Wo die Zivilisation endet, beginnt Norwegen, wie man es sich vorstellt – ein Land, das 15 Einwohner pro Quadratkilometer hat. Wir sind auf dem Weg zur Kaldavasshytta, eine kleine Selbstversorgerhütte am Kaldavatni-See, südwestlich unserer Basis. Zunächst geht es über den Rallarvegen, einen Pfad, auf dem Mountainbiker ihre Waden und Fahrradketten heiß treten. Dann verlassen wir Myrdal, wo wir die Gleise der höchstgelegenen Bahnstrecke Europas – die Bergensbanen zwischen der Hauptstadt Oslo und Bergen – unterqueren und nach einer halben Stunde an der ersten Destination unserer Wanderung ankommen: in der Einsamkeit.
Auf den fußbreiten Pfaden gibt es kaum zweibeinigen Gegenverkehr, dafür unendlich viel Weite, Wildnis und Wasser. Mit zunehmender Höhe lösen Schneeflecken die spärlichen Grasflächen ab. Zwischen Geröllfeldern liegen Bergseen, deren Farbenspektrum sämtliche Nuancen zwischen Grün und Blau abdeckt. Ein türkisfarbener namenloser See verführt uns schließlich zum Innehalten und zu einer Mutprobe. Dem Köpfler mit Anlauf ins eiskalte Wasser folgen hastige Atemzüge, Armzüge und am Anfang auch ein paar Kraftausdrücke.
Dann kommen wir an, Endstation Einöde. Unser Halbtagesfußmarsch mündet in eine Halbinsel, an deren Spitze zwischen kugelrunden Felsen und Wollgräsern die Kaldavasshytta liegt. Das Häuschen am See hat das Format einer Gartenhütte und ist mit zwei Holzhochbetten, einer Eckbank, Kochutensilien, Brettspielen, Büchern, Brennholz und einer Axt bestückt. Bevor wir unser Tagwerk am Gasherd beschließen, wärmen wir uns in den letzten Sonnenstrahlen und hechten von einem Felssockel in den kristallklaren Kaldavatni.
Am Rückweg wartet noch ein Kick der anderen Art: an einer neu errichteten Zipline bei Myrdal kann man mit 100 Stundenkilometern ganze 1,4 Kilometer und 300 Höhenmeter talwärts zur malerischen Rallarosafarm düsen. Und dort auch den norwegischen „Nationalkäse" Kremost – gehobelter brauner Ziegenkäse mit karamellartigem Geschmack – verkosten.
Infos zur Route: Ausgangspunkt ist die Eco-Hytta im Örtchen Reinunga, in der Nähe des Verkehrsknotenpunkts Myrdal. Von hier aus wandert man zur Kaldavasshytta, die Buchung der kleinen Hütte am Kaldavatni-See erfolgt über den norwegischen Bergsteigerverein DNT (voss.utferdslag@dnt.no). Nach der Rückkehr schwebt man mit der längsten Zipline Skandinaviens über 1.381 Meter von Vatnahalsen zum Ziegenhof Rallarrosa und kehrt zu Fuß über die steilen Serpentinen zum Ausgangspunkt zurück.