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David Lama: Über Lawinen

Blog • 5. Februar 2019
von David Lama

Bei Notfällen am Berg ist effiziente Hilfe gefragt. Um diese leisten zu können, muss vorab geübt werden, findet David Lama.

Gedanken zur Lawinengefahr von David Lama
Foto: Martin Hanslmayr / Red Bull Content Pool
Gedanken zur Lawinengefahr von David Lama

Hand aufs Herz: Können Sie in einer Notsituation im alpinen Gelände Ihrem Partner oder sich selbst effizient helfen? Sich eine solche Situation nicht nur vorzustellen, sondern mit einer Gruppe am Berg durchzuspielen ist aber noch einmal etwas ganz anderes. Nur hier fallen die potenziellen Fehler auf, und es läuft nicht immer alles so reibungslos ab, wie man sich das vorstellt.

Genau deshalb habe ich am Beginn des letzten Winters an einem Lawinenkurs teilgenommen. Zusammen mit ein paar Freunden beschäftigte ich mich einen Abend lang theoretisch mit der Materie, bevor es ins Gelände ging, wo wir Notsituationen durchspielten und die Suche mit dem Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS) übten.

Dass es beim Tourengehen überhaupt eine Option gibt, wenn man einen Fehler gemacht und ein Schneebrett ausgelöst hat, ist ein großer Luxus: Beim Extrembergsteigen gibt es in der Regel keinen Platz für Fehleinschätzungen.

Am Siebentausender Chogolisa im Karakorum mussten Peter Ortner und ich entscheiden, ob wir den riesigen, mit Triebschnee gefüllten Hang zum Gipfel hinaufstapfen oder umkehren. Ein LVS hatten wir nicht dabei, aber eine Verschüttetensuche wäre in diesem Absturzgelände ohnehin zwecklos gewesen. Wir vertrauten auf unsere Erfahrung und schätzten das Risiko nach reiflicher Überlegung als vertretbar ein.

An den zahllosen Tagen, die ich jeden Winter im Schnee verbringe, habe ich meine Lawinenausrüstung sehr wohl dabei. Dieses Equipment ist ein Back-up, auf das ich beim Skifahren nicht verzichten möchte, und es gehört zur Standardausrüstung jedes vernünftigen Tourengehers.

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Man mag noch so viel im Gelände unterwegs sein, das führt nur bedingt zu mehr Sicherheit. Denn das Feedback ist immer begrenzt: Solange der Hang nicht rutscht, erfährt man nie, wie knapp man dran war. In den heimischen Bergen gibt es daher keinen Grund, auf diese Sicherheitsreserve zu verzichten.

Die Notfallausrüstung dabeizuhaben ist aber nicht alles. Es ist essenziell, die Anwendung von LVS, Sonde und Schaufel zu beherrschen – und das braucht praktische Übung. Wer verantwortungsbewusst in den Bergen unterwegs sein möchte, darf nicht nur auf das beste Material setzen, er muss vor allem sich selbst und seinen Partnern vertrauen können. Sie sind es, die einen im Notfall finden und ausgraben müssen.

Den Lawinenkurs besuchte ich deshalb zusammen mit den Leuten, mit denen ich im Winter ständig unterwegs bin. Das Wissen, dass meine Freunde – und auch ich – richtig handeln werden, gibt mir und ihnen mehr Sicherheit. Es fühlt sich gut an, an Powdertagen mit gut ausgebildeten Menschen unterwegs zu sein.

Zum Autor

David Lama (Jahrgang 1990) war ein Ausnahmekletterer. Nach dem Abschluss seiner Wettkampfkarriere galt der Tiroler als Leitfigur einer neuen Bergsteigergeneration. Im Winter war er nicht nur in Eis- und Mixed-Routen unterwegs, sondern macht auch Steilabfahrten und Erstbefahrungen in den heimatlichen Bergen.

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