Solo-Alpinismus

Jost Kobusch: Allein auf 8.000 Metern

Interview • 1. August 2017
von Simon Schöpf

Jost Kobusch steigt gern auf Berge. Auf 8.000 Meter hohe. Alleine. Mit Anfang zwanzig. Anlässlich seines 25. Geburtstages haben wir mit dem jungen Solo-Extrembergsteiger aus Deutschland über den puren Alpinismus, Schutzengel und seine Omas gesprochen. Plus: Wir verlosen 5 Exemplare seines Buches „Ich Oben Allein“!

Jost am Weg zum Camp 4, Annapurna. 7.400 Meter über dem Meer.
Foto: Jost Kobusch
Jost 7.400 Meter über dem Meer, am Weg zum Camp 4, Annapurna.

Bergwelten: Was sagt deine Oma zu deiner großen Leidenschaft, dem Solo-Bergsteigen?

Jost Kobusch: Geile Frage! Also, ich hab ja noch zwei Omas, oder eigentlich drei, eine von der Stiefmutter noch dazu. Die weiß aber gar nicht so richtig, was ich so treibe. Die andere schon so ein bisschen mehr, die kann sich aber nichts darunter vorstellen, weil sie keinen Bezug zu den Bergen hat. Die dritte Oma ist dafür mein größter Fan und verfolgt meine Expeditionen mit totaler Begeisterung, die findet das irgendwo cool. Sorgen machen sich die aber keine, das sind eher die Eltern. Die Omas lässt das kalt.

Warum bist du lieber alleine am Berg, wo ist der Reiz?

Prinzipiell: Allein ist alles schwieriger. Für mich ist das die einfachste, die reinste Form des Bergsteigens. Möglichst wenige Hilfsmittel, möglichst wenig Ausrüstung, möglichst viel selbst schleppen. Wahrscheinlich bin ich also auch ein klein wenig Masochist.

Camp 1. Im Hintergrund die Annapurna, Josts erster 8.000er.
Foto: Jost Kobusch
Camp 1. Im Hintergrund die Annapurna, Josts erster 8.000er.

Zynisch gefragt: Braucht man als Profi-solo-Bergsteiger auch ein verdammt großes Ego?

Ich denke schon, dass ein großes Ego einen unglaublich pushed und überhaupt erst die Motivation liefert, solche Sachen zu machen. Ich hoffe, glaube, wünsche allerdings, dass mein Ego mit der Zeit kleiner geworden ist. Durch die ganzen Sachen, die schon schief gelaufen sind, habe ich Demut gelernt. Der Berg ist kein Trainingsgerät, sondern eine unbändige Kraft, und wir auf ihm nur ein kleiner Punkt.

Angst, Verzweiflung, Hilflosigkeit: Kennst du solche Gefühle auch?

Angst spüre ich am meisten vor dem Projekt. Die Ungewissheit, wie dann alles vor Ort im Detail aussieht, wie die Bedingungen wirklich sind, das macht ein wenig Bange. Sobald ich dann aber am Berg bin, verschwindet die Angst. Dann ist da dieser Tunnelblick, vollste Konzentration auf die Bewegung, die Abläufe. Die Angst verschiebt sich ins Unterbewusstsein und erzwingt Konzentration.

Allein am Gipfel des Ama Dablam: Als jüngste Person überhaupt!
Foto: Jost Kobusch
Allein am Gipfel des Ama Dablam: Als jüngste Person überhaupt!

War es auch schon mal – du entschuldigst den Ausdruck – “arschknapp” für dich am Berg?

Oh ja, so einige Male. Das lag hauptsächlich daran, dass ich früh Sachen gemacht habe, die ein paar Nummer zu groß für mich waren (e.g., Ama Dablam solo mit 21 Jahren, Anm.). Ich war einfach nicht bereit dafür. Aber aus diesen Situationen, die relativ brenzlig waren, habe ich viel gelernt.

Hast du für alle Fälle einen Schutzengel, einen Talisman?

Ja, einen Glücksbringer: Ich hab’ so eine klassisch-tibetische Halskette mit Steinen und Korallen, wie man sie vom Messner kennt, die ist immer mit dabei. Aber gerade die Annapurna-Expedition (8.091 Meter, Solobegehung, Frühjahr 2016, Anm.), ein Berg, der grob 33 Prozent Todesrate hat, lehrte mir Demut und veränderte meinen Blickwinkel auf den Tod total.

Stichwort Annapurna: Der Schweizer Top-Alpinist Ueli Steck ist am 30. April diesen Jahres am Nuptse tödlich verunglückt, er war alleine unterwegs. Uelis Absturz löste viele Diskussionen über das Solo-Bergsteigen in den Medien aus. Schrecken dich Unfälle wie diese ab?

