Berg-Philosophie

Gipfel-Zeit: Vom Wert des Bergmoments

• 8. März 2018
von Christina Geyer

Warum Zeit nicht gleich Zeit ist und es nicht ganz so wichtig ist, ob sie schnell oder langsam vergeht. Ein Plädoyer für „große“ Zeit. Am Berg zum Beispiel.

Gipfelpanorama: Zugspitze in Bayern
Foto: mauritius images / BY
Gipfelpanorama: Blick von der Zugspitze (2.962 m) im Wettersteingebirge

Es ist erstaunlich, dass sich die meisten von uns permanent „mehr“ Zeit wünschen, weil sie angeblich „keine“ haben. Immerhin dauert ein Tag für jeden Menschen gleichermaßen 24 Stunden. Er vergeht nicht „schneller“ für den einen als für den anderen. Und trotzdem wissen wir natürlich, dass sich manche Minuten zäh wie Kaugummi anfühlen können, während andere wie im Flug zu verstreichen scheinen. Am Berg zum Beispiel – zumindest für passionierte Kraxler.

Allerdings sagt das subjektiv erlebte Tempo der Zeit nicht zwangsläufig etwas über ihren qualitativen Wert aus. Zwei Tage im Büro können ebenso schnell vergehen wie zwei Tage am Berg. Und trotzdem macht es einen Unterschied, ob sie schnell vergeht, weil man von einem Termin in den nächsten hetzt oder man einem Gipfel entgegenschreitet. Man kann behaupten, dass Zeit auch „groß“ und „klein“ sein kann – ganz unabhängig von der Geschwindigkeit ihres Ablaufs.

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Im Jahr 1953 erreichten der neuseeländische Bergsteiger Sir Edmund Hillary und der nepalesische Sherpa Tenzing Norgay erstmals den Gipfel des Mount Everest (8.848 m). Als Hillary einmal gefragt wurde, warum er auf hohe Berge steigt, gab er ganz lapidar zur Antwort: „Weil sie da sind.“ Er hätte auch sagen können: Weil halt. Aber: Wie plausibel ist diese Begründung eigentlich? Ist sie überhaupt ein Grund im herkömmlichen Sinne?

Groß ist die Zeit dann, wenn sie einen hohen Erlebniswert hat, sich im jeweils gegenwärtigen Augenblick, also im „Jetzt“, ausdehnt und dicht bepackt mit Eindrücken ist. Kurzum: Wird Zeit intensiv und bewusst genutzt, wie etwa beim Bergsteigen, wird sie groß. Verbringen wir sie hingegen in gewohnter Manier, zum Beispiel am Schreibtisch, ist sie vergleichsweise klein. Aus gutem Grund: Routinierte Abläufe bedürfen in der Regel nicht derselben Aufmerksamkeit und Wachsamkeit wie eine Bergtour, wo jeder Schritt wohlüberlegt sein will.

So kommt es vor, dass eine Woche im Büro rückblickend wie ein einziger Wimpernschlag, ein in sich abgeschlossener Augenblick, erscheint – wohingegen ein Wochenende am Berg in unzählige, weil durchwegs neue Momente zerfällt. Von großer Zeit kann man zehren, sie hallt gewissermaßen nach und begleitet uns zuweilen noch tagelang im Alltag. Wir erinnern uns ihrer als besonderes Erlebnis, weil sie sich von alltäglichen Tätigkeiten scharf abhebt und darum als präzises Ereignis in in unserem Erinnerungsvermögen archiviert werden kann.

Panorama in den Alpen
Foto: mauritius images / Maximilian Prechtel
Große Berg-Zeit: Panorama in den Alpen

Das heißt nicht, dass kleine Zeit wertlos ist. Besondere Momente sind eben darum besonders, weil sie sich von den gewöhnlichen absetzen und eben nicht alltäglich sind. Ob die Zeit nun also schnell oder langsam vergeht: Man sollte sich auch fragen, ob sie im Sinne einer großen Zeit sinnvoll genutzt wird. Am Berg geht das schon einmal ganz hervorragend.

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