15.500 Touren,  1.700 Hütten  und täglich Neues aus den Bergen
Von Bad Kohlgrub nach Oberammergau
Foto: Peter Neusser
Mit Schneeschuhen durchs Ammergebirge

Die Eisheiligen

• 17. März 2022

Während andere mit Skiern unterwegs sind, hat sich Gero Günther für seine Dreitagestour durch das östliche Ammergebirge mit Schneeschuhen ausgerüstet – und eine gar nicht so zahme Märchenwelt entdeckt.

Text: Gero Günther, Fotos: Peter Neusser

Es ist kalt. Ungewöhnlich kalt. Minus 14 Grad zeigt das Thermometer an, als ich in Bad Kohlgrub losmarschiere. Hinauf ins kleine Skigebiet der 2.500-Seelen-Gemeinde. Der strenge Frost hat die Natur mit Brillanten überzogen. Jeder Baum, jeder Pfosten, ja sogar ein Stück Stacheldraht wird zum Spektakel. Tausendfach bricht sich das Morgenlicht in der überfrorenen Landschaft. 

Durch den Wald und über sonnige Hänge geht es steil bergauf zur Hörnlehütte. Ich bin nicht der Einzige, der an diesem Prachttag unterwegs sind. Skitourengeher begegnen mir und dick eingepackte Menschen, die Bobs und Schlitten, hinter sich herziehen. Alle freuen sich über die klirrende Kälte und den pulvrigen Schnee, in dem man versinkt, sobald man freies Gelände betritt.

Eisige Welt: Von Bad Kohlgrub nach Oberammergau
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Für meine Dreitagestour durch das östliche Ammergebirge habe ich mich mit Schneeschuhen ausgerüstet. Das, was ich vorhabe, wäre ohne eine breite Unterlage gar nicht möglich. Statt Gipfel zu stürmen, bin ich in der Langstrecke unterwegs. Auf und ab durch das größte Naturschutzgebiet Bayerns.

Unter strammen Alpinisten gelten die Berge rund um Oberammergau als lieblich, und sanft, sprich harmlos. Mich stört es nicht, dass das Gebirge an der Grenze zum Allgäu nichts Abweisendes oder gar Bedrohliches hat. Ganz im Gegenteil. Ich mag es, wie sich Hörnle, Aufacker und Laber aus der Ebene erheben. Wie der rundliche Körper einer dösenden Kuh liegt das Massiv in der eiszeitlichen Seen- und Moorlandschaft.  Eine Kuh, über deren Rücken ich heute knapp 20 Kilometer wandern will.

Über Kuhrücken zum Stierkopf

An der Hörnle Alm habe ich mich mit Deniz Göcen und ihrer Praktikantin Mareike Delp verabredet. Deniz ist Rangerin im Naturpark Ammergauer Alpen, einem 288 Quadratkilometer großen Areal aus waldigen Kuppen und felsigem Gebirge. „Die meisten Leute stellen sich unter Ranger jemanden vor, der in seiner Uniform einsam durch die Natur pirscht“, sagt Deniz und lacht: „Ich bin eher so die Erklärbärin“. Gerne führt die freundliche 34jährige immer wieder aus, warum bestimmte Gebiete im Winter nicht betreten werden dürfen, warum Hunde an die Leine gehören und man sich an die gekennzeichneten Skiabfahrten halten soll. Und schon breitet sie zur weiteren Erläuterung diverse Karten vor mir aus. Zum Glück ist unser Platz an der Hütte windgeschützt und sonnig. Als zusätzliche Wärmequelle hat Deniz eine Thermoskanne mit Tee mitgebracht. Aus selbstangebautem Fenchel, versteht sich.

