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Ein Kletterer genießt den Ausblick vom Kitzbüheler Horn
Foto: Sebastian Stiphout
Bergporträt

Die Kitzbüheler Alpen

• 9. September 2021

Stanglalm statt Stanglwirt, Nocken statt Schampus, Wandern statt Pistengaudi: Nur wer die Region im Sommer besucht, kann die Kitzbüheler Alpen wirklich verstehen. Ein Berg-Psychogramm.

Dominik Prantl für das Bergweltenmagazin Juni/Juli 2019

Ach, Kitzbühel, was bist du doch wichtig. Nein, ehrlich, dein Name ist nicht nur der Welt des Sports, sondern dem gesamten Universum ein Begriff und das Aushängeschild der Wintersportdestination Österreich. 

Besonders im Jänner, wenn das überhaupt geilste Skirennen der Welt den Jetset lockt und die besten Partys mit mindestens überregionalen Spezialitäten vom Atlantikhummer bis zum Taittinger Champagner gefeiert werden. Wenn der sanft alternde Arnie Schwarzenegger den Andreas Gabalier, diese Macht der Volksmusik, mit Weißwurst füttert, und das im Stanglwirt, der voll auf Kitzbühel macht, obwohl er gar nicht dort liegt. 

Ach, du Kitzbühel, wo sich jeder Münchner, der etwas von sich und seinem Geldbeutel hält, mindestens ein Häuschen zulegt. Aber Moment. Sind dieser Zirkus und seine Klischees wirklich alles? Wo sind die Typen jenseits von Funk, Fernsehen und Facebook? Das führt nun zu ein paar weiteren Fragen. Vier Fragen, um genau zu sein, und wir beginnen passenderweise auf jenem Berg, der so heißt wie die Stadt, dem Kitzbüheler Horn.

Der Klettersteig auf das Kitzbüheler Horn
Foto: Sebastian Stiphout
Durch die felsige Nordseite des Kitzbüheler Horns führt ein Klettersteig bis hinauf zum Gipfel.
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1. Was hat die Stanglalm mit dem Stanglwirt zu tun?

Das Kitzbüheler Horn, das wird bald klar, ist ein – nun ja – erstaunlicher Berg. Ist er doch nicht einmal besonders groß, nur 1.996 Meter, was selbst für Kitzbüheler Verhältnisse bestenfalls Mittelmaß bedeutet. Dabei geht es ihm wie vielen Prominenten: Er wirkt nicht nur größer, als er ist, er steht auch recht einsam da. Der nächste Gipfel, der ihn überragt, ist knapp neun Kilometer entfernt.

Außerdem steht ein Sendeturm ganz oben, weshalb das Horn ein jeder von weitem erkennt wie einen Clown im Gewand. Aber: Bei all dem Touristengewusel gibt es noch immer ruhigere Ecken. Eine davon – von der Harschbichl-Bergstation oberhalb von St. Johann in einem nur halbstündigen Spaziergang zu erreichen – heißt Stanglalm.

Dort empfängt Sepp Thaler die Gäste mit den Worten: „Hinsetzen. Ned frech sein.“ Man brauche aber nicht zu beten, denn es bestehe keine Gefahr: „Heute hat mei Frau kocht.“ Natürlich kocht seine Frau Therese nicht nur heute. Und sie kann es, das Kochen. Auf der Karte stehen Bergnocken, Speckknödel und Schnitzel.

Ihr Urgroßvater war’s, der die Alm dem Stanglwirt abkaufte, und wenn man so will, ist Therese das Herz des Wirtshauses auf knapp 1.500 Metern, während ihr Mann wohl die Seele verkörpert. Oder das Mundwerk. Mit seinem wallenden grauen Bart rein phänotypisch auch für den Moderatorenjob von „Klingendes Österreich“ prädestiniert, wäre der Sepp als eine Art regionale Spezialität auch der perfekte Frontjuror in der bislang freilich noch zu produzierenden Sendung „Kitzbühel sucht den Superwirt“.

Gesichter der Region

Da gäbe es durchaus einige Kandidaten. Wobei Sepp Thaler nicht nur Wirt ist, sondern langjähriger Feuerwehrler, Bergbahnmitarbeiter, Jäger, Rentner und so eine Art Völkerverständiger. Die Feuerwehrler von St. Johann und Kitzbühel: Als durch das Kitzbüheler Horn getrennte Ortschaften pflegen sie ein Verhältnis, wie es nur unter Nachbarn möglich ist. 

