
Fake-Erfolge im Alpinismus: Wenn Bergsteiger Besteigungen erfinden
Foto: AdobeStock/JossK
Gefälschte Gipfelfotos, manipulierte GPS-Daten, angeblich verlorene Kameras: Wer einen prestigeträchtigen Berg besteigt, bringt oft nur wenige Beweise mit. Trauen kann man diesen nicht immer.
Endlich hat er es geschafft! Als der italienische Höhenbergsteiger Marco Confortola im Juli 2025 den Gipfel des Gasherbrum I (8.080 m) erreicht, scheint seine Mission vollendet: die Besteigung aller 14 Achttausender – als einer von weniger als 100 Menschen weltweit.
Doch nur wenige Wochen später melden sich prominente Stimmen zu Wort – allen voran die italienischen Alpinisten Simone Moro und Silvio Mondinelli. Sie zweifeln öffentlich an Confortolas Erfolgen und werfen ihm vor, bei mehreren Achttausender-Besteigungen geschummelt zu haben. Nicht immer sei Confortola bis zum höchsten Punkt gestiegen. Außerdem seien Gipfelfotos, so der Vorwurf, manipuliert oder stammten ursprünglich von anderen Alpinisten. Aufnahmen vom Lhotse oder vom Makalu weisen frappierende Ähnlichkeiten mit Bildern anderer Bergsteiger auf. Hat Confortola sein Gesicht in fremde Gipfelfotos hineinmontiert?
Confortola weist alle Anschuldigungen zurück. Doch die Debatte offenbart ein Grundproblem des modernen Höhenbergsteigens: Wer kontrolliert, ob jemand wirklich oben war?
Wer entscheidet über die Wahrheit?
Im Bergsteigen gibt es keine anerkannte „Gipfel-Behörde“, die über die Wahrhaftigkeit von Besteigungen entscheidet. Je nach Berg und Land stellen staatliche Behörden aber Gipfelzertifikate aus – vor allem bei hohen, genehmigungspflichtigen Bergen (meist Achttausender). Diese basieren in der Regel auf eingereichten Expeditionsberichten und Belegen, sind aber keine unabhängige Vor-Ort-Verifikation.

Außerdem sammeln und prüfen Chronisten wie Eberhard Jurgalski oder Dokumentations- und Forschungsdatenbanken wie die Himalayan Database Besteigungen anhand von Interviews, Fotos, Routenbeschreibungen und GPS-Daten – sie dienen dabei jedoch nicht als Zertifizierungsstelle. Letztere listet inzwischen rund 490 Expeditionsgipfel im nepalesischen Himalaya auf.
Das Problem: Mit dem großen Ansturm auf die kommerzialisierten Achttausender ist es Datenbanken kaum mehr möglich, jede Expedition im Detail zu prüfen, erzählt Billi Bierling, die Geschäftsführerin der Himalayan Database. Nur bei neuen Routen, Erstbegehungen oder weniger häufig bestiegenen Bergen werden nach wie vor alle Bergsteigerinnen und Bergsteiger kontaktiert und alle Einzelheiten der Expedition aufgenommen.
Wie zweifelhafte Gipfelerfolge auffallen
Wie kommt man Schummlerinnen und Schummlern auf die Schliche? „Die Himalayan Database arbeitet seit jeher auf Vertrauensbasis“, erklärt Billi Bierling. Bei Unstimmigkeiten oder geäußertem Zweifel durch andere Bergsteigerinnen und Bergsteiger würde nachgeprüft, aber: „Wir sind keine Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter, und wir waren nicht selbst vor Ort“, sagt sie.
Wir sind keine Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter, und wir waren nicht selbst vor Ort.
Billi Bierling, Geschäftsführerin der Himalayan Database
Auch der Süditorler Alpinist Simon Messner, Sohn der Bergsteiger-Legende Reinhold Messner, erzählt im Bergwelten-Podcast von der Schwierigkeit, Gipfelbesteigungen unabhängig zu prüfen: „Bei Alleingängen ist es beinahe unmöglich nachzuweisen: Hat er den Gipfel gemacht oder nicht. Deswegen muss man dem Wort des anderen Kletterer Glauben schenken können.“ Das ganze Gespräch mit Simon Messner über Fake-Erfolge im Alpinismus zum Nachhören gibt‘s hier:
Viele Gipfelerfolge beruhen letztlich auf Vertrauen, auf der Dokumentation durch staatliche Behörden, Berg-Chronisten und Datenbanken – und nicht zuletzt auf der Einschätzung der Bergsteiger-Community.
Historische Schatten: Cesare Maestri und der Cerro Torre
Vermeintliche Schummeleien bei Gipfelbesteigungen sind kein Phänomen der Gegenwart: Eine der bekanntesten Kontroversen der Alpingeschichte führt ins Jahr 1959. Der italienische Kletterer Cesare Maestri behauptet, gemeinsam mit dem Tiroler Toni Egger den Gipfel des Cerro Torre (3.133 m) in Patagonien erreicht zu haben. Beim Abstieg stürzt Egger tödlich ab – mit ihm die Kamera, die das Gipfelfoto enthalten haben soll.
Schon bald zweifeln Expertinnen und Experten die Darstellung an. Jahrzehnte später gilt es als wahrscheinlich, dass die Besteigung nie stattgefunden hat. In einer ServusTV-Dokumentation geht Reinhold Messner auf Spurensuche:
Warum lügen Alpinisten?
Bleibt die Frage: Warum erfinden Bergsteigerinnen und Bergsteiger Gipfelbesteigungen? „Es ist ein unglaublicher Druck: Sponsoren, Fans, die Allgemeinheit. Dem auszuweichen kann schwierig sein“, erklärt der Südtiroler Bergsteiger Simon Messner mögliche Motive. Vor allem Menschen, die vom Bergsteigen leben, seien einer enormen Erwartungshaltung ausgesetzt – und würden mitunter immer schwierigere Routen und Gipfel ausprobieren, um ihren Nimbus zu halten. Scheitern verkaufe sich eben schlechter als der Triumph.
Was rät der erfahrene Alpinist jungen Bergsteigerinnen und Bergsteigern? „Macht es für euch, dann muss man gar nicht lügen. Sonst belügt man sich ja selbst. Dreht um, wenn es zu schwierig ist. Das ist immer noch das, wo man am meisten lernt“, sagt Messner.