Unterwegs mit Rangerin Deniz Göcen

Wir unterhalten uns über Rauhfußhühner und die Herstellung von Energieriegeln, tauschen Tipps gegen kalte Finger und Zehen aus. Meine werden zu Eisklumpen, als wir über das 1.548 Meter hohe Hintere Hörnle zum Stierkopf marschieren. Ein eisiger Wind bläst über den kahlen Bergrücken. So zahm und sanft finde ich die Ammergauer Berge heute gar nicht. Während Deniz, die ihre eigene Hündin dabeihat, mit anderen Hundebesitzern plaudert, schwinge ich meine Arme, um Blut in die Gliedmaßen zu bekommen. Selbst Maja, eine schlanke Mischung aus Kurzhaarcollie und Podenco, friert. „Könnten wir bitte irgendwo hingehen, wo es keinen Wind gibt“, scheinen ihre Augen zu sagen.

Zum Glück müssen Deniz und Mareike sowieso einen Abstecher an den Waldrand machen, um zu überprüfen, ob sich die Berggänger an ihre Sperrzonen halten. „Perfekt“, freut sich Deniz: „Hier sind keine Spuren zu sehen“. Zumindest keine menschlichen. Stattdessen finden wir die Abdrücke von Hasen, Füchsen und Rehen.

Bayern wie aus dem Bilderbuch

Eine Stunde später trennen sich unsere Wege. Deniz und Mareike steigen nach Unterammergau ab, ich habe bis zum Gipfel des Aufackers noch 460 Höhenmeter vor mir. Das Gipfelkreuz erreiche ich erst, als es bereits zu dämmern beginnt und die Welt nur noch aus Blautönen besteht. Jetzt aber schnell hinunter ins Tal, ehe ich den Weg unter meinen Schneeschuhen nicht mehr erkennen kann.

In Oberammergau ist gerade die Straßenbeleuchtung angegangen. Graue Heustadel stehen neben Häusern, die mit ihren Erkern wie kleine Paläste aussehen. Der Zwiebelturm der Kirche badet in gelbem Licht und drüben auf der anderen Talseite hält der Hausberg namens Kofel seine Felsennase in den Himmel. Kein Wunder, dass Oberammergau für viele In- und Ausländer der Inbegriff von Oberbayern ist. Überbayern geradezu.

Meine Wirtin führt mich am nächsten Morgen durch die getäfelten Stuben ihres Gasthofs und zeigt mir Bilder von Menschen in wallenden Kostümen. Da sind Jesus und Maria, Petrus, Herodes und Pontius Pilatus, die Römer und das Volk. Um die weltberühmten Passionsspiele dreht sich seit fast 400 Jahren das gesamte Ortsleben. Alle zehn Jahre, so hatten die Gemeinde-Oberen 1633 gelobt, solle die Passion aufgeführt werden, wenn Oberammergau fortan von der Pest verschont bliebe.
Heute treten mehr als 2.000 der 5.000 Einwohner bei der Passion auf. Unter ihnen natürlich auch meine Wirtin samt Familie.  Immerhin ist ihr Bruder, Christian Stückl, nicht nur Intendant der Münchner Volkstheaters, sondern seit 1987 auch Spielleiter der Passionsspiele seines Heimatortes. Renate hat so viele Anekdoten zu erzählen, dass ich meinen Start immer weiter nach hinten verschiebe. Macht nichts. Nach der langen Tour vom vergangenen Tag, darf es heute ruhig eine kleinere Runde sein.

In Oberammergau

Ich wandere gemächlich nach Osten ins Lainetal hinein und steige an schneebeladenen Fichten zur Soilaalm auf. Ein schmaler Pfad führt vorbei an umgestürzten Bäumen hinauf zum Ettaler Manndl, einem Felszacken, der steil aus dem Wald ragt. Die wildromantische Winterlandschaft kommt mir fast wie ein Bühnenbild aus dem „Freischütz“ vor.