Nach eigenem Bekunden hatte er es erstmals nach fünfzig Jahren geschafft, alle zu einer gemeinsamen Übung zu bewegen. „Ich sagte: Besonders begrüße ich die heruntergekommenen Kitzbüheler.“ 

2. Wo ist vorne, wo ist hinten?

Nachdenklich, aber mit einem Lächeln auf den Lippen unterzieht man das Kitzbüheler Horn einem Charaktertest. Denn der Gipfelaufbau offenbart eine gespaltene Persönlichkeit, Dr. Jekyll und Mr. Hyde quasi: Auf der einen Seite gleitet das Horn fast sanft nach Kitzbühel ab, auf der anderen blickt es wild und düster über St. Johann. 

Welche von den beiden Seiten vorne und hinten ist, entpuppt sich als Frage der Perspektive. Im Tal unten wird später jemand verraten: „Wenn der St. Johanner vom Horn von vorne spricht, ist das für den Kitzbüheler das Horn von hinten.“ Auf der vorderen, also der wilden Seite des Horns gibt es tatsächlich noch Murmeltiere. Sie werden von den wenigsten Bergbesuchern entdeckt, obwohl sie nur ein paar Gehminuten südlich der Harschbichlbahn ihre Baue haben.

Das Kitzbüheler Horn
Foto: Sebastian Stiphout
Das Kitzbüheler Horn mag nicht besonders hoch sein, ist aber eine markante Erscheinung, und das nicht nur wegen des 102 Meter hohen Sendemastens.

Nicht weit davon führt ein kurzer und zumindest für den Ungeübten fordernder Klettersteig durch die steil abfallende und felsige Nordseite. Felsen und Klettersteige sind eigentlich nicht gerade typisch fürdie gern etwas abfällig als „Grasberge“ bezeichneten Kitzbüheler Alpen. Dabei hängt der Felsanteil stark davon ab, wie weit man den Begriff „Kitzbüheler Alpen“ überhaupt fassen möchte. 

Wie fließend und vor allem individuell die Grenzen der Kitzbüheler Alpen sind, erfährt man spätestens, wenn man Markus Bendler in seinem kleinen Sportladen in Kirchdorf besucht. 

Markus Bendler, Jahrgang 1984, war zweimal Eiskletterweltmeister und musste als Kletterprofi irgendwann feststellen, „dass ich mehr über das Klettern rede, als dass ich selber klettern gehe“. Dafür sieht er in seinem ärmellosen Shirt zwar reichlich durchtrainiert aus, aber es ist ja nicht so, dass er mit der Profikarriere auch die Bergbegeisterung an den Nagel gehängt hätte. 

Bendler gibt auch Mountainbiketipps wie zum Beispiel die Tour zum Adlerspoint; vor allem kennt er den Wilden Kaiser, das wichtigste Kletterrevier der Region, in etwa so gut wie seine Kaffeemaschine, aus der er gerade einen Espresso lässt.

3. Gab es auch eine Zeit vor dem Tourismus?

Bevor wir nun gleich endgültig dieses Horn verlassen werden, noch schnell ein Blick hinüber zum Wilden Kaiser. Oh, ja, wirklich schön – und so anders als der grüne Süden und die weißen, definitiv nicht-kitzbühelerischen Gipfel der Hohen Tauern am Horizont. 

Dann hinab ins Alpenhaus. Das kann dauern, denn auf dem Weg dorthin liegen ein sehenswerter Alpenblumengarten und ein wirklich für Kinder angelegter Kids-Klettersteig. Das Alpenhaus selbst ist zwar nicht zwingend einen Umweg wert, sein Inhaber Franz Reisch hingegen schon: Franz Reisch hat Bilder mitgebracht, vergilbt und aus einer Zeit, als das Alpenhaus noch eine Hütte war und das Gondelfahren ein veritables Abenteuer. 

Die Gruppe beim Zustieg zum Klettersteig
Foto: Sebastian Stiphout
Der Weg zum Tristkogel-Klettersteig führt teils durch wegloses Gelände.

Dabei ist er selbst so etwas wie ein Geschichtsbuch, was viel mit seinem Respekt vor dem Erbe und seinen Ahnen zu tun hat; das Gespräch eröffnet er mit dem Satz: „Wir haben das Glück, etwas weiterverwalten zu dürfen.“ Die Visionen hätten ja schon die Generationen vor ihm gehabt. Und damit sind wir bei seinem Urgroßvater.

Der hieß ebenfalls Franz, kam Ende des 19. Jahrhunderts aus Kufstein ins noch bäuerlich geprägte Kitzbühel und brachte als Bergsteiger und Skifahrer jene Ideen mit, die den Ort für immer verändern sollten. Er initiierte das erste Grandhotel, errichtete das Sporthotel Reisch, gründete den Kitzbüheler Skiclub, war zehn Jahre lang der Bürgermeister Kitzbühels und muss es irgendwann dazwischen auch noch fertiggebracht haben, sieben Kinder in die Welt zu setzen.

