
„Viele Unfälle passieren auf den letzten Metern"
Foto: Adobe Stock
Welche Sportart im Winter zu Unrecht als ungefährlich eingeschätzt wird und welche Rolle Gruppendynamiken für die Sicherheit auf Tour spielen, erklärt Johanna Trauner-Karner vom Kuratorium für Verkehrssicherheit.
Jedes Jahr führt das Kuratorium für Verkehrssicherheit (KFV) in Spitälern in ganz Österreich mehr als 18.000 Interviews mit Unfallopfern. Was ist das Ziel dieser Interviews?
Wir führen diese Interviews in Österreich bereits seit Jahren durch und rechnen die Ergebnisse anschließend hoch. Die rund 18.800 Interviews stehen damit stellvertretend für etwa 785.000 Personen, die jährlich nach einem Unfall ambulant oder stationär in österreichischen Krankenhäusern behandelt werden. Dadurch erhalten wir einen sehr guten Überblick über das Unfallgeschehen bei unterschiedlichsten Unfallarten – von Haushaltsunfällen über Brandverletzungen durch Böllerunfälle bis hin zu Verkehrsunfällen und natürlich auch Wintersportunfällen, die in Österreich eine besonders wichtige Rolle spielen.
Welche Erkenntnisse können Sie daraus gewinnen?
Wenn wir bei bestimmten Unfallarten einen Anstieg feststellen, können wir auf Basis dieser Erkenntnisse gezielt reagieren und unsere Präventionsarbeit in diesem Bereich intensivieren. Da wir nicht nur die Unfallart erfassen – selbstverständlich anonymisiert –, sondern auch den Unfallhergang und die Art der Verletzungen, lassen sich viele Faktoren in die Präventionsarbeit einbeziehen. Ziel ist es unter anderem, andere davor zu warnen, dieselben Fehler zu machen. Ergänzend zu den Befragungen in Spitälern führen wir zahlreiche weitere Studien durch, etwa Erhebungen in Skigebieten zur Helmtragequote bei verschiedenen Wintersportarten.
Was sind die wichtigsten Maßnahmen, um Unfällen beim Wintersport vorzubeugen?
Aus unseren Erhebungen wissen wir beispielsweise, dass die Helmtragequote beim Skifahren in Österreich mittlerweile fast bei 100 Prozent liegt. Vor zehn oder zwanzig Jahren war das noch ganz anders. Vermutlich hat eine Person damit begonnen, andere haben es nachgemacht. Manche tragen den Helm als Vorbild für ihre Kinder, andere sehen ihn als unverzichtbaren Teil ihrer Ausrüstung. Uns ist es auch ein Anliegen zu betonen: Ein Helm ist zwar sehr wichtig, er verhindert aber keine Unfälle und schützt leider auch nicht vor allen Verletzungen. Vor allem bei hohen Geschwindigkeiten können Verletzungen dennoch gravierend sein.

Wie kann man sich schützen, damit im Ernstfall möglichst wenig passiert?
Eine an die Pistenverhältnisse und das eigene Können angepasste Fahrweise ist neben dem Tragen eines Helms sehr wichtig, ebenso die Rücksichtnahme auf andere. Ein weiterer, oft unterschätzter Faktor ist Ermüdung: Viele Unfälle passieren am Ende des Skitags oder auf den letzten Metern der Tour, wenn Konzentration und Reaktionsfähigkeit bereits nachlassen. Ein professioneller Skikurs kann nicht nur Anfängern helfen, sondern auch Fortgeschrittenen wertvolle Tipps und neue Impulse geben. Zudem wissen wir, dass beim sogenannten ‚Einkehrschwung‘ häufig Alkohol konsumiert wird. Das gefährdet nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch andere Wintersportlerinnen und Wintersportler. Denn Alkohol beeinträchtigt die Reaktionsfähigkeit und Risikoeinschätzung deutlich, eben auch in Situationen, die subjektiv als harmlos wahrgenommen werden.
Bei Unfällen am Berg denken viele zuerst an Skitouren mit Lawinengefahr oder an Skiunfälle. Gibt es Sportarten, deren Gefährlichkeit unterschätzt wird?
Ja, zum Beispiel das Rodeln. Viele denken sich: „Rodeln kann doch jedes Kind“ – und verzichten dabei auf einen Helm. Dabei kann dieser bei einem Aufprall auf ein Hindernis lebensrettend sein. Unsere Erhebungen zeigen, dass die Helmtragequote beim Rodeln noch sehr zu wünschen übrig lässt. Zudem setzen manche Eltern ihre Kleinkinder beim gemeinsamen Rodeln intuitiv vor sich auf den Schlitten. Simulationstests haben jedoch gezeigt, dass es bei einem Aufprall dazu kommen kann, dass der Erwachsene gegen das Kind gedrückt wird.
Skitouren gelten als anspruchsvoll, aber besonders reizvoll. Gute Vorbereitung, alpines Wissen und realistische Selbsteinschätzung sind wichtige Faktoren – was braucht es noch, um als Gruppe sicher unterwegs zu sein?
Grundsätzlich ist eine Gruppe immer nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Darauf sollte bereits bei der Zusammenstellung der Gruppe Rücksicht genommen werden. Es müssen nicht alle über dieselben Fähigkeiten verfügen – im Idealfall ergänzen sie sich. So kann etwa eine Person über gute Orientierungsfähigkeiten verfügen, während andere in Sicherungstechniken oder in Erster Hilfe besonders versiert sind.
Wichtig ist außerdem, eine sorgfältig geplante Tour nicht spontan vor Ort nach Lust und Laune zu verändern, da dies zu Fehlentscheidungen führen kann. Tourenänderungen sollten nur dann erfolgen, wenn geänderte Witterungs- oder Schneeverhältnisse dies erforderlich machen. So erhöhen beispielsweise schlechte Sichtverhältnisse oder wechselnde Schneebedingungen das Unfallrisiko und sollten in die Tourenentscheidung einbezogen werden. Zudem sollte zu Beginn klar festgelegt werden, wer innerhalb der Gruppe welche Entscheidungen trifft, um Diskussionen während der Tour zu vermeiden.
Dr. Johanna Trauner-Karner ist Leiterin des Bereichs Sport- und Freizeitsicherheit beim Kuratorium für Verkehrssicherheit
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