Hinüber zum Laber-Gipfelhaus dauert es keine Stunde. Nach Süden reihen sich die verschneiten Gipfelketten dicht aneinander. Die Häuser von Oberammergau wirken von hier oben als wären sie Teil einer Weihnachtskrippe.
Ein Skitourengeher macht sich gerade bereit für eine der steilsten Abfahrten der bayerischen Alpen. Der Nordhang des Laber ist so abschüssig, dass man den Skifahrer nur kurz sehen kann, ehe er im Abgrund verschwindet. Ich bin ganz froh, dass mein Abstieg um ein Vielfaches länger dauern wird. Ganz einsam und still sind die Wanderwege am frühen Abend. Nur das Scharren meiner Schneeschuhe ist zu hören.

Zwischen steil und still

Auf dem Weg zum Ausgangspunkt der letzten Winterwanderung schaue ich am nächsten Morgen bei meinem Bekannten Matthias Meichelböck vorbei. Die Straßen von Oberammergau sind vereist. Ich rutsche an Lüftelmalereien und Herrgottsschnitzern vorbei durch den Ort. Matthias ist Architekt und Musiker und gehört als Mitglied der Band Kofelgschroa zu den Aushängeschildern Oberammergaus.

Er fühle sich pudelwohl in diesem kleinen Städtchen, sagt der junge Familienvater. Touristen hin oder her. Die nehme er schon lange nicht mehr wahr. Und die Berge?  „Die Ammergauer Alpen sind das Gebirge, in dem ich aufgewachsen bin“, sagt Matthias, der aus einem 30 Kilometer entfernten Dorf stammt. „Ich mag diese vielfältige und vertraute Landschaft mit ihren Taschenformaten.“

Für meine Tour gibt mir Matthias, der selber passionierter Berggänger ist, eine Routenempfehlung mit auf den Weg. Seine Variante führt durch den Brunnberggraben an einem vollgekritzelten Bushäuschen vorbei, das man als Rastplatz mitten in die Wildnis gehievt hat. Ein guter Ort, um die Thermoskanne aufzuschrauben. „Da kannst du lange auf den Bus warten“, witzeln junge Burschen, die im Eiltempo an mir vorbei aufsteigen.
Ein paar Minuten später erreiche ich die tiefgefrorenen Wasserfälle, von denen mir Matthias erzählt hat. Sie sehen toll aus, aber ich habe es an diesem kristallklaren Tag eilig, wieder in die Sonne zu kommen.

Von Oberammergau über den Pürschling zum Teufelstättkopf

Gemächlich durch die Märchenwelt

Zum Pürschling quere ich einsame Wälder, die unter Schneemassen ächzen, und dann geht es über einen schmalen Grat steil hinauf zum Teufelstättkopf. Der Gipfel ist von haushohen Felsbrocken umgeben, zwischen denen man windgeschützt Brotzeit machen kann. Hier sind die Berge schon weniger zahm, denke ich und blicke hinüber zu den Zweitausendern der Westlichen Ammergauer Alpen und des Wettersteingebirges.

Ehe ich mich an den Abstieg mache, marschiere ich noch ein paar hundert Meter auf eine weiße Kuppe hinaus, die wie eine Sahnehaube ins Tal ragt. Dort unten müsste Linderhof liegen, das schönste der Ludwigsschlösser. Man sieht es nicht vor lauter eisigem Glitzern und Funkeln. Macht nichts, die Landschaft ist auch ohne Schlösser prächtig genug.

Und nein, auf die Skitourengeher bin ich auch heute nicht neidisch. Was würde es bringen, jetzt ins Tal hinunterzuwedeln? Ich wäre viel zu schnell unten. Lieber wandere ich langsam den Grat zur Kühlam hinaus. Das Kratzen meiner gezackten Unterlage im Ohr. Auf und ab durch den brillantenbesetzten Winter. 


Infos und Adressen: Rund um Oberammergau

Ankommen

Von München aus braucht man mit dem Auto eine Stunde nach Bad Kohlgrub. Mit dem Zug erreicht man den Kurort in 1:26 Stunden. Auch Ober- und Unterammergau sind mit der Regionalbahn erreichbar.

