16.000 Touren,  1.700 Hütten  und täglich Neues aus den Bergen
Aussicht auf das Fornotal.
Foto: Amadeus Waldner
Hüttenportrait

Die Fornohütte in den Bernina-Alpen

• 30. Oktober 2021

Mitten in den Bernina-Alpen gelegen, ist die Fornohütte das Eintrittstor in eine ebenso gigantische wie vielfältige Skitourenregion. Sie bietet Belohnungen für alle Sinne. Und für die Seele.

Uta de Monte für das Bergweltenmagazin Februar/März 2019 aus der Schweiz

Die letzten 200 Höhenmeter waren knackig: Vom Fornogletscher aus geht es eine Dreiviertelstunde bergauf. Einfach nur steil nach oben. Der Schnee ist zwar griffig, aber auch schwer und feucht, weil den ganzen Tag über die Sonne darauf geschienen hat. Es ist Anfang April, und die Berge beginnen, den Winter langsam abzustreifen. Bis sich der Frühling aber ganz durchsetzen kann, muss er noch bis zu fünf Meter Schneehöhe wegschmelzen – was hier in Graubünden bis Ende Juni dauern kann.

Oben bei der Fornohütte (2.574 m) angekommen, werden wir von Alena empfangen. Die 36-jährige Hüttenwirtin strahlt wie ein Engel über das ganze Gesicht: „Herzlichen Glückwunsch! Ihr habt es geschafft!“, sagt sie und reicht die Hand zum Gruß. „Darf es etwas zu trinken sein?“ Die kühle Schorle ist innert Sekunden gereicht, der Rastplatz auf der Terrassenmauer schnell gefunden. Als sich unser Puls langsam beruhigt hat, steht die Welt plötzlich still. 

Wanderer in einem Eisgwölbe.
Foto: Amadeus Waldner
Imposantes Eisgewölbe: Schneeschuhwanderer laufen staunend durch die riesige Gletscherhöhle, welche direkt unterhalb der Fornohütte liegt.
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Da ist nichts. Kein Geräusch zu hören. Die Augen schweifen langsam von der Gletscherzunge unter mir hinauf auf die kantigen Zacken und spitzen Gipfel der Bündner Dreitausender. Abgeschiedenheit und urlandschaftliche Vollkommenheit offenbaren sich hier im Oberengadin, gute vier Stunden Marschzeit vom Malojapass entfernt. Das Gelände ist hochalpin.

Mit den üblichen Lawinenrisiken im Winter ist zu rechnen – aber vor allem mit wahren Belohnungen für alle Sinne. Und für die Seele. Das Lawinenbulletin hatten wir vorab gut studiert und uns bei Alenas Mann Beat, dem Hüttenwirt, telefonisch über die aktuelle Situation vor Ort erkundigt.
 

Ein Hüttengast macht ein Foto von sich selbst.
Foto: Amadeus Waldner
Sind die Kleider zum Trocknen ausgelegt, bleibt Zeit für ein Selfie.

Große Liebe auf dem Berg

 Der 33-Jährige ist leidenschaftlicher Tourengeher und kennt die Umgebung der Hütte wie seine Westentasche. Er beobachtet das Wetter und die Schneebedingungen sehr genau und ist für seine Gäste eine zuverlässige Informationsquelle: sei es im Vorfeld bei der Planung des Aufstiegs, sei es vor Ort, wenn es darum geht, die passende Anschlusstour, die beste Pulverschneeabfahrt, die schönste Passüberquerung oder die interessanteste Gipfelbesteigung auszuwählen.

Beat bewirtet die SAC-Hütte seit 2013. Alena kam 2014, zunächst als Gehilfin. Die gebürtige Tschechin verliebte sich nicht nur in die Hütte und in die Schweizer Berge, sondern eben auch in Beat. Seit 2015 führt das junge, aufgestellte und mittlerweile verheiratete Paar die Fornohütte gemeinsam – ihr „Baby“, wie sie sie liebevoll nennen. Alena hatte zuvor Ökonomie in Prag studiert und in der Logistik gearbeitet, als sie eine kurze Auszeit in den Alpen ausprobieren wollte und sich für drei Wochen Hüttenarbeit entschloss. Sie war sofort begeistert.

„Klar vermisse ich Prag manchmal“, gesteht die lebenslustige Tschechin, „doch gleichzeitig bin ich sehr dankbar dafür, dass ich die meiste Zeit des Jahres in diesem Paradies hier oben verbringen darf.“ Die zierliche Frau mit den schulterlangen dunklen Haaren und einem ansteckenden Lachen könnte stundenlang aufzählen, warum ihr das Leben im Fornotal so gut gefällt: die Stille, die Luft, die Klarheit, die wilde Natur.