Vor allem aber machte er das Kitzbüheler Horn – nachdem ihm dort 1893 die erste Winterbesteigung auf Ski gelungen war – zu einer touristischen Kernzone. Unter anderem baute er das Alpen- und das Gipfelhaus. Zu letzterem brachte er damals jeden Nagel und jeden Stein selbst mit einem Esel hoch. Die Reischs sollten auch in den folgenden hundert Jahren nicht untätig bleiben.

Franz’ Großvater Walter machte das Alpenhaus zum Hotel, Vater Ernst-Walter legte die Panoramastraße an. Und Urenkel Frank? „Meine Vision ist der Sommer. Der hat heute einen anderen Status. Im Winter ist doch schon alles da.“ Nun also weg vom Kitzbüheler Horn, das nicht nur deshalb fasziniert, weil sich hier Geschichte bündelt, sondern weil es symbolisch für die Kitzbüheler Alpen steht. 

Wer auf eine Karte blickt, stellt fest, dass wohl nirgendwo auf der Welt so viele Gondeln, Lifte und Pisten in die Berglandschaft gesetzt wurden wie hier.

Wandern mit Blick auf den Wilden Kaiser
Foto: Sebastian Stiphout
Wer in Richtung Kelchalm zur Bochumer Hütte hinuntergeht, darf sich über freie Sicht auf den Wilden Kaiser freuen.

4. Wo sind all die Senner hin?

Gleichzeitig gibt es dazwischen aber immer noch genügend Platz für eine andere, eine ruhigere Bergwelt. Man kann, um diese zu erfahren, den quer durch die Kitzbüheler Alpen führenden Weitwanderweg namens KAT Walk, den Kitzbüheler Alpen Trail, unter die Sohlen nehmen.

Oder man geht zum Tristkogel (2.095 m), einem exzellenten Aussichtsgipfel. Um dort hinzugelangen, geht es durch den Kelchalmgraben zum Parkplatz der Bochumer Hütte, vorbei an den Relikten des Kupferbergbaus, der hier Land und Leute prägte.

Nach mehreren Jahrhunderten wurde der Bergbau – abgesehen von einem kurzen Intermezzo in den 1920ern – im Jahre 1909 eingestellt. Als hätte er dem sich langsam entwickelnden Tourismus Platz gemacht. Einsamer Aufstieg, Heidelbeeren am Waldrand, freundliche Kühe… Ach, Kitzbüheler Alpen, was seid ihr schön! Irgendwann muss man sich aber entscheiden, denn auch am Tristkogel gibt es einen Klettersteig und einen Wanderweg.

Wie am Kitzbüheler Horn, nur ohne Menschen. Der Abstieg führt auf alle Fälle an der Toralm vorbei. An einem Tisch sitzen dort ein paar Alte, an einem anderen zwei Mountainbiker aus Oberösterreich. Einer von ihnen schaut in die Landschaft und sagt: „Ein Traum.“ Der Senner, Gottfried Radinger, sagt: „Die Gäste sind hier nicht unbedingt mehr geworden.“

Blick auf die Kitzbüheler Alpen von oben
Foto: Sebastian Stiphout
Während eines Gleitschirmflugs kann man die Kitzbüheler Alpen und St. Johann (Bildmitte) von oben sehen.

Sein Vater hat die Alm 1966 gekauft, erst ein Jahrzehnt später sei ein Fahrweg auf die Toralm angelegt worden. „Ich habe schon als Kind Käse auf Pferdeschlitten gewuchtet“, sagt Radinger. Wer ihm zuhört – „Tilsiter, Sennkäse, Bergkäse, die drei Sorten mach ich, verkaufe alles privat“ –, der geht gleichzeitig auf eine kleine Reise.

Man fragt sich – „vierzig Kühe, vierzig Jungvieh und elf Schweinderl sind heroben“ –, ob es eine Reise in die Vergangenheit oder einfach in die Realität ist. Für Gottfried Radinger sind die Kitzbüheler Grasberge noch immer nicht die Heimat der Streif-Schickimickis oder der Münchner Zweitwohnsitzmenschen, sie sind „die besten Almgebiete europaweit“.

Manchmal fühlt er sich nirgendwo mehr richtig daheim, nicht unten im Tal und auch nicht hier oben, wo er nur den Sommer verbringt. Und sein eigener Chef ist er auch nicht. „Anschaffen tut hier das Vieh, die Natur.“ Nachdenklich geht es wieder zurück, durch Heidelbeerhaine, Bergbaurelikte, Kelchalmgraben, hinein nach Kitzbühel und dort ein abschließender Pflichtspaziergang durch die belebte Fußgängerzone.

Auf dem kleinen Markt werden gar nicht so teure Kiachl mit Sauerkraut verkauft, eine Blaskapelle spielt, manche nippen einen Aperol Spritz, und es tragen eindeutig mehr Menschen Bergklamotten als Pelzmäntel. Ist ja auch Sommer.

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