Also erstmal habe ich ein paar verlässliche Quellen gecheckt, ob das auch kein Scherz ist. Als mir dann klar wurde, das ist jetzt Realität, der Ueli ist abgestürzt, da wurde mir eiskalt klar, welche hohen Risiken ich auch persönlich eingehe. Wenn es sogar jemanden wie den Ueli trifft, mit so viel mehr Erfahrung wie ich sie habe, dann kann es jeden treffen. Oft denkt man: „Wird schon gutgehen!“, doch das ist genau der falsche Ansatz.

Ueli Steck
Erst im Frühjahr hat uns der Schweizer Top-Alpinist Ueli Steck für ein Fotoshooting besucht. Am 30. April ist er am Nuptse beim Mount Everest tödlich verunglückt. Klaus Haselböck erinnert sich an die „Swiss Machine“.

Du schreibst: „Allein bergzusteigen ist die reinste Form für mich.“ Wird dir allein auch mal langweilig? Wünschst du dir einen guten Partner/Partnerin herbei?

Am Berg bin ich zwar allein, aber ich bin nicht einsam. Das sind zwei total verschiedene Sachen. Ich gehe allein, um meine Ruhe zu haben und um in mich gehen zu können, Solobergsteigen ist für mich eine Form von Meditation. Unser Alltag ist so voller Handys, Fernseher und sonstigen Ablenkungen, da hat man kaum Zeit, über die essentiellen Dinge nachzudenken. Am Berg schon. Klar, manchmal wäre es schön, mit jemandem zu diskutieren, aber da spreche ich einfach mit mir selbst. Oder singe ein Lied.

Wer allein am Weg ist, muss viel schleppen. Hast du einen Packtipp für uns Normalbergsteiger?

Es gibt Leute, die sägen Zahnbürste durch, um Gewicht zu sparen. Ich nehme sie lieber gar nicht mit. Da sparst du dir auch noch die Zahnpasta.

In wenigen Tagen wirst du 25. Was wünschst du dir zum Geburtstag?

Ich habe unermesslich große Wünsche, aber die sind alle streng geheim. Ich würd mir wünschen, dass ich so weitermachen kann wie bisher. Ich habe endlich das gefunden, was mich erfüllt.

Jost unterwegs Richtung Lhotse, Himalaya.
Foto: Jost Kobusch
Jost unterwegs Richtung Lhotse, Himalaya.

In deinem Buch schreibst du: „Ich versuche im Hier und Jetzt zu leben. Was morgen ist, weiß ich nicht.“ Trotzdem: Was kommt morgen?

Pläne habe ich natürlich schon. Was kommt: natürlich mehr Solos, allerdings welche, wo ich komplett auf mich allein gestellt bin. An der Annapurna, da waren auch Fixseile, klar habe ich die dann benutzt. Aber zum Beispiel zum Denali, im Winter, das wär was: Da ist dann wirklich niemand sonst. Das ist dann richtiger Alpinismus, das heißt erforschen, wirklich draußen sein, pionieering, ohne Infrastruktur. Das ist ein richtiges Abenteuer.

Die große Frage zum Schluss: Worum geht’s im Leben?

Ich denke es geht darum, etwas zu machen, das einen wirklich, wirklich erfüllt. Etwas, von dem man überzeugt ist, das es das Richtige ist. Was ist eigentlich egal, man darf nur nichts bereuen. Hier passt mein Lebensmotto: Just go for it!


Gewinnspiel: 5x Jost Kobuschs Buch „Ich. Oben. Allein.“

Untertitel von Josts Buch: „Vom Überleben eines jungen Solo-Bergsteigers.“ Wenn das mal kein vernünftiger Untertitel ist! Wir verlosen 5 Exemplare des äußerst inspirierenden Buches, erschienen im Riva-Verlag 2017. Was du dafür tun musst? Schreib' einfach ein Kommentar unter diesem Artikel, warum du das Buch gerne lesen würdest. Es gelten die Teilnahmebedingungen. Teilnahmeschluss ist der 20.8.2017. Viel Glück!

Jost Kobusch: „Ich Oben Allein“
Foto: riva Verlag
Jost Kobusch: „Ich Oben Allein“

Nach dem Interview bedankt sich Jost erleichtert und auch ein wenig verwundert, dass wir ihn gar nicht auf sein Everst-Basecamp-Lawinen-Video angesprochen haben. Welches Video? Das vom 25. April 2015, als er als damals 22-jähriger die gigantische Lawine mit seinem Handy filmte, die das Everest Base Camp nach dem Erdbeben in Nepal überrollte. Aber das Video hast du bestimmt schon gesehen. Was Jost heute über sein virales Filmchen (23 Millionen Views!) denkt? Da musst du wohl das Buch lesen!


 

Bergwelten entdecken