Beat nickt zustimmend: „Ich kann mir nicht vorstellen, die Hütte in naher Zukunft wieder abzugeben.“ 

Die Hütte umgeben von einer Schneelandschaft.
Foto: Amadeus Waldner
Direkt vor der Fornohütte auf 2.574 Metern erstreckt sich der gleichnamige Gletscher.

Der gebürtige Zentralschweizer hatte in Fribourg Germanistik und Philosophie studiert und wechselte vom Campus direkt auf den Berg. Er hatte zuvor Erfahrungen als Hüttengehilfe in der Westschweiz gesammelt und bekam 2013, spontan und auf persönliche Empfehlung seines Vorgängers, die Chance, die Fornohütte zu übernehmen.

Er fackelte nicht lange und brachte neben seinen Kochkünsten und vielen Ideen auch handfeste Tatkraft mit. Seither ist viel passiert: In enger Zusammenarbeit mit der Gemeinde und mit seiner Sektion Rorschach markierte Beat neue Sommerwanderwege und sanierte das bestehende Wegenetz rund um die Hütte. Zudem setzte er sich für eine neue Solaranlage ein, die die Hütte unterdessen fast vollständig mit Strom versorgt.

Die Hüttenwirte posieren auf einer Mauer.
Foto: Amadeus Waldner
Elena und Beat Kühnis führen ihr „Baby“, wie sie die Hütte liebevoll nennen, seit 2015.

Vom Sommer- zum Winterbetrieb

Die Fornohütte war 1889 durch den Alpenforscher Theodor Curtius und den Bergführer Christian Klucker erbaut worden und ging 1920 als Geschenk an den SAC über. In der Absicht, die Hütte als alpines Ausbildungszentrum einzusetzen, erweiterte man sie 1985 um einen Anbau mit Theorieraum. Nach anfänglichem Erfolg fanden aber immer weniger Kurse statt. Beats Idee, den Anbau umzunutzen, stieß beim SAC deshalb auf offene Ohren: Heute befinden sich dort ein moderner Trocknungsraum sowie mehrere einfache, aber gemütliche Doppelzimmer: „So konnten wir den Standard der Hütte aufwerten. Unsere Gäste schätzen das sehr.“

Einst war die Hütte vor allem ein beliebter Stützpunkt für klassischen Sommer-Alpinismus. Doch das gehört längst der Vergangenheit an, denn viele Eis- und Kletterrouten sind wegen des allgemeinen Gletscherrückgangs mühsam oder sogar unpassierbar geworden. Die Hütte legte sich in den letzten Jahren deshalb eine neue Ausrichtung zu: durch den Ausbau der Alpinwanderwege einerseits und den verstärkten Fokus auf die Skitourensaison andererseits.

Die Auswahl an Skitouren ab der Fornohütte ist ebenso gigantisch wie vielfältig. Wir sind mit Schneeschuhen unterwegs – was ebenfalls sehr gut möglich ist – und wollen am nächsten Morgen vor dem Frühstück zum Sonnenaufgang auf den Fornosattel steigen: Die Sella del Forno (2.769 m) hat man nach 45 Minuten leichtem Anstieg erreicht; sie bietet atemberaubende Logenplätze mit Blick auf die italienischen Alpen.

Gäste in der Gaststube.
Foto: Amadeus Waldner
Beim Abendessen werden Pläne für den kommenden Tag gemacht.
Hausgemachtes Brot.
Foto: Amadeus Waldner
Zum Zmorge kommt jeden Tag hausgemachtes Brot auf den Tisch.

Problemlos lässt sich hier bei gutem Wetter ein volles Wochenprogramm an Touren auf die Beine stellen. Viele Gäste bleiben deshalb mehrere Nächte oder kommen immer wieder. Dabei werden sie auch kulinarisch verwöhnt: Wenn der Hüttenwirt den Kochlöffel schwingt, zaubert er beispielsweise ein Menü mit frischer Wirzsuppe, buntem Gemüsereis oder Geschnetzeltem, frischem Salat und feinen Crêpes auf die Holztische.

Dazu werden feine Tropfen aus Graubünden und dem angrenzenden Veltlin gereicht. Von Mitte Februar bis Ende Mai genießt das Paar die Wintersaison in vollen Zügen. Danach steigen sie zu ihrer Wohnung nahe dem Julierpass ab und bereiten sich auf den Sommer vor. Dann ist die Fornohütte von einer ganz anderen Welt aus bunt blühenden Bergwiesen und sprudelnden Gletscherbächen umgeben.

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