Berggedicht

Marie Luise Kaschnitz: „Zum Parnaß“

Historisches • 28. Mai 2018

Wir geben euch wieder ein Berggedicht mit in die Woche. Diesmal: „Zum Parnaß“ von der deutschen Schriftstellerin Marie Luise Kaschnitz (1901-1974).

Parnass: Golf von Korinth in Griechenland
Foto: mauritius images / Walter Bibikow
Parnass am Golf von Korinth in Griechenland, Schauplatz des Gedichts „Zum Parnaß“

„So hebt es an. Mit einem hellen Strahlen,

Mit einem Widerschein der Sommerfeuer

Im niedern Dickicht. Rote Blätter glühen

Und Thymian und Heidesträucher blühen

In tiefer Mulde unterm reinen Blau.

Und dann die Schlucht. Von schroffen Felsenwänden

Dem Lichte abgesperrt und nichts als Öde,

Geröll und Stein. Ein fremder Schritt begleitet

Und schreckt den Wanderer, der einsam reitet;

Ein kalter Atem weht vom leeren Fluß – –

Jenseits des Passes aber sind die lieblich

Besonnten Hänge voll von goldnen Reben

Und Überfluß der Gärten und inmitten

Ein trunkener Gesang und Tanz von Schritten

Und rote Tierhaut schon vom Weine prall.

Und wieder Kälte. Winter. Eisge Winde

Den hochgetürmten Felsenort durchstreichend.

Die Schäfer kehren von des Berges Spitze

In rot und blauem Rock und Lammfellmütze

Und Frauen wandern spinnend in Geläut.

Dort irrt der Blick hinauf zum steilen Hange

Ins Fichtendunkel. Von den Felsenhöhlen

Herstürzen Winde, die wie Stimmen tönen,

Und Wolkenfetzen treiben sich wie Schemen

In wirrem Zug am Vorgebirge hin.

Doch ist noch Sommer. An des Weges Kehre

Ist schon das Grauen vergessen. Falter schweben,

Der Abend glüht. Zur hohen Straße drängen

Olivenwälder sich an sachten Hängen,

Gleich einer grünen Welle aus dem Tal.

Und wie das Licht der Tiefe sacht entgleitet,

Da steigen aus den Wäldern dichte Schwärme

Von Vögeln, die sich aus dem Schatten heben

Und zu dem grellen Glanz der Felsen streben

Und kreisen über dem kastalischen Quell.“


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Marie Luise Kaschnitz

Marie Luise Kaschnitz wurde 1901 in Karlsruhe geboren und wuchs in weiterer Folge in Potsdam und Berlin auf. Nach ihrer Ausbildung zur Buchhändlerin in Weimar arbeitete sie zunächst in einem Verlag in München und schließlich in einem Antiquariat in Rom. Es folgten mehrere Reisen nach Frankreich, Italien und Griechenland.

Kaschnitz pendelte fortan zwischen Rom, Königsberg, Marburg, Frankfurt am Main und Bollschweil bei Freiburg. 1955 wurde ihr der Georg-Büchner-Preis verliehen, 1974 verstarb die Schriftstellerin in Rom.

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