Elise Wortley am Mont Blanc

Podcastfolge #108: Die vergessenen Pionierinnen der Alpingeschichte

Podcast
2 Min.
13.07.2026

Foto: Grace T.S.P.

Werbung

Werbung

Werbung

Werbung

Empfehlungen

Werbung

Werbung

Empfehlungen

Wer an die großen Namen der Alpingeschichte denkt, dem fallen meist Männer ein: Erstbesteiger, Expeditionsleiter, Abenteurer. Doch diese Version der Geschichte ist unvollständig. Schon seit den Anfängen des Alpinismus waren Frauen in den Bergen unterwegs, bestiegen Gipfel, eröffneten neue Routen und überschritten Grenzen – gesellschaftliche ebenso wie geografische. Um sie geht es in dieser Folge des Bergwelten Podcasts.

Darum geht es in dieser Podcast-Folge

  • Warum die Alpingeschichte vor allem als Männergeschichte erzählt wurde.

  • Welche gesellschaftlichen Hürden Frauen überwinden mussten, um überhaupt in die Berge zu kommen.

  • Die Leistungen von Pionierinnen wie Paula Wiesinger, Alexandra David-Néel und Beatrice Tomasson.

  • Weshalb Frauen lange aus Alpenvereinen ausgeschlossen wurden.

  • Wie Kleidung und gesellschaftliche Normen Frauen am Berg zusätzlich einschränkten.

  • Warum historische Vorbilder bis heute wichtig sind.


Bergwelten Podcastfolge #108


Die unsichtbaren Heldinnen der Berge

Frauen waren in der alpinen Geschichte keineswegs Ausnahmeerscheinungen. Sie durchquerten Gebirge, bestiegen schwierige Gipfel und unternahmen Expeditionen zu einer Zeit, als ihnen vielerorts weder politische Rechte noch gesellschaftliche Anerkennung zugestanden wurden. Dennoch fanden ihre Leistungen selten Eingang in die offizielle Geschichtsschreibung.

Die Südtiroler Historikerin Ingrid Runggaldier beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit genau dieser Leerstelle. In ihrem Buch Frauen im Aufstieg recherchierte sie die Biografien jener Bergsteigerinnen, deren Geschichten über Generationen hinweg übersehen oder verdrängt wurden.

Wie tief die Berge für viele Frauen mit dem Wunsch nach Freiheit verbunden waren, fasst Ingrid in einem ihrer Lieblingszitate zusammen:

„In die Berge zu gehen, ohne Kontrolle, ohne Zwänge. Elizabeth Main hat diesen schönen Satz gesagt: Ich bin den Bergen auf ewig dankbar, weil sie von mir die Ketten der Konventionen genommen haben.“

Ingrid Runggaldier

Werbung

Werbung

Gerade in einer Zeit, in der Frauen auf den häuslichen Bereich beschränkt wurden, boten die Berge einen seltenen Raum für Selbstbestimmung. Dort konnten sie körperliche Stärke erfahren, Eigenständigkeit entwickeln und gesellschaftliche Grenzen hinter sich lassen.


Gegen Wind, Vorurteile und Reifröcke

Dass Frauen überhaupt bergsteigen konnten, war lange alles andere als selbstverständlich. Sie mussten nicht nur den Herausforderungen des Geländes begegnen, sondern auch gesellschaftlichen Vorurteilen und praktischen Hindernissen trotzen. Korsetts, lange Röcke und schwere Stoffe waren nicht nur unbequem, sondern oft auch gefährlich.

So scheiterte die 18-jährige Félicité Carrel 1867 am Matterhorn, weil der Wind ihren Reifrock derart aufblähte, dass sie umkehren musste. Andere Frauen versteckten ihre Röcke hinter Felsen oder ließen sie zurück, um überhaupt weitersteigen zu können.

Gleichzeitig blieben ihnen viele Institutionen des Alpinismus verschlossen. Frauen wurden aus alpinen Vereinen ausgeschlossen oder durften zwar Mitglied sein, hatten aber kein Mitspracherecht. Erst durch die Gründung eigener Vereine schufen sie sich Räume, in denen sie sichtbar wurden und ihre Erfahrungen veröffentlichen konnten.


Auf den Spuren der Pionierinnen

Die Britin Elise Wortley hat einen ganz besonderen Weg gefunden, diese Geschichten wieder ins Bewusstsein zu rufen. Mit ihrem Projekt Woman with Altitude folgt sie historischen Abenteurerinnen und Bergsteigerinnen auf ihren Originalrouten – und zwar mit möglichst originalgetreuer Ausrüstung. Tweedröcke, Wollkleider, genagelte Lederschuhe und Holzkraxen ersetzen moderne Outdoor-Ausrüstung.

2025 bestieg sie beispielsweise den Mont Blanc in der Kleidung, die Henriette d’Angeville bereits 1838 getragen hatte, als diese als erste Frau aus eigener Kraft den höchsten Berg Europas erreichte.

„There's this huge lack of representation of women in this space. And I actually think these women's missing stories from history has had an effect for today. Women and girls don't see themselves in this space. They have no one to follow.“

Elise Wortley

Für Elise geht es deshalb nicht nur um historische Recherche. Es geht darum, Vorbilder sichtbar zu machen und jungen Frauen zu zeigen, dass sie schon immer Teil dieser Geschichte waren.


Warum diese Geschichten heute wichtig sind

Die Diskussion über Frauen im Bergsport ist längst keine rein historische mehr. Noch immer sind Frauen in vielen Bereichen des Alpinismus deutlich unterrepräsentiert. Bergführerinnen, Expeditionsleiterinnen oder medienwirksame Abenteuerinnen bleiben Ausnahmen.

Umso wichtiger ist es, die Leistungen jener Frauen zu erzählen, die den Weg bereits vor Jahrzehnten oder Jahrhunderten bereitet haben. Ihre Geschichten erweitern nicht nur unser Verständnis der Alpingeschichte. Sie verändern auch unseren Blick auf Gegenwart und Zukunft.

Denn wer die Geschichte kennt, erkennt, dass Frauen nie Zuschauerinnen waren. Sie waren Entdeckerinnen, Bergsteigerinnen, Forscherinnen und Wegbereiterinnen. Man hat nur viel zu lange viel zu wenig von ihnen erzählt.

Das Titelbild wurde uns zur Verfügung gestellt von Elise Wortley / Fotografin: Grace T.S.P.


Mehr zum Thema

    Bergwelten ist der Startpunkt für dein Abenteuer in den Bergen

    Mit Tausenden geprüften Touren, Hütten und Unterkünften sowie Bergwissen von Expertinnen und Experten bist du ideal für die Berge vorbereitet.

    Touren

    Hütten

    Artikel