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David Lama: Über das Unmögliche

Blog • 3. Mai 2019
2 Min. Lesezeit
von David Lama

Vor fünfzig Jahren erschien Reinhold Messners Aufruf gegen die übermäßige Verwendung technischer Hilfsmittel beim Klettern. Im Kern stimmt David Lama seiner Kritik noch immer zu (erschienen im Bergwelten Magazin Juni/Juli 2018).

David Lama und sein Partner auf dem Weg zum Cerro Torre 2012
Foto: Corey Rich / Red Bull Content Pool
David Lama und sein Partner auf dem Weg zum Cerro Torre 2012
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Mit entsprechender Ausrüs­tung lässt sich, zumindest theoretisch, jede Wand be­zwingen. Reinhold Messner hat das schon 1968, im Zeitalter der Direttissimas, er­kannt und den Aufsatz „Mord am Unmög­lichen“ verfasst. Sein Plädoyer gilt heute, zu­mal das Material leichter und effizienter ge­worden ist, umso mehr: Wenn der Berg mit allen Mitteln überlistet wird, wenn es kein Unmöglich mehr gibt, wo finden wir noch eine Herausforderung? Wenn wir uns einer Grenze annähern oder sie verschieben wol­len, muss diese Grenze existent sein.

Das Bergsteigen entwickelte sich nach 1968 in eine andere Richtung weiter, das Freiklettern wurde zu einem der wichtigsten Leitbilder. Messners damalige Prophezeiung – „die nach uns kommen, werden den Gip­fel auf anderen Wegen suchen“ – trat ein.

Im Gegensatz zu ihm bin ich jedoch weit davon entfernt, den Bohrhaken zu verteu­feln. Er hat dem Sport Türen geöffnet und Trainingsmöglichkeiten geschaffen, ohne die wir bei den gekletterten Schwierigkeits­ graden nicht da wären, wo wir jetzt sind. Aber hätte man den Bohrhaken beim Berg­ steigen weiterhin so unbedacht eingesetzt wie vor fünfzig Jahren, wären solche Be­fürchtungen eingetroffen: das Ende des Abenteuers, das wir doch eigentlich suchen.

Das größte Maß an Abenteuer im Alpi­nismus repräsentieren für mich Erstbe­ gehungen. Immer sind sie mit einer Por­tion Ungewissheit verbunden, der nur der persönliche Entdeckergeist und die eigene Vision entgegenstehen.

Am wohlsten fühle ich mich derzeit bei Erstbegehungen, die nicht den Spezialisten, sondern den kompletten Kletterer fordern. Bei Routen wie zuletzt im Valser Tal in Tirol geht es nicht darum, in einer einzigen Dis­ziplin möglichst perfekt zu sein, sondern zu schauen, wie man etwas möglich macht, mit dem Material, das man mitschleppt, mit den Fähigkeiten, die man erlernt hat, egal ob im Eis, Fels oder Schnee.

Für mich kann das durchaus bedeuten, passagenweise technisch zu klettern, wenn ich beim Freiklettern hohe Stürze in pre­käre Sicherungen riskieren müsste. Ich variiere meinen Stil, passe ihn dem jewei­ligen Projekt an.

Gleichzeitig ist mir bewusst, dass ein Erstbegeher eine Verantwortung hat, die ich nicht als Verantwortung gegenüber dem anderen, sondern gegenüber sich selbst definieren möchte: Wie würde man sich wünschen, dass die Route realisiert wird? Wie sieht der schönste Stil aus, in dem das Projekt vorstellbar ist?

Je mehr man sich mit einer Wand aus­ einandersetzt, desto mehr begreift man ih­re eigentlichen Schwierigkeiten und umso unmöglicher erscheint dann manchmal die ursprüngliche Idee. Genau das ist der Mo­ment, in dem man sich selbst treu bleiben muss und eben nicht seine Herangehens­weise ändert. Diese Verantwortung gegen­über sich selbst sollte einen bei Erstbegehun­gen leiten, nicht die pauschale Verurteilung von Kletter­ oder Absicherungsstilen.

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