Essen und Schlafen

Hotel am Wiesenhang
Modernes Haus mit großen, komfortablen Zimmern und Fußbodenheizung. Der Spa-Bereich verfügt über eine finnische Sauna, ein Dampfbad und einen Pool.

Bad Kohlgrub
Prentstraße 16
08845 74700
www.wiesenhang.de

Gasthof Rose
Die Rose ist ein zünftiges Wirtshaus mit bodenständiger bayerischer Küche. Das ganze Gebäude ist mit zahlreichen Andenken an die berühmten Passionsspiele von Oberammergau dekoriert. Fragen Sie ruhig nach. Die freundliche Wirtin ist eine sprudelnde Informationsquelle.

Oberammergau
Dedlerstraße 9
08822 4706
rose-oberammergau.de

Krachs Laden
Morgens und mittags etwas Kleines, aber Feines gibt es in Krachs bajuwarisch-italienischem Feinkostladen. Dazu den besten Kaffee Oberammergaus, hausgemachte Kuchen und allerlei Spezereien. Stammcafé sämtlicher Kulturschaffenden Oberammergaus.

Oberammergau
Bahnhofstr. 13,

Sehenswert

Eines der schönsten Gebäude Oberammergaus ist die 1909 erbaute Schnitzschule. Im neuen Glas-Anbau finden regelmäßig Austellungen statt. Geöffnet: Do 9-11, Sa/So 12-17Uhr. Ludwig-Lang-Straße 3.Tel. 08822 3542, www.bildhauerschule.de

Zu Besuch in Oberammergau

Schneeschuhtouren

Der Naturpark Ammergauer Alpen bietet ein Verzeichnis von Schneeschuhtouren samt GPS-Daten an. Wer im Westlichen Ammergebirge Schneeschuhwandern will (Kreuzspitze, Hochplatte), sollte sich unbedingt an die offiziellen Skitour-Routen halten.

Von Bad Kohlgrub nach Oberammergau

Der Aufstieg verläuft im Wald neben der Skipiste. An sonnigen Tagen kann es auf den drei Hörnle-Gipfeln recht voll werden. Ab dem Stierkopf sind nur noch wenige Wanderer unterwegs. Wer den Aufacker noch mitnehmen will, muß aus Naturschutzgründen bis auf 1070 Meter absteigen und hat dann noch 460 Höhenmeter vor sich. 

  • Ausgangspunkt: Bad Kohlgrub
  • Strecke: 19,2
  • Dauer: 7 Stunden
  • Höhendifferenz: 1.200 Meter

Zur Soilaalm, Ettaler Manndl und Laber

Die Tour auf den Laber ist bei Skitourengehern sehr beliebt. Bei der Soilaalm verläßt man die Skiaufstiegsroute in Richtung Ettaler Manndl. Der Gipfel ist drahtseilgesichert und sollte nur von erfahrenen Bergsteigern bestiegen werden. Zum Laberhaus gelangt man über einen schmalen aber leicht erkennbaren Pfad.

  • Ausgangspunkt: Oberammergau
  • Strecke: 12 km
  • Dauer: 4,5 Stunden
  • Höhendifferenz: 800 Meter

Über die Kolbentalhütte und den Pürschling zum Teufelstättkopf

Wer von Oberammergau zum Pürschling wandert, muss auch an sonnigen Wochenenden keine Massen befürchten. Die Querung von der Kolbentalhütte zum Pürschling ist wenig begangen. Lediglich zwischen Pürschling und Teufelstättkopf ist bei Kaiserwetter mit einer Menge an Schlittenfahrern, Wanderern und Skitourengehern zu rechnen.

  • Ausgangspunkt: Oberammergau
  • Strecke: 14 km
  • Dauer: 7,5 Stunden
  • Höhendifferenz: 1.100 Meter

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