlich des Schattbergs ein, in eine der unzähligen Waldschneisen.

In der zweiten Manege – im Tiroler Freeride-Eldorado Fieberbrunn-Leogang – wird hingegen groß aufgespielt: Da gibt es steile Flanken, felsige Rinnen und zackige Gipfel. Und auch wenn die höchste Erhebung nur knapp über der 2.000-Meter-Grenze liegt, kommen angesichts der schroffen Umgebung hochalpine Gefühle auf.

Eindrücke aus dem Skizirkus

Clem Bergmann wartet an der Talstation auf uns. Clem ist Fieberbrunner, Snowboarder der ersten Stunde und kennt den Skicircus zwischen Saalbach und Fieberbrunn wie kaum ein anderer. Zweimal hintereinander hat er den Einzug in die Freeride World Tour nur ganz knapp verpasst.

Heute spielt er für Luca Zirkusdirektor und führt durch die Vorstellung in Fieberbrunn. Clem und Luca gehen es gemütlich an, ziehen erste Spuren auf den Südosthängen des Rabenköpfl. Weites und offenes Gelände, mittlere Steilheit, perfekt zum Warmwerden.

Dann geht’s hinauf zum Gipfelsattel auf der Henne, dort eröffnet sich ein kleines Amphitheater inmitten des Skicircus: Zwischen der Hochhörndlerspitze und dem Hohen Mahdstein breitet sich eine weitläufige „Bowl“ aus, ein Kessel, der alles hat, wovon Freerider nur träumen können.

Clem und Luca spielen die nächsten Stunden Kreiselbetrieb: Sie fahren einzeln ab, treffen einander am Talboden, steigen in den Lift und wiederholen das Ganze. Stundenlang, bis kein frischer Schnee mehr übrig ist. Das kann beim Freeriden schnell passieren: dass man Hunger, Durst und Kälte vergisst.

Pause gibt’s keine, dafür Powder im Übermaß. Irgendwann lässt die Kraft dann doch nach, die Müdigkeit kriecht einem in die Beine. Die Gesichtsfarbe wechselt auf Knallrot, sobald man eine warme Hütte betritt. Das macht aber gar nichts aus, weil guter Schnee so glücklich machen kann – falls wir das noch nicht gesagt haben. Egal ob man Skifahrer, Snowboarder oder doch Freerider ist.

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