Buch-Neuerscheinung

„Heilkraft der Alpen“ – Helfen Berge heilen?

Interview • 19. Mai 2020
von Martin Foszczynski

Raus in die Natur gehen tut gut – das spüren wir wohl alle. Doch lässt sich die positive Wirkung der Berge auch wissenschaftlich nachweisen? Mediziner Arnulf Hartl und Journalistin Christina Geyer sind dieser Frage in einem spannenden neuen Buch auf den Grund gegangen – wir haben die Co-Autorin zum Gespräch gebeten.

Heilkraft der Alpen
Foto: Unsplash/ Florian Uriguen
Berge führen weg aus dem Alltagsstress - können sie auch heilen?

Bergwelten: Der Untertitel Ihres Buchs lautet „Berge helfen heilen“ – wie ist das zu verstehen? Welche Art von Beschwerden können besonders geheilt werden?

Christina Geyer: Die Frage sollte eher lauten: Welche Art von Beschwerden können nicht geheilt werden? Das Institut für Ökomedizin an der PMU in Salzburg hat hier Pionierarbeit geleistet. Ihm ist, unter federführendem Einsatz meines Co-Autors, Dr. Arnulf Hartl, nicht weniger gelungen als die intuitive Sehnsucht nach Natur auf eine wissenschaftlich solide Grundlage zu stellen. Diese evidenzbasierte Beweisführung belegt: Natur wirkt sowohl auf unsere Physiologie als auch auf unsere Psyche. Ihr sind dabei nahezu keine Grenzen gesetzt. Freilich ist Natur jetzt nicht als „Zauberzuckerl“ zu verstehen, aber sie wirkt bei wirklich nahezu jedem Beschwerdebild positiv. Und wenn sie nur einen psychischen Effekt freisetzt, der uns beispielsweise im Umgang mit chronischen Schmerzen hilft, indem sie uns entspannt oder unsere Aufmerksamkeit von ebensolchen Schmerzen abzieht. Wir alle kennen wohl diesen meditativen Zustand des „Starrens“: Wenn sich unser Blick in dichten Baumkronen verfängt, in Fließgewässern oder in sanft wogenden Wiesen. Um einige konkretere Beispiele zu nennen: Die Krimmler Wasserfälle im Pinzgau wirken nachweislich und nachhaltig auf Asthmaerkrankungen, der Gartl Wasserfall in Kärnten hilft bei Burnout, Wandern wiederum entfaltet bei psychischen Erkrankungen ähnliche Effekte wie ein hochpotentes Antidepressivum, Höhenluft lindert Allergien und Atembeschwerden. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Intuitiv spüren wir wohl alle, dass das Rausgehen in die Natur eine wohltuende Wirkung auf uns hat. Doch wie lautet die wissenschaftliche Erklärung dafür? Was macht die Natur mit Körper und Geist?

Darauf gibt es keine Universalantwort. Um eins der oben genannten Beispiele aufzugreifen: Die Krimmler Wasserfälle etwa helfen bei Asthma in Form ihrer sogenannten Wasser-Aerosole. Damit werden winzig kleine Partikel bezeichnet, die im Sprühnebel des Wasserfall-Mikroklimas entstehen. Diese Partikel sind noch viel, viel kleiner als die Tröpfchen eines Asthmasprays, weshalb sie besonders tief in die Lunge vordringen können. Dort entfalten sie ihre immunologische Wirkkraft. Das Wandern wiederum wird zweifelsohne durch die positiven Effekte der Bewegung befeuert. Aber nicht ausschließlich.

Die psychischen Benefits von Naturerleben lassen sich mit mehreren Theorien erklären. Da gibt es etwa die ART (Attention-Restoration-Theory) oder die SRT (Stress-Reduction-Theory). Ihnen zufolge fördert Natur unsere Gesundheit mit einer Art Durchatmungsgarantie, wenn man so will. Vereinfacht ausgedrückt: Sind wir gerade in Großstädten einer permanenten Dauerbeschallung ausgesetzt, so ist Natur der Stoppknopf zwischen Menschentrauben, Gehupe, Leuchtreklamen, Geblinke, Polizeisirenen und Deadlines. In der Natur kommen wir zur Ruhe. Die ART etwa folgt der Idee, wonach jeder Mensch nur über eine gewisse Kapazität an Aufmerksamkeit verfügt. Ist diese aufgebraucht, geht nichts mehr: Dann brüten wir über Papieren, ohne etwas weiterzubringen. Hier befinden wir uns quasi im Anfangsstudium eines drohenden Burnouts. Beim Gehen in der Natur bedarf es keiner solchen „gezielten“ Aufmerksamkeit – hier müssen wir uns auf nichts Konkretes konzentrieren und uns zu Höchstleistungen zwingen. Wir können ganz entspannt wahrnehmen, was um uns herum passiert, ohne unsere Aufmerksamkeit auf etwas Spezifisches zu lenken. Das führt laut ART dazu, dass sich unsere leergesaugte Aufmerksamkeitskapazität wieder aufladen kann. Die Natur ist so besehen wie eine kolossale Energiebatterie, an der wir uns mit neuer Aufmerksamkeit betanken können.

Krimmler Wasserfälle
Foto: Unsplash/ Abdulrhman Alkhnaifer
Die Krimmler Wasserfälle im Nationalpark Hohe Tauern helfen mittels Wasser-Aerosole bei Asthma

Warum ist die Bewegung in der Natur wirkungsvoller als am Laufband?

Bewegung ist natürlich immer sinnvoll und gut. Auch am Laufband. Allerdings legen Studien nahe, dass die positiven Effekte von Bewegung noch größer sind, wenn sie in freier Natur ausgeübt werden. Man geht davon aus, dass hier unsere Urahnen anklopfen. Wir haben doch mehr gemein mit unserem Vorfahren, dem Steinzeitmenschen, als uns vielleicht lieb ist. Die Signalfarbe Grün etwa war ihm eine Art Selbstbestätigung der eigenen Überlebensfähigkeit. Hier grünt es, hier gedeihen Fauna und Flora, hier muss es also Wasser und damit auch Tiere – respektive Beute – geben. Dass wir den Blick ins Grüne nach wie vor als beglückend empfinden, das ist eine Hommage an unsere evolutionär codierten Triebe. Wir sollten auch nicht vergessen, dass wir selbst Kinder der Natur sind. Wir mögen das angesichts unserer hochtechnologisierten Lebenswelt zuweilen vergessen, aber gemessen an der Zeit, die wir draußen gelebt haben, ist der moderne Mensch nur eine Fußnote in der Geschichte unserer Art. Die Erzählung des Menschen als urbanisierte Spezies, die ist verglichen mit dem Epos des Menschen als Naturwesen – zumindest vorläufig noch – eine sehr kurze.

Ist es die Natur, die heilt, oder spielt auch das Gehen eine entscheidende Rolle?

Es ist tatsächlich beides. Natur heilt, das ist wissenschaftlich-medizinisch erwiesen. Um nochmals die Farbe Grün als visuelles Flaggschiff der Natur aufzugreifen: Es gibt Studien, die belegen, dass postoperative Patienten schneller gesunden, wenn sie von ihrem Krankenbett aus auf einen Baum sehen. Selbst Zimmerpflanzen führen zu messbaren Ausschlägen des psychischen Wohlbefindens. Freilich aber sind auch die Effekte von Bewegung vielfach verbrieft. Wer etwa täglich eine Distanz von sieben Kilometern zurücklegt, der erzielt nachhaltig positive Gesundheitseffekte. Daran orientiert sich auch die offizielle Empfehlung der WHO: Jeden Tag sieben Kilometer gehen hält fit und beugt Zivilisationskrankheiten vor. Was Bewegung für unser Gehirn zu vollbringen vermag, das lässt sich gar nicht ausführlich genug schildern. Umso besorgniserregender ist der Trend des modernen Menschen hin zu einem fast ausschließlich sitzenden Lebensstil. Wir verbringen einen Gutteil unseres Lebens bereits im Sitzen und in Innenräumen. Man muss sich einmal vorstellen: Unsere Vorfahren haben täglich noch etwa 20 Kilometer pro Tag zurückgelegt, der Büromensch des 21. Jahrhunderts bringt es mit Ach und Krach noch auf drei bis vier Kilometer. Wir dürfen uns über das Grassieren klassischer Zivilisationskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Allergien und Übergewicht nicht wundern. Der Mensch ist nicht fürs Sitzen ausgelegt. Das klassische Arbeitsleben ist eigentlich ein formvollendetes Paradebeispiel für die nicht-artgerechte Haltung eines Lebewesens.

Es ist also evolutionär bedingt, dass es den Menschen in die Natur zieht? Stichwort: Zurück zur Natur?

Ja. Hier sei an die Signalfarbe Grün erinnert. Einzig der Slogan „Zurück zur Natur“ ist irreführend. Wir arbeiten seit Jahren am Primat eines künstlich konstruierten Gegensatzes: Die „gute“ Natur auf der einen Seite, der „böse“ Mensch auf der anderen. Ohne den Einfluss des Menschen auf seine Umwelt leugnen zu wollen, aber es ist denkunmöglich, eine Sphäre Mensch aus einer Sphäre Natur heraustrennen zu wollen. Wir sind aus Natur entstanden und Teil von ihr. So besehen brauchen wir kein „zurück“, wir sind mittendrin. Das heißt natürlich nicht, dass jede noch so rücksichtslose Ausbeutung von natürlichen Ressourcen legitim wäre. Aber die seit der Romantik vorherrschende Idealisierung von Natur führt gleichzeitig auch zu einer fragwürdigen Abwertung des Menschen. Es gibt Naturstudien, die Jugendliche zu ihrem Naturverhältnis befragt haben. Ein Großteil gab an, dass die Natur besser dran wäre, wenn der Mensch sie nicht mehr betreten würde. Das ist besorgniserregend. Die Natur ist auch unser Zuhause, sie sollte nicht mit einem Betretungsverbot für den Menschen belegt werden. Es braucht vielmehr eine bewusstere Herangehensweise, einen sorgsameren Umgang mit den kostbaren Naturschätzen unserer Alpen.

Der Mensch ist Teil der Natur

Spielen die spezielle Topographie und Vegetation der Alpen eine Rolle in der Heilwirkung? Oder wäre eine solche auch in anderen, etwa auch flacheren, Naturlandschaften gleich?

Jeder Naturraum hat seine eigene spezielle Wirkung. Man spricht im Wesentlichen von „Green Spaces“ für Grünflächen, „Blue Spaces“ für Gewässer – darunter fallen Bäche, Seen, das Meer – und neuerdings auch von „White Spaces“ für winterliche Schneelandschaften. Der Mensch giert nach Kategorisierung, aber freilich ist es einerlei, ob man an einem Bach spazierengeht, auf einen Gipfel steigt oder im Wald umherstreift: Natur tut uns gut. Es ist unserem persönlichen Gusto überlassen aus der schier unendlichen Vielfalt ihrer Räume den passenden für unser Bedürfnis und unsere Vorlieben herauszuwählen.

Sie sind aus der Stadt aufs Land, in die steirische Nationalpark-Region Gesäuse, gezogen – wie hat sich Ihr Leben seither verändert? Was sind Ihre persönlichen Erfahrungen mit der Heilkraft der Berge?

Nach bald zwei Jahren auf dem Land kann ich unumwunden festhalten: Ich war noch nie so glücklich und habe meine Entscheidung bisher nicht bereut. Ich war immer schon viel draußen unterwegs, seit meiner Recherche für das Buch befolge ich die Empfehlung der sieben Kilometer pro Tag. Manchmal ist es nur ein kleiner Spaziergang, mal sind es ausgedehnte Bergtouren. Aber ich bin jeden Tag draußen und bewege mich. Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen: Ja, das macht etwas mit einem. Das verändert einen.

Wird der Urlaub in den Alpen Ihrer Einschätzung nach in der Nach-Corona-Zeit eine Renaissance erleben? Birgt das auch Gefahren?

Ich könnte mir gut vorstellen, dass viele Österreicher ihren Urlaub heuer aufs Inland verlegen. Ich wünsche mir das zumindest. Es muss nicht immer die exotische Urlaubsdestination sein. Wir sind gesegnet mit einer unglaublich vielfältigen Natur. Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nahe liegt?

Heilkraft der Alpen
Foto: Thomas Sattler
Co-Autorin Christina Geyer ist selbst aus der Stadt in die Berge gezogen

Christina Geyer, gebürtige Wienerin, lebt und arbeitet als freie Journalistin in der steirischen Nationalparkregion Gesäuse.

Buch-Tipp

Arnulf Hartl, Christina Geyer: Heilkraft der Alpen, Wandern für die Gesundheit: Berge helfen heilen, 224 Seiten, Bergwelten Verlag.

Heilkraft der Alpen
Foto: Benevento
Das Buch „Heilkraft der Alpen" ist am 20. Mai erschienen

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