Ana's Way West

Alpenüberquerung: Etappe 7 im Tessin

Blog • 27. September 2017

Im vierten Teil unserer begleitenden Serie zu Ana Zirners Projekt „Ana's Way West“ erzählt uns die Bergsteigerin aus dem bayerischen Chiemgau, wie es ihr im Tessin auf der siebten Etappe ihrer Alpenüberquerung ergangen ist.

Tessin: Blick auf Bergektte und Bergsee
Foto: Ana Zirner
Ana's Way West: Ana Zirners 7. Etappe im Tessin – hier mit Blick auf Bergektte und Bergsee

Nun ist schon die siebte Etappe meiner Alpenüberquerung vorbei und ich kann kaum glauben, dass mir nur noch knapp zwei Wochen bleiben. Habe ich bei der Setzung der jeweiligen Themen wirklich geglaubt, dass ich an diesem Punkt meiner Tour „Geduld“ brauchen würde? Und für was? Im Moment brauche ich Geduld wohl am ehesten für den Augenblick. Geduld, um mich davor zu bewahren schon jetzt so viel ans Ende zu denken. Und siehe da: Kaum zerbreche ich mir den Kopf über das Ende, begegnet mir die Geduld in der Landschaft. Es ist mir gleich, ob das nun Schicksal, Zufall oder Einbildung ist. 

Die Erfahrung, alle verschiedenen Spielarten des Wetters so geballt zu erleben – und zuletzt durch dichten Nebel zu laufen – war sehr besonders und wichtig für mich. Schon rein äußerlich war ich durch die fehlende Sicht dazu angehalten ganz bei mir zu bleiben. Einen Schritt vor den anderen zu setzen, mich auf meinen Instinkt zu verlassen und blind auf meinen Weg zu vertrauen, ohne dabei unvorsichtig zu werden. Die ganze Stimmung der Landschaft um mich herum war wie eine gedämpfte Version ihrer selbst. Es war, als hätte sich der Nebel nicht nur auf die Welt, sondern auch auf mich gelegt.

Ana's Way West: Eindrücke von Ana Zirners Alpenüberquerung – Etappe 7 im Tessin

Beschwichtigend, beruhigend und beschränkend zugleich. Eine wohltuende Komprimierung aller Sinne, die mystisch, frisch und spannend ist. Wie Geduld wirkt sie deshalb, weil immer die Vorsehung einer Veränderung da ist, aber ohne dass die Erwartung dieser eine Unruhe auslösen würde. Was heißt Geduld eigentlich? Das Internet sagt, sie ist „die Fähigkeit oder Bereitschaft, etwas ruhig und beherrscht abzuwarten oder zu ertragen.“ Ruhig und beherrscht also. Langmütig.

Das passt wirklich sehr zur Landschaft im Tessin. Sie ist nicht spitz und steil wie die Dolomiten oder mächtig und stark wie die Ortler-Region. Aber sie ist auch nicht weit und grün wie das Engadin oder hell und klar wie die Julischen Alpen. Das Tessin habe ich, vielleicht auch wegen des Wetters, vielerorts als geheimnisvoll und undurchsichtig erlebt. Die vielen Stauseen prägen mit ihrem matt leuchtenden Türkis die Landschaft wie kaum etwas anderes. Diese Seen liegen in einer großen Ruhe da und ihr Wasser wirkt von fern fast lauernd. Es ist wartendes Wasser. 

Ana's Way West: Etappe 7 im Schweizer Tessin

Im Tessin wird sehr viel Energie aus Wasserkraft gewonnen. Vielleicht ist es das, worauf das Wasser wartet? In Energie umgesetzt zu werden? Es weiß um seine Kraft und schöpft daraus seine Ruhe? Kann mir das auch so gut gelingen wie diesen Seen? Ich würde mich allgemein als einen ungeduldigen Menschen bezeichnen. Mich stört das selten, denn die Ungeduld lässt mich ständig weiter streben und ermöglicht mir oft intensive Erlebnisse.

Aber Geduld bedeutet eben auch mit ungestillten Sehnsüchten zu leben – und das fällt mir schwer. Also will ich hier im Tessin von den geduldigen Seen und dem Nebel lernen. Oder bin ich doch nicht so ungeduldig wie ich denke? Es gibt kaum etwas, das mich dazu bringen würde die Hoffnung auf etwas aufzugeben, das ich wirklich will. Und es braucht doch auch Geduld, um beharrlich zu bleiben – ohne zu erstarren, wenn es schwierig wird. Jedenfalls hoffe ich, dass ich die türkise Gelassenheit der Seen und die beruhigende Dämpfung des Nebels noch weit über diese Tour hinaus in mir tragen kann.

Ana Zirner im Schweizer Tessin
Foto: Ana Zirner
Zwischen Gelassenheit, Geduld und Nebel: Ana Zirner im Schweizer Tessin

Tessin-Kurzbeschreibung und Anas Tipp:

Die Region um den Pizzo Cristallina und den Basòdino bis hinüber zum Corno Gries und ins südlicher gelegene Binntal ist eine wirklich schöne Wander- und Bersteiger-Region. Die Höhenunterschiede sind nicht allzu groß, die Hütten klein und freundlich.

Man geht ein Stück weit durch Italien, wo natürlich das Essen fantastisch ist. Im Vergleich zu den Schweizer Hütten schont das den Geldbeutel. Besonders zu empfehlen ist das angenehm bescheidene Rifugio Maria-Luisa, wo es köstliche Pasta kredenzt wird.


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Vorschau

Im fünften Teil der Serie lest ihr wie es Ana auf der achten Etappe ihrer Alpenüberquerung ergangen